Ich wusste schon am Telefon, dass es Ärger gibt. Mutters Stimme war so, wie sie immer wird, wenn sie einen Plan hat – ganz ruhig, fast freundlich, aber da schwingt dieses Ziehen mit, das ich seit dreißig Jahren kenne. Sie sagte nur: „Komm morgen zum Kaffee, Junge. Wir müssen über das Gut reden.“
Das Gut. So nennt sie den Hof in der Uckermark, seit sie ihn vor zwölf Jahren von Onkel Erwin geerbt hat. Acht Hektar Land, ein Wohnhaus aus den Sechzigern, zwei Scheunen, davon eine mit dem Dach, das bei jedem Sturm jammert. Für mich war das nie ein Gut. Das war der Ort, an dem ich als Kind jeden Sommer Hühner gefüttert habe und wo ich mir mit zwölf beim Kirschenpflücken den Arm gebrochen habe. Mutter war immer stolz darauf, dass das alles einmal uns gehört – mir und meiner Schwester Karin.
Bloß: Karin interessiert sich seit zwanzig Jahren nicht mehr dafür. Sie wohnt in Freiburg, arbeitet als Anwältin mit Blick auf den Schlossberg. Wenn sie anruft, dann zwischen zwei Terminen, mit diesem abgehetzten Flüstern, als dürfte niemand hören, dass sie eine Mutter hat. Und ich? Ich fahre jeden zweiten Sonntag die dreihundertzwanzig Kilometer von Magdeburg rauf in die Uckermark. Einmal im Monat bringe ich die Hecke vorm Haus in Form. Letztes Frühjahr habe ich die ganze Südwand neu streichen lassen, Mutter stand dabei mit dem Gartenschlauch und hat jeden Zentimeter kommentiert: „Da ist noch was, Junge. Nein, mehr rechts. Das wird nie was, wenn du so weiterschluderst.“
Nie was geworden bin ich ja tatsächlich. Das sagt sie nicht, aber sie denkt es. Zwei Studiengänge abgebrochen, dann zwölf Jahre als Kfz-Mechaniker in einer freien Werkstatt, dann die Sache mit der Bandscheibe, jetzt halbtags im Ersatzteillager. Karin auf dem Schlossberg, ich auf dem Schrottplatz. Es ist nicht so, dass ich es nicht auch so empfinden würde. Aber ich bin derjenige, der kommt. Ich bin derjenige, der weiß, dass in der Küche die dritte Fliese links vom Herd gesprungen ist, und dass man den Kaltwasserhahn nicht zu fest zudrehen darf, weil er sonst tropft. Das ist auch etwas.
Am Morgen nach dem Anruf fiel mir nichts. Ich nahm den Wagen – den alten Golf mit dem Zündschloss, das manchmal klemmt – und fuhr los. Die Tankstelle in Prenzlau hat den Kaffee auf eins siebzig erhöht, das ärgerte mich mehr, als es sollte. Ich kam um zehn vor elf an. Mutters Tür war unverschlossen, der Flur roch nach Zimt und Bohnerwachs, wie immer. Auf dem Küchentisch stand der gute Kaffee, die blaue Kanne, für die sie sonst einen Anlass braucht.
„Setz dich“, sagte sie. „Karin kommt nicht. Schade.“
„Du hast ihr Bescheid gesagt?“
„Ich habe ihr gesagt, dass es ums Erbe geht. Da hat sie einen Termin, der ist ihr wichtiger.“
Das klang nicht traurig. Es klang sachlich, wie wenn man den Wetterbericht vorliest. Sie schenkte mir ein, nahm selbst keinen Schluck, drehte den Stuhl so, dass sie zum Fenster sah. Draußen fuhr der Postbote vorbei, hielt nicht an.
„Ich habe nachgedacht“, sagte sie. „Ich werde den Hof verkaufen.“
Meine Hand blieb an der Tasse hängen. „Wie bitte?“
„Na, das ist doch vernünftig. Ich bin fast sechsundsiebzig, Junge. Mir fällt das Treppensteigen schwer, der Winter war die Hölle, und auf den Hektar Land bekomme ich schon lange keine Pacht mehr. Deine Schwester hat kein Interesse. Du hast kein Geld, das Haus zu übernehmen. Der Makler aus Angermünde schätzt den Hof, so wie er dasteht, auf knapp dreihundertachtzigtausend. Was soll ich damit? Mir die Füße vertreten?“
Ich sagte nichts. Da war dieses Rumoren im Magen, das ich auch bei der Werkstattauflösung hatte, damals, als Chef Hoffmann mir die Hand gegeben und gesagt hatte: „Alter, tut mir leid, aber es reicht nicht mehr.“ Das ist die Art von Stille, in der man hört, wie etwas wegrutscht, das man für fest gehalten hat.
„Und was soll aus mir werden?“, fragte ich.
„Du hast eine Wohnung.“
„Ich habe eine Zweizimmerwohnung in Magdeburg-Neustadt, Mutter. Das ist keine Antwort.“
Sie zog den Ordner aus der Schublade. Der Einband war abgegriffen, ein Notarheft, älter als ich. „Ich mache das nicht, um dich zu ärgern. Ich mache das, weil ich nicht will, dass ihr euch nach meinem Tod um ein Haus streitet, das keiner von euch will. Also verkaufe ich es. Das Geld geht entweder an euch beide – oder, wenn ihr so weitermacht, ans Tierheim Prenzlau. Die hätten auch nichts dagegen, das kann ich dir sagen.“
Da lachte ich. Es kam falsch raus, ein kurzer, bellender Ton. „Du drohst uns mit dem Tierheim?“
„Nein, ich informiere dich. Das ist ein Unterschied.“
Wir saßen eine Weile so da, jeder mit seiner Tasse, zwischen uns der Ordner und die Zimtschnecken, die niemand anrührte. Draußen lief der alte Hofhund vom Nachbarn quer über die Dorfstraße, ein schwarzer Schäferhundmischling mit hängender Rute. Ich habe nie den Namen des Hundes gewusst, aber ich weiß, dass er jeden Morgen um dieselbe Zeit da entlangtrottet, als hätte er einen Dienst zu versehen. Das Haus meiner Kindheit stand da, die Fensterläden frisch gestrichen, und meine Mutter erklärte mir mit ruhiger Stimme, dass der Wert dieses Hauses sich am besten in einem Ordner machen lässt.
„Und Karin?“, fragte ich. „Die kriegt dann auch dreihundertachtzigtausend, obwohl sie nicht mal weiß, dass der Gartenschlauch hinten am Stall hängt?“
„Wenn sie sich rührt, ja. Das habe ich ihr am Telefon nur noch nicht gesagt. Da hat sie ja einen Termin.“
Ich trank den Kaffee aus, obwohl er schon kalt war. „Wenn du denkst, dass ich dich jetzt anflehe, liegst du falsch. Du willst verkaufen? Verkauf. Aber dann erwarte nicht, dass ich weiter jeden zweiten Sonntag die Hecke schneide für ein Haus, das einem Fremden gehört.“
Mutter räumte die Kanne in den Ausguss. Das Geräusch von Porzellan auf Edelstahl war laut in der Küche. „Du kommst doch sowieso nur aus Pflichtgefühl. Das spüre ich an der Art, wie du die Autotür zuschlägst, wenn du abfährst.“
Ich stand auf. Der Stuhl kippte fast nach hinten, ich fing ihn mit dem Knie ab. „Ich schlage die Tür nicht zu.“ Dabei wusste ich es selbst nicht genau.
„Doch, Junge. Ziemlich laut sogar.“
Da hätte ich gehen können. Einfach raus, in den Golf, zurück, Zündschloss klemmt, Autobahn, Neustadt, Ruhe. Aber ich blieb an der Tür stehen, die Hand am Griff, und sagte es dann doch, dieses eine Mal: „Dann weißt du ja, warum. Weil ich jedes Mal, wenn ich hier wegfahre, das Gefühl habe, dass dir nichts, was ich tue, je genug sein wird. Ich habe dir die Südwand gestrichen – du hast mir gesagt, ich schludere. Ich habe dir letzte Weihnachten einen neuen Holzofen eingebaut – du hast die Rechnung kontrolliert, als wäre ich ein Handwerker, den du nicht kennst. Sag mir, wann ich es dir einmal recht gemacht habe. Einmal, Mutter. Ein einziges Mal, das du mir geglaubt hast, dass ich es ehrlich meine.“
Sie stand am Spülbecken, hatte mir den Rücken zugewandt, die Hände in der Schürze. Man konnte die Hauswand atmen hören, so ruhig wurde es. Dann drehte sie sich um, und da war kein Zorn, kein Tränenglanz, wie man ihn sonst in solchen Geschichten hat. Sie sah mich nur an mit dem Gesicht, das ich von früher kenne, wenn sie beim Kirschenpflücken auf der Leiter stand und mir zurief: „Guck nicht nach unten, Junge, das bringt nichts.“ Nicht kalt, sondern so, wie man einen Menschen ansieht, den man liebt, aber mit dem man seit Jahren nicht mehr dieselbe Sprache spricht. Und dann sagte sie: „Ich habe es dir geglaubt, als du acht warst und mir auf den Grabstein von Vater ein Bild gemalt hast. Weil du gesagt hast, dann ist er nicht so allein im Winter. Weißt du das noch? Das Bild ist noch im Schrank, hinten im Fotoalbum, hinter dem Konfirmationsheft deiner Schwester.“
Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wollte etwas sagen, aber meine Kehle war zu, wie bei einer Erkältung, die man zu lange verschleppt hat. Ich nickte nur. Nicht einmal das war wirklich ein Nicken, eher ein Senken des Kopfes, als hätte mir jemand eine Hand auf den Nacken gelegt.
Ich ging. Ich fuhr zurück, die Sonne hing tief über der Landstraße, ein Traktor kam mir entgegen, ich musste auf den Randstreifen. In der Wohnung stand die Spüle voller Geschirr von Freitag. Ich ließ es stehen.
Drei Tage später rief der Makler aus Angermünde an, ob man einen Besichtigungstermin ausmachen könne. Er hatte Mutters Stimme auf dem Band, das war der zweite Anruf. Beim ersten hatte ich nicht abgenommen.
Ich sagte: „Nächste Woche, Mittwoch, neun Uhr. Aber bringen Sie ehrliche Leute mit, keine Immobilienhaie. Und denken Sie dran, das Dach der hinteren Scheune ist marode. Wenn Ihre Leute das nicht sehen, sind es die falschen Leute.“ Der Mann am anderen Ende machte eine Pause, als müsste er prüfen, ob er richtig verstanden hat. „Das klingt so, als wollten Sie den Verkauf verhindern, Herr Schreiber.“ – „Nein“, sagte ich. „Ich will nur, dass meine Mutter nicht übers Ohr gehauen wird. Wenn schon alles weggeht, dann zu einem anständigen Preis.“
Ich legte auf. Der Kaffee in meiner Maschine war durchgelaufen. Ich nahm die Tasse und setzte mich auf den Balkon, der nur so groß ist, dass zwei Stühle und ein wackliger Tisch draufpassen. Von dort sieht man auf den Parkplatz und auf die Leuchtreklame vom Dönerladen gegenüber. Die geht auch bei Tag kaputt, ein B stottert die ganze Zeit.
Ich dachte an den Schrank im Schlafzimmer meiner Mutter. An das Fotoalbum mit dem blauen Einband und an das Konfirmationsheft von Karin. Und an das Bild dahinter. Ich hatte es gemalt, mit Wasserfarben aus dem Tuschkasten meiner Schwester, auf einem der billigen Zeichenblöcke, die es früher bei Schlecker gab. Der Vater lag auf dem Dorffriedhof in einem Grab, auf dem im Winter nie Blumen standen, weil Mutter die Kälte nicht vertrug. Ich hatte ihm einen Baum gemalt, eine Sonne, einen langen Zaun, und ein Haus mit gelbem Dach, obwohl der Himmel auf dem Friedhof im Januar so grau war wie das Wasser in der Gießkanne, die ich dort nicht benutzen durfte. Unten aufs Bild hatte ich geschrieben: „Für Papa, damit du nicht frierst.“ In meiner Achtjährigenhandschrift, mit zwei Rechtschreibfehlern. Mutter hatte es nicht weggerissen und nicht zerknüllt. Sie hatte es in den Schrank gelegt, in ein Fotoalbum, hinter das Konfirmationsheft meiner Schwester, wo es ein Kind niemals wiederfinden würde. Und dann hatte sie es vergessen – oder auch nicht, weil man so etwas nicht vergisst. Man legt es nur weg, weil man es sonst jeden Tag sehen müsste, und dann würde man jeden Tag so dastehen wie ich jetzt auf dem Balkon: mit einer erkalteten Tasse Kaffee und einem Gefühl in der Brust, als hätte man die dritte Fliese links vom Herd in der Hand, fest genug, dass sie einen wärmt, und locker genug, dass man weiß, sie gehört nicht einem.
Am Mittwoch um kurz vor neun fuhr ich raus. Ich wollte Mutters Küche nicht betreten, also wartete ich an der Auffahrt, lehnte am Zaun, die Hände in den Taschen. Der schwarze Hund kam um die Ecke, blieb kurz stehen, sah mich an, als müsste er entscheiden, ob ich hierhergehörte. Dann trottete er weiter. Ich hätte schwören können, dass er den Kopf schüttelte, so wie mein Meister in der Ausbildung, wenn ich die Spur nicht einstellen konnte. Nicht böse. Eher: Der Junge wird es auch nie richtig lernen.
Der Wagen des Maklers war ein grauer Passat mit Angermünder Kennzeichen. Er brachte ein Paar aus Potsdam, beide um die vierzig, er mit diesem Lachen, das überall sitzt, wo man Grundstücke besichtigt, sie mit Daumen und Zeigefinger an einer Kaffeetasse. Sie gingen durchs Haus, Mutter führte. Ich blieb am Hoftor stehen und hörte die Stimme des Mannes, als sie in den ersten Stock kamen: „Die Teilung ist originell, muss ich sagen. Aber die Fenster, die müssen alle neu, das sind mindestens achtundvierzigtausend, wenn ich richtig liege.“ Der Makler nickte dazu, als hätte der Mann den Bebauungsplan studiert.
Mutter sagte nichts. Ich auch nicht. Ich dachte: achtundvierzigtausend. Das ist mehr, als ich im Jahr verdiene. Und dieser Mann rechnet es mit einer Handbewegung durch, während seine Frau mit dem Handy die Küche filmt, in der ich als Kind auf einem Hocker saß und Zwetschgen entsteinte, jeden August, bis die Finger blau waren. Da hörte ich etwas in mir, was nicht das Herz war. Eher ein Klacken, wie wenn das Zündschloss im Golf einrastet, wenn man genau den richtigen Druck findet. Nicht laut, aber man weiß: Jetzt ist es drin. Jetzt fährt man.
Als die Potsdamer wieder draußen waren und der Mann gerade sagen wollte, dass man über den Preis noch reden könne, trat ich vom Zaun weg und sagte: „Bevor Sie sich Mühe geben: Der Hof wird nicht verkauft. Meine Mutter hat keine Vollmacht, das zu entscheiden. Das Haus gehört zur Hälfte mir. Steht so in der Erbauseinandersetzung nach dem Tod meines Vaters. Wenn Sie kaufen wollen, reden Sie mit mir. Und ich will nicht verkaufen.“
Der Makler blinzelte. Dann zog er sein Handy aus der Jackentasche, als hätte er dort die Wahrheit gespeichert. Mutter stand auf der obersten Stufe der Eingangstreppe, die Hände in der Schürze, wie damals am Spülbecken, nur dass sie jetzt zu mir heruntersah. „Junge“, sagte sie, „das ist nicht wahr. Das weißt du.“
„Es ist nicht im Grundbuch“, sagte der Makler, und seine Stimme klang jetzt weniger geölt. „Das hätte mein Büro vorher sehen müssen. Ich will keine falschen Angaben.“
„Dann schauen Sie nach“, sagte ich. „Rufen Sie in Schwedt an, beim Amtsgericht. Oder lesen Sie die Unterlagen, die Ihre Kanzlei von meiner Mutter bekommen hat. Halbe Miteigentumsanteile am Grundstück, seit einundzwanzig Jahren. Sie hat es Ihnen nur nicht gesagt, weil sie dachte, es interessiert Sie nicht.“
Der Mann aus Potsdam hörte auf zu lachen. Seine Frau hielt das Handy noch immer auf die Füße gerichtet, als filmte sie die Frage, was denn da jetzt heranwachse. Mutter sah mich an, und ich wusste, dass sie im selben Moment meinen Schrank in ihrem Schlafzimmer vor Augen hatte, das Album, das Heft, das Bild. Und dass sie verstanden hatte, warum ich log. Nicht wegen des Hofs. Sondern weil das Haus, in dem ein achtjähriger Junge ein Bild für seinen toten Vater malt, nicht an jemanden aus Potsdam gehen darf, der die Fenster vorher ausrechnet und die Teilung „originell“ findet. Nicht ohne Kampf. Nicht am Mittwoch um Viertel nach neun, während ein Hund vorbeiläuft, der mehr Anstand hat als der ganze Besichtigungstermin.
Am Abend rief Karin an. Zum ersten Mal seit Weihnachten. Ihre Stimme war scharf vor Panik, als hätte jemand den Schlossberg in ihr Büro getragen. „Was hast du getan? Mutter sagt, du erzählst Lügen über eine Vollmacht, die es nicht gibt.“ – „Ich erzähle Lügen, die Zeit kaufen“, sagte ich. „Kommt drauf an, wofür du sie nutzt.“ – „Wofür?“, fragte sie. „Was soll das Ganze? Willst du den Hof? Dann nimm ihn. Ich will ihn nicht. Aber dann lass den Verkauf nicht platzen, sonst kriegen wir am Ende gar nichts.“ – „Du kriegst deine hundertneunzigtausend auch, wenn du dich einmal im Monat ans Telefon hängst und mit Mutter über den Gartenschlauch redest“, sagte ich. „Der hängt hinten am Stall. Seit elf Jahren an demselben Nagel. Falls dir das was sagt.“
Ich hörte, wie sie Luft holte, so kurz und scharf wie bei einem Termin, den man verliert. „Ich habe keine Zeit übrig, Marc. Das ist kein Zeichen von Lieblosigkeit, das ist die Wahrheit.“ – „Dann mach dir keine Sorgen“, sagte ich. „Wenn es nur um die Zeit geht, kann ich dir helfen. Ich war am Mittwoch um neun da. Das reicht. Du warst nicht da. Das reicht auch.“ Dann legte ich auf, bevor sie antworten konnte, weil ich nicht sicher war, ob ich sonst weich werden würde. Draußen stotterte das B vom Dönerladen, und ich dachte: Das ist es, was reicht.
Am Freitag fuhr ich ohne Ankündigung raus. Ich hatte beim Blumenhändler am Bahnhof in Magdeburg einen Bund gelber Tulpen gekauft, die billigsten, die er hatte, fünf Stück für vier Euro. Im Baumarkt hatte ich eine Rolle durchsichtige Folie und ein Stück cremefarbenen Karton geholt, im Format von Vaters Bild. Den kleinen Bilderrahmen, den ich seit dem Umzug ungenutzt in einer Kiste hatte, nahm ich mit. In der Küche lief der Kaffee durch, und Mutter stand am Fenster, als hätte sie gewusst, dass ich komme. Sie sagte nichts. Ich stellte die Blumen auf den Tisch, daneben den Rahmen. Dann legte ich den neuen Karton auf die Arbeitsplatte, auf die dritte Fliese links vom Herd, die gesprungene, und sagte: „Ich hab mir überlegt, wir machen dem Papa ein neues Bild. Ein schöneres. Eins, bei dem du nicht weinen musst, wenn du es ansiehst. Aber dafür musst du mir den Tuschkasten von Karin geben, den mit dem silbernen Deckel. Oder du zeigst mir, wo er ist. Dann male ich den Baum so, wie er heute dasteht, mit allem, was dazukommt: der Hund, die Scheune, und du auf der Leiter. Nicht gucken nach unten. Das bringt nichts.“
Da passierte es. Mutter ging zum Schrank im Schlafzimmer, zog das Album heraus, hinter dem Konfirmationsheft lag das alte Bild, das ich vor einunddreißig Jahren gemalt hatte, mit Wasserfarben auf einem Blatt, das sich gewellt hatte wie die Ostsee im Herbst. Sie legte es neben den Karton. Und ich sah zum ersten Mal, dass sie unten auf der Rückseite mit Bleistift etwas geschrieben hatte: „Marc, 8, am Grab des Vaters, Januar.“ Nicht „damit du nicht frierst“, nicht mit meinen zwei Fehlern. Nur: „Januar.“ Ich wusste sofort, warum. Weil der Januar der Monat war, in dem er gestorben war, und weil man das nur erträgt, wenn man es aufschreibt, irgendwo, wo es ein Kind nicht findet.
Ich setzte mich an den Küchentisch. Mutter reichte mir den Tuschkasten. Der silberne Deckel klemmte, wie damals. Ich öffnete ihn. Die Farben waren eingetrocknet, aber mit ein bisschen Wasser aus der Tasse, die auf der dritten Fliese stand, gingen sie, als wären keine dreißig Jahre vergangen. Ich malte nicht gut. Ich malte den Baum, die Sonne, den Zaun, und ein Haus mit gelbem Dach, obwohl das Dach in Wirklichkeit rot ist. Ich schrieb unten hin: „Für Papa, damit du nicht frierst.“ Ohne Fehler.
Mutter sah zu. Sie korrigierte mich kein einziges Mal. Und als das Bild fertig war, trocknete sie es mit dem Föhn, den ich ihr zu Weihnachten geschenkt hatte, und legte es in den Rahmen. „Der Hof wird nicht verkauft“, sagte sie. „Aber nicht, weil du gelogen hast.“ – „Sondern?“, fragte ich. – „Sondern weil du gekommen bist, obwohl du dachtest, ich will dich nicht mehr. Das da“, sie tippte auf den Rahmen, „das ist kein Ersatz für einen Notartermin. Das ist der Grund, warum man einen Hof in der Familie lässt. Damit einer da ist, der im Januar ans Grab fährt, wenn ich es nicht mehr kann. Ob du die Hecke schneidest oder nicht, ist mir egal. Aber das Bild, das bleibt jetzt im Flur. Da sieht es jeder, der zur Tür reinkommt. Auch die Leute aus Potsdam, falls sie noch mal eine Besichtigung anfragen. Aber das werden sie nicht. Ich schließ den Ordner weg.“
Draußen zog der schwarze Hund vorbei, blieb kurz stehen, hob den Kopf. Diesmal wedelte er nicht. Er schaute zum Fenster, als hätte er die Schüssel mit Wasser gesehen, die ich ihm am Morgen neben das Hoftor gestellt habe, einfach so, weil ich dachte, dass alte Hunde an alten Wegen Durst haben. Dann legte er sich vor die Auffahrt, den Kopf auf die Pfoten, und blieb dort, bis die Dämmerung kam, als hätte er einen Dienst, der jetzt auch für mich galt.
Ich trank meinen Kaffee aus. Er war kalt, aber ich ließ mir von Mutter die blaue Kanne geben und schenkte mir nach, weil es so ein Morgen war, an dem man Kaffee kalt trinken darf, ohne dass einem kalt wird. Sie nahm sich auch eine Tasse, und wir saßen eine Weile am Fenster, ohne etwas zu sagen, und sahen dem Hund zu, der auf unsere Auffahrt aufpasste, als gehörte sie ihm jetzt auch ein bisschen. Und als ich am Abend in den Golf stieg und das Zündschloss einrastete, klang es nicht mehr wie etwas, das man reparieren muss. Es klang wie das Klacken eines Schlosses, das endlich weiß, wohin es gehört.











