Oma Hedwig zählte zum dritten Mal nach, doch die Zahl auf dem Küchentisch blieb dieselbe: einundachtzig Euro dreiundvierzig. Fünf Tage noch bis zum Monatsende, und Jonas' Tabletten kosteten laut dem Zettel vom Arzt siebenundzwanzig Euro. L-Thyroxin, zweimal täglich, ohne Unterbrechung, hatte der Doktor gesagt. Sie schob die Münzen in Zehnerstapel, als könnte sich die Summe durch Ordnung vermehren.
„Oma, was rechnest du da schon wieder?"
Jonas stand in der Küchentür, den Rucksack noch über der Schulter. Sie schob die Münzen unter den Brotkorb.
„Nix, Junge. Mach dich fertig für morgen."
„Du rechnest seit einer Woche jeden Abend. Ist was mit der Klassenfahrt?"
Die Lehrerin hatte die Liste ausgehängt: hundertzwanzig Euro für drei Tage Sauerland, Anzahlung bis Freitag. Oma Hedwig hatte den Zettel dreimal gelesen und dann in die Schublade gelegt, zwischen die Rechnungen, die sie nicht öffnete, bevor sie musste.
„Das wird schon."
„Oma."
„Ich sag dir, es wird schon!"
Sie sagte es lauter, als sie wollte, und Jonas schwieg. Er hatte diesen Ton vorher nur zweimal gehört, beide Male, wenn das Geld für etwas nicht reichte, das er sich zu sehr gewünscht hatte, um danach zu fragen. Er ging ohne Abendessen ins Bett, und sie hörte ihn durch die dünne Wand nicht schlafen.
Jonas war achtzehn, als er sich daran noch erinnerte, obwohl acht Jahre dazwischenlagen. Wer ihn heute sah, mit dem Rucksack über der Schulter, höflich, zuverlässig, immer bereit, mit anzupacken, der hätte sich kaum vorstellen können, wie sein Leben angefangen hatte. Seine Eltern hatten ihn als Kleinkind bei der Großmutter gelassen. Erst hieß es, das sei nur für ein paar Wochen. Dann wurden Wochen zu Monaten, Monate zu Jahren. Irgendwann hatte Oma Hedwig verstanden: Außer ihr hatte der Junge niemanden mehr.
Viel Geld hatte sie nie gehabt. Sie lebte von einer kleinen Rente und dem Kindergeld. Abends, am Küchentisch in ihrer Wohnung in Gelsenkirchen, rechnete sie. Die Rente für Strom, Heizöl, Tabletten. Das Kindergeld für Hefte, Kleidung, alles, was für die Schule gebraucht wurde. Blieb etwas übrig, gab es sonntags Schnitzel. Wenn nicht, gab es Kartoffeln mit Quark oder eine Linsensuppe.
Mit der Klassenfahrt war es damals so ausgegangen: Oma Hedwig hatte ihre Blutdrucktabletten zwei Monate lang nicht gekauft und stattdessen das billigere Generikum ihrer Nachbarin genommen, bis sie selbst wieder welche bezahlen konnte. Jonas erfuhr das erst Jahre später, von der Nachbarin, nicht von ihr.
Jeden Morgen stand Oma Hedwig vor ihm auf.
„Jonas, komm, Junge, sonst kommst du zu spät!"
„Noch fünf Minuten, Oma!"
„Bei dir werden aus fünf Minuten eine halbe Stunde!"
Sie schmierte ihm zwei Scheiben Brot, packte ihm etwas für die Pause ein, und bevor er zur Tür ging, kam immer dieselbe Frage:
„Hast du die Hefte? Den Schlüssel? Das Geld für den Bus?"
„Hab ich alles, Oma!"
„Na dann, lauf schon."
Mit vierzehn, als andere Jungs für alles Mögliche Geld wollten, fragte er nur noch: „Oma, haben wir diesen Monat genug?" Sagte sie, es sei knapp, verlangte er nichts mehr. Mit sechzehn half er Nachbarn in der Siedlung, Rasen mähen, Keller ausräumen. Bekam er zehn Euro, kam er nach Hause und legte die Hälfte auf den Küchentisch.
„Steck das für dich weg", sagte sie.
„Nein. Die Hälfte für mich, die Hälfte für dich."
„Ich hab doch Rente!"
„Und ich hab dich."
Im Jahr, in dem er achtzehn wurde, dachte Jonas immer öfter an die Zukunft. Er hatte einen Plan, über den er ständig mit seiner Großmutter sprach.
„Wenn ich mein erstes Gehalt bekomme, kaufst du kein Heizöl mehr von deiner Rente."
„Hör sich das einer an! Und was soll ich dann mit der Rente machen?"
„Was du willst. Dir was gönnen."
„In meinem Alter, was soll ich mir noch kaufen?"
„Alles, was du dir nie gekauft hast, solange du mich großgezogen hast."
Da schwieg Oma Hedwig, denn sie dachte an die Blutdrucktabletten und an den Mantel, den sie seit sechs Jahren nicht ersetzt hatte, weil der Reißverschluss notdürftig mit einer Sicherheitsnadel hielt.
An einem Morgen im frühen Herbst, bevor er zur Schule ging, schnallte Jonas seinen Rucksack um. Die Großmutter stand wie immer bis zur Haustür.
„Oma, danke. Für alles."
„Fängst du schon wieder an?"
„Nein. Ich will nur, dass du es weißt. Vielleicht hatten wir nicht viel, aber ich hab mich nie allein gefühlt."
„Mir tut's leid, dass ich dir nicht mehr geben konnte."
„Du hast mir genau das gegeben, was ich brauchte. Erziehung. Ein Zuhause. Jemanden, der jeden Tag auf mich gewartet hat."
Er küsste sie auf die Stirn und ging zur Schule. Oma Hedwig blieb an der Tür stehen, bis er um die Ecke verschwunden war.
Drei Wochen später kam ein Brief vom Jobcenter: die Rentenaufstockung, die sie seit Jahren beantragt hatte, war endlich bestätigt. Zweihundertsechzig Euro nachträglich, einmalig, für die Monate, in denen sie zu knapp gerechnet hatte, um den Antrag überhaupt zu stellen. Oma Hedwig saß am Küchentisch, den Brief in der einen Hand, die Lesebrille in der anderen, und rechnete, wie sie es ihr Leben lang getan hatte.
Als Jonas am Nachmittag heimkam, lag der Brief aufgeschlagen auf dem Tisch, daneben ein Flyer vom Second-Hand-Laden in der Bahnhofstraße, Wintermäntel reduziert, und das Sparbuch, das sie seit seiner Geburt für ihn führte.
„Oma, was machst du damit?"
„Zweihundert gehen auf dein Sparbuch. Für die Ausbildung. Hab ich schon mit der Bank besprochen."
„Und der Rest?"
„Reicht für einen Mantel aus dem Laden in der Bahnhofstraße. Meiner hält nur noch mit der Sicherheitsnadel zusammen."
„Oma, das war dein Geld. Zweihundert sind zu viel. Behalt die Hälfte für dich, kauf dir einen richtigen Mantel, keinen vom Second-Hand."
„Ich hab einen Mantel. Der hält noch einen Winter."
„Nein. Nicht diesmal. Ich will, dass du dir was kaufst, nicht nur das Nötigste."
„Jonas, das ist mein Geld, und ich entscheide, wo es hingeht. Für dich. Fertig."
Er wollte widersprechen, griff schon nach dem Brief, um die Summe neu aufzuteilen, aber sie legte ihre schwielige Hand auf seine.
„Lass mich das eine Mal für dich tun, ohne dass du dagegenhältst."
Jonas schluckte und ließ die Hand sinken. Er stand auf, holte die Jacke mit der Sicherheitsnadel vom Haken und hängte sie in den Schrank, ohne ein Wort. Dann setzte er sich wieder, nahm den Flyer und sagte nur: „Dann wenigstens den dunkelblauen mit dem Futter. Den hattest du letztes Jahr im Schaufenster gezeigt."
Sie sah ihn an, lange, und nickte einmal, knapp. Draußen, vor dem Küchenfenster, fing es an zu dämmern. Der Brief vom Jobcenter lag noch zwischen ihnen auf dem Tisch, und keiner von beiden rechnete an diesem Abend etwas nach.










