Der Pulli mit den Pixelgesichtern

Ich stehe seit elf Jahren an der Kasse sechs im REWE an der Bergmannstraße in Leipzig, und man sieht in dieser Zeit so ziemlich jede Sorte Mensch durchziehen. Aber an den Mann mit dem komischen Pullover erinnere ich mich noch genau, weil an dem Tag die Kühltruhe kaputt war und ich sowieso schon schlechte Laune hatte.

Es war ein Mittwochabend im März, kurz vor Ladenschluss, draußen hatte es geregnet, und die Automatiktür ging alle paar Sekunden auf und zu, weil der Sensor die Pfützen vor dem Eingang als Bewegung erkannte. Er kam mit einem Korb voller Fertigpizza und Bier zu mir, ein Typ, vielleicht Ende zwanzig, mit Fahrradhelm unterm Arm. Sein Pullover war das, was mir zuerst auffiel: über und über bedruckt mit kleinen, verzerrten Gesichtern, manche mit drei Augen, manche mit einem Mund, wo eigentlich die Nase hingehört. Aus der Nähe wirkte es wie ein Kinderzeichentrick, aus zwei Metern Entfernung wie eine Ansammlung echter Gesichter, die einen alle gleichzeitig ansahen.

„Interessantes Teil", sagte ich, weil ich beim Scannen sowieso reden muss, sonst schlafe ich im Stehen ein.

„Danke", sagte er und guckte kurz auf sein eigenes Shirt runter, als hätte er selbst vergessen, was er anhatte. „Ist gegen die Kameras gedacht. Am Hauptbahnhof haben sie letztes Jahr die neuen Erkennungssysteme installiert, die Testphase läuft seit Januar."

Ich wusste davon, klar, stand in der LVZ. Die Stadt hatte am Hauptbahnhof und an drei, vier Kreuzungen in der Innenstadt Kameras mit Gesichtserkennung nachgerüstet, angeblich nur zur „Verkehrsflussanalyse", aber jeder wusste, dass es mehr war. Meine Kollegin Petra hatte deswegen schon zweimal mit ihrem Sohn diskutiert, der bei einer dieser Datenschutz-Initiativen mitmacht.

„Und, funktioniert das?", fragte ich, während ich das Bier über den Scanner zog. Piep.

„Bei manchen Kameramodellen ja, bei anderen gar nicht", sagte er. Er zuckte mit den Schultern, aber es war kein gleichgültiges Zucken, eher so, als würde er das schon zum zehnten Mal an dem Tag erklären. „Ich trag's trotzdem. Ist mir wichtiger als die Erfolgsquote."

Hinter ihm in der Schlange stand eine ältere Frau mit einem Netz voller Äpfel, die ihn musterte, als wäre er aus einem anderen Jahrhundert hierher versetzt worden. Der Kunde davor, ein Typ mit Aldi-Tüte, hatte schon bezahlt und blieb trotzdem noch stehen, um sich den Pullover genauer anzusehen.

„Wo kriegt man sowas?", fragte die Frau mit den Äpfeln unvermittelt.

„Ein kleines Label aus Berlin, macht das über Instagram", antwortete er. „Vierzig Euro. War früher teurer, aber jetzt gibt's mehr Anbieter, deshalb ist der Preis runtergegangen."

Ich hab das eingetippt in mein Gedächtnis, ehrlich gesagt, weil meine Nichte in Halle studiert und mir letztens erzählt hatte, sie würde nachts nicht mehr gern allein zur Bahn laufen, seit sie weiß, wie viele Kameras da inzwischen hängen. Ich dachte mir: vielleicht schenk ich ihr sowas zu Ostern.

„Und stört das die anderen Kunden nicht, wenn Sie damit hier rumlaufen?", fragte ich, während ich die letzten Artikel scannte.

„Bis jetzt hat sich noch keiner beschwert", sagte er und grinste schief. „Manche fragen halt, so wie Sie."

Er zahlte mit Karte, kontaktlos, biep-biep, packte seine Tüten, setzte den Fahrradhelm auf und ging. Die Automatiktür schluckte ihn, dann noch mal, dann blieb sie offen, weil draußen wieder eine Pfütze glitzerte.

Was ich nicht wusste, weil er es mir natürlich nicht erzählt hat, war, dass er drei Wochen später vor demselben Bahnhofsausgang stand, an dem die neuen Kameras hingen, und dass ihn dort ein Streifenpolizist anhielt, weil das System Alarm geschlagen hatte — nicht wegen einer Fahndung, sondern weil der Algorithmus seinen Pullover als „potenzielle Manipulation der Gesichtserkennung" markiert hatte. Das erzählte mir Petras Sohn Wochen später, als er zufällig bei uns einkaufen war und den Namen des Labels auf einer Tüte wiedererkannte, die jemand liegen gelassen hatte. Der Polizist hatte den Mann, so wie Petras Sohn es gehört hatte, zehn Minuten festgehalten, seinen Ausweis kontrolliert, dann kopfschüttelnd wieder laufen lassen, weil es schlicht kein Gesetz gab, das den Pullover verbot.

Ich hab seitdem öfter an ihn gedacht, immer wenn ich an der Kasse stehe und die Tür wegen einer Pfütze zuckt. Im Sommer sah ich plötzlich drei, vier Leute am Connewitzer Kreuz mit ähnlichen Mustern, T-Shirts mit verpixelten Gesichtern, eine Frau mit einem Schal voller künstlicher Augenpaare. Und im Herbst, als eine bekannte Moderatorin vom MDR bei einem Interview genau so einen Pullover trug, wegen dem angeblich halb Sachsen in den Läden danach fragte, klingelte bei uns im Laden fast eine Woche lang das Handy von Petras Sohn ununterbrochen, weil Leute wissen wollten, wo man das herbekommt.

Ich hab meiner Nichte zu Ostern tatsächlich so ein Teil geschenkt, ein Shirt mit verzerrten Gesichtern in Grau- und Blautönen, aus demselben Berliner Label, vierunddreißig Euro, weil der Preis inzwischen noch weiter gefallen war. Sie hat es mir am Telefon nicht mit großen Worten gedankt, hat nur gesagt, sie trage es jetzt immer, wenn sie zur Spätschicht in der Bibliothek geht, und dass sie sich seitdem beim Rausgehen aus der U-Bahn nicht mehr ständig umdreht, um zu sehen, ob ihr jemand folgt.

Der Mann mit dem Fahrradhelm ist nie wieder bei mir an der Kasse aufgetaucht, jedenfalls nicht, dass ich ihn erkannt hätte. Aber wenn ich abends die Kühltruhe abwische und die Tür wegen der Regenpfütze wieder aufspringt, denke ich manchmal, dass irgendwo draußen in der Dunkelheit gerade eine Kamera jemanden fotografiert, der genauso aussieht wie tausend andere Gesichter auf einem billigen Pullover — und dass das, für den Moment, reicht.

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