Ich heiße Bernd Ostrowski, ich bin zweiundfünfzig und bis vor sechs Monaten hätte ich nie gedacht, dass ich mal wegen eines Hundes vor der Friedhofsverwaltung von Lemgo stehen würde, mit einem Ordner unter dem Arm und einer Wut im Bauch, die ich seit meiner Scheidung nicht mehr gespürt hatte.
Meine Schwiegermutter Ruth hatte den Hund vier Jahre vor ihrem Tod bekommen. Ein Rüde, Promenadenmischung, sie nannte ihn Ottokar, alle anderen sagten nur Otto. Ich fand das damals albern – eine Siebzigjährige mit Hexenschuss, die sich einen Hund aus dem Tierheim in Detmold holt. Meine Frau Sabine, ihre Tochter, fand es rührend. Ich fand es unpraktisch. Ich sollte recht behalten, nur anders, als ich dachte.
Ruth wohnte allein in einem kleinen Reihenhaus am Stadtrand, seit ihr Mann 2019 gestorben war. Otto und sie hatten eine Routine: Jeden Abend, kurz vor sieben, ging sie mit ihm zur Sankt-Nicolai-Kirche, saß dort in der Bank in der letzten Reihe, betete ihr Vaterunser, und Otto lag die ganze Zeit unter der Bank und wartete. Danach gab es für ihn eine Scheibe Fleischwurst vom Metzger Brammertz an der Ecke – das war ihr Ritual, nicht meins, ich habe es nur zwei-, dreimal miterlebt, wenn ich sie abholen musste, weil ihr Auto in der Werkstatt war.
Im Februar wurde Ruth ins Klinikum Lippe eingeliefert. Lungenentzündung, dann Komplikationen, dann drei Wochen, aus denen keine mehr wurden. Ich war derjenige, der sich um alles kümmern musste, weil Sabine an dem Tag, als es passierte, mit vierzig Grad Fieber im Bett lag und ich ihr das mit dem Krankenhaus erst gar nicht sagen wollte. Ich habe Otto zu uns geholt. Meine Idee, nicht Sabines – das will ich klarstellen, weil später alle so getan haben, als hätte ich den Hund nur widerwillig genommen.
Aber Otto blieb nicht. Jeden Abend, kurz vor sieben, stand er an der Terrassentür und kratzte. Nach drei Tagen ist er einfach durch einen Spalt im Gartenzaun verschwunden, den ich seit Monaten reparieren wollte – ironisch, dass ausgerechnet diese Faulheit ihm die Freiheit gab. Ich habe ihn an der Kirche gefunden, auf den Stufen, den Kopf zur Tür gedreht. Er hat nicht gebellt. Er hat einfach gewartet.
Pfarrer Albrecht Kellermann kannte Ruth seit fünfzehn Jahren. Er hat mir erzählt, dass er den Hund schon zweimal weggeschickt hatte, bevor er begriff, wer da eigentlich vor seiner Kirche saß. Eine alte Frau aus der Nachbarschaft, Frau Wielgosz, hat ihn dann aufgeklärt: „Das ist Ottokar. Der wartet auf Ruth Brenner." Kellermann hat mir das am Telefon erzählt, mit einer Stimme, die belegt klang, als hätte er sich gerade erst die Nase geputzt.
Ich habe Otto dreimal zurückgeholt. Dreimal ist er wieder weg. Beim vierten Mal habe ich aufgegeben zu kämpfen und bin einfach mitgegangen, habe mich auf die Kirchenstufen gesetzt, neben ihn, mit einer Flasche Bier aus dem Kiosk gegenüber, und ihm zugeschaut, wie er die Tür anstarrte. Die Straßenlaterne vor der Kirche hatte einen Wackelkontakt, sie flackerte im Sekundentakt, und ich dachte, jetzt weißt du, wie es sich anfühlt, wenn man auf jemanden wartet, der nicht mehr kommt. Ich dachte an Sabine, die zu Hause auf dem Sofa saß und seit Wochen kaum ein Wort mit mir sprach, weil Trauer bei uns nie als Gespräch, sondern als Schweigen ankommt.
Kellermann hat die Kirchentür dann eines Abends offen gelassen. Otto ist reingegangen, vorsichtig, hat sich zwischen den Bänken durchgetastet, bis er das Foto von Ruth gesehen hat, das jemand neben den Opferkerzen aufgestellt hatte – Sabines Idee, das mit dem Foto, sie hatte es ohne mich gemacht, an einem Nachmittag, an dem ich dachte, sie sei beim Friseur. Otto hat sich vor das Bild gelegt und ist dort geblieben, bis Kellermann abschließen musste.
Das ging drei Wochen so. Ich habe ihn jeden Abend gebracht und wieder abgeholt, und ehrlich gesagt, es war das Einzige, worauf ich mich in dieser Zeit noch verlassen konnte – eine feste Uhrzeit, ein fester Weg, ein Hund, der genau wusste, was er wollte, während ich selbst keine Ahnung hatte, wie ich mit einer Frau reden sollte, die ihre Mutter verloren hatte und mir das irgendwie zum Vorwurf machte, weil ich am Telefon war, als Ruth eingeliefert wurde, und nicht sie.
Dann, an einem Donnerstag im April, kam Otto nicht zur Terrassentür. Ich habe ihn im Vorgarten von Ruths altem Haus gefunden, auf der Bank, wo früher die Nachbarin manchmal saß. Jemand hatte Ruths Wintermantel für die Kleiderkammer der Diakonie in einen Karton gepackt und den Karton dort abgestellt, bevor er abgeholt werden sollte. Otto hatte die Schnauze in den Ärmel gedrückt. Er hat nicht mehr geatmet.
Und jetzt komme ich zu dem Teil, wegen dem ich diesen Ordner unter dem Arm hatte. Kellermann wollte Otto im kleinen Garten hinter der Kirche begraben, direkt neben der Stelle, wo eine alte Kastanie steht. Das Presbyterium – der Kirchenvorstand – hat sich quergestellt. Kein Tier auf geweihtem Boden, hieß es, das sei so nicht vorgesehen, es gebe Regeln, es gebe einen Friedhofsplan. Ein Mann namens Herr Duszinski, seines Zeichens Kassenwart der Gemeinde, hat mir das am Telefon erklärt, mit dieser bürokratischen Ruhe, die mich wahnsinnig macht, weil sie so tut, als sei Anstand eine Frage der Satzung.
Ich habe zwei Tage nichts gesagt. Ich bin einfach zur Friedhofsverwaltung gefahren, mit Ruths Testament, mit dem Kaufvertrag für ihr Grab – sie hatte ihre eigene Grabstelle schon 2015 erworben, achthundertzehn Euro hatte sie damals dafür bezahlt, das stand noch auf der Quittung, die ich in ihrem Sekretär gefunden hatte – und mit dem Nutzungsrecht, das laut Vertrag auf mich und Sabine als Erben übergegangen war. Ich habe gefragt, ob ein Nutzungsberechtigter über die Gestaltung seiner eigenen Grabstätte entscheiden darf. Die Sachbearbeiterin, eine Frau namens Corinna Feddersen, hat in ihren Unterlagen geblättert und gesagt: ja, im Rahmen der Friedhofsordnung, solange es nicht die Nachbargräber stört und keine dauerhafte bauliche Veränderung ist.
Ich habe Otto nicht neben der Kastanie beerdigt. Ich habe ihn in Ruths eigenem Grab beigesetzt, in einer kleinen Urne aus unbehandeltem Holz, direkt über ihrem Sarg, mit schriftlicher Genehmigung der Verwaltung und, was mich am meisten gefreut hat, mit einem Formular, das Herr Duszinski nicht mal zu Gesicht bekommen musste. Es war nicht Trotz. Es war einfach mein Recht, und ich habe es benutzt.
Sabine stand daneben, als der Friedhofsgärtner die kleine Grasnarbe wieder zurückgelegt hat. Sie hat nichts gesagt. Sie hat die Steinplatte angefasst, auf der jetzt zwei Namen stehen – Ruth Brenner und, klein darunter, in Klammern: „Ottokar, treu bis zuletzt" – und dann hat sie meine Hand genommen, zum ersten Mal seit Wochen, ohne dass ich sie darum gebeten hätte. Wir sind zusammen zum Auto gegangen, an der Bäckerei vorbei, aus der es nach frischen Brötchen roch, obwohl es schon früher Abend war, und ich habe gedacht: manche Sachen muss man nicht klären. Man muss sie nur zu Ende bringen.











