Ein Geständnis am Straßenrand bei Rheinbach

Ich bin Fahrlehrerin, dreiundfünfzig Jahre alt, und ich hätte diese Frau nie kennengelernt, wenn ihr Wagen nicht auf der Landstraße zwischen Rheinbach und Meckenheim liegengeblieben wäre. Es war ein Dienstagabend im Oktober, kurz vor achtzehn Uhr, ich war mit meinem Fahrschüler unterwegs, dem dritten an diesem Tag, und der Junge fluchte leise, weil vor uns ein silberner BMW X5 mit Warnblinklicht mitten auf der schmalen Straße stand.

Ich ließ ihn anhalten und stieg selbst aus. Der Regen hatte gerade aufgehört, es roch nach nasser Erde und irgendwo brannte jemand Laub, obwohl das im Rheinland eigentlich verboten ist. Am Steuer saß eine Frau in einem hellen Trenchcoat, vielleicht Mitte vierzig, mit einer Frisur, die eindeutig nicht für Landwege gemacht war. Sie starrte auf ihr Handy und sagte, ohne aufzublicken: „Kein Netz. Hier gibt es wirklich gar nichts."

Ich kannte diesen Feldweg. Direkt daneben, keine hundert Meter weiter, lag ein altes Bauerngehöft mit Apfelbäumen dahinter, ich hatte da mal einen Schüler zur Prüfung gebracht, weil die Nebenstraße so schön eng ist zum Einparken üben. Der Motor der Frau hustete noch zweimal und starb dann endgültig ab. Zündschlüssel umgedreht, nichts. Kupplung eingelegt, nichts.

„Batterie oder Zahnriemen", sagte mein Fahrschüler mit der Selbstsicherheit eines Achtzehnjährigen, der gerade erst den Führerschein macht. Ich schickte ihn zurück ins Auto, Übungsstunde vorbei für heute, und blieb bei der Frau stehen, weil man einen Menschen im Regen nicht einfach so zurücklässt.

Da kam von der anderen Seite ein Mann mit einer Schubkarre voller Brennholz. Ich erkannte ihn wieder, Matthias Brenner, dem das Gehöft gehörte, ein Mann Ende vierzig mit Schwielen an den Händen, der einmal im Jahr im Frühling meine Fahrschule anrief, weil seine Nichte den Führerschein machen wollte. Er stellte die Schubkarre ab, schaute zum BMW, dann zur Frau — und blieb stehen wie angewurzelt.

„Katja?", sagte er. „Katja Reimann?"

Die Frau drehte sich um, und ich sah, wie ihr Gesicht binnen einer Sekunde zwanzig Jahre jünger wurde. „Matthias. Mein Gott. Du bist es wirklich."

Ich habe später zusammengesetzt, was ich mit eigenen Ohren hörte und was ich mir dazu dachte, denn die beiden redeten nicht für mich, sondern aneinander vorbei, wie Leute, die zu viel auf einmal sagen wollen. Sie waren zusammen zur Schule gegangen, irgendwo bei Euskirchen, und er hatte ihr, wie er später einmal erwähnte, als Vierzehnjähriger einen Strauß Kornblumen aufs Pult gelegt, während sie sich für die Jungs aus der Stadt interessierte, die mit dem Moped kamen statt mit dem Fahrrad vom Hof.

Ich half ihr, den Wagen an den Straßenrand zu schieben, während Matthias seine Nachbarn anrief, ob jemand einen Abschleppwagen kenne. Es dauerte, wie das auf dem Land eben dauert. In der Zeit erzählte sie mir, während wir im Trockenen unter dem Vordach seiner Scheune standen, dass sie Prokuristin bei einer Versicherung in Köln sei, dass ihr Mann sie vor einem Jahr per WhatsApp verlassen hatte — „Ich schaff das nicht mehr, du bist wie aus Eis" — und dass sie eigentlich nur hergefahren war, um das Haus ihrer verstorbenen Großmutter zu verkaufen. Ein Haus mit blauen Fensterläden, das seit drei Jahren leer stand und das sie „diese alte Bruchbude" nannte, bevor sie sich dabei ertappte und den Satz zurücknahm.

Ich hatte an dem Abend noch zwei Fahrstunden, also fuhr ich weiter und dachte nicht mehr groß darüber nach. Erst im Frühjahr, als ich zufällig wieder in der Gegend war — ein Schüler wohnte in Rheinbach-Todenfeld, direkt am Waldrand —, sah ich das Haus mit den blauen Läden wieder. Es stand nicht mehr leer. Es hatte ein neues Dach, frisch gestrichen, und im Garten war ein Mann dabei, junge Apfelbäume zu setzen, während eine Frau in Gummistiefeln ihm Erde aus einem Eimer nachschüttete. Ich brauchte einen Moment, um sie zu erkennen, weil sie lachte, und zwar so, wie Menschen lachen, die es nicht für ein Publikum tun.

Ich hielt kurz an, weil mein Schüler unbedingt Einparken an genau dieser Stelle üben wollte, sie sei so ruhig. Katja kam zum Zaun, erkannte mich sofort wieder — „Die Fahrlehrerin! Von der Panne!" — und erzählte mir in drei Minuten mehr, als ich erwartet hatte. Dass sie ihre Stelle bei der Versicherung auf vierzig Prozent reduziert hatte und den Rest im Homeoffice erledigte, von einem Schreibtisch, der früher der Küchentisch ihrer Großmutter gewesen war. Dass ihre alte Katze Mimi inzwischen bei ihr auf dem Kachelofen schlief statt auf der Fußbodenheizung einer Kölner Neubauwohnung. Dass ihre Freundinnen aus der Stadt am Telefon den Kopf schüttelten, wenn sie hörten, dass sie das Penthouse aufgegeben hatte für ein Haus ohne Geschirrspüler.

„Und?", fragte ich, mehr aus Höflichkeit als aus echtem Interesse, weil mein Schüler ungeduldig am Lenkrad trommelte.

„Und ich hab's ihnen erzählt", sagte sie und wischte sich die Hände an der Jeans ab. „Ich war Prokuristin. Ich war erfolgreich. Und ich war allein. Jetzt bin ich weniger erfolgreich und nicht allein."

Ich musste weiter, mein Schüler hatte in zwanzig Minuten noch eine Fahrstunde bei einer Kollegin. Im Rückspiegel sah ich, wie Matthias aus der Scheune kam, ihr etwas zurief, und wie sie barfuß über den nassen Rasen zu ihm lief, ohne sich die Gummistiefel auszuziehen, die sie eigentlich gerade erst angehabt hatte. Was aus dem BMW geworden ist, weiß ich nicht — ich habe ihn seither nie wieder vor dem Haus stehen sehen, nur einen alten grünen Kleintransporter mit Aufklebern eines Streuobstvereins aus Meckenheim. Was aus dem Haus ihrer Großmutter geworden ist, das habe ich mit eigenen Augen gesehen, und das reicht mir eigentlich.

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