Kamila saß im Flur auf dem Boden und las zum dritten Mal dieselbe SMS von der Bank. Vierhundert Euro. Abgebucht um 19:42 Uhr, per Überweisung, an einen Empfänger, der in Tomasz' Handy als „Mama" gespeichert war.
Gestern um diese Zeit hatten sie im Baumarkt an der Friedrichstraße in Leipzig gestanden. Tomasz hielt die Farbkarte, Kamila drückte sich ein Tapetenmuster mit grauen Bären gegen den Bauch. Fünfter Monat. Sie hatten die Farbe „Milchnebel" fürs Kinderzimmer ausgesucht und ein Kiefernholzbettchen, das nach Harz roch. Der Verkäufer trug sie ins Reservierungsbuch ein, nahm fünfzig Euro Anzahlung.
Jetzt starrte Kamila auf die SMS und auf die Tapetenprobe, die sie immer noch zwischen den Fingern hielt. Die Pappecke hatte sich vom Schweiß gewölbt.
„Tomasz!", rief sie Richtung Küche.
Keine Antwort. Sie wusste, dass er dort stand. Am Fenster, mit dem Rücken zur Tür, eine Tasse Tee in der Hand, den er nie trank. So stand er immer, wenn er log.
Sie stand auf. Der Boden in der alten Wohnung im Leipziger Osten knarrte. Sie ging am Kinderwagen vorbei, den ihre Schwester letzte Woche gebracht hatte — gebraucht, vom eigenen Sohn übrig, grün, mit einem verbogenen Rad. Am Karton mit den Strampelanzügen, die sie tags zuvor gewaschen und noch nicht weggeräumt hatte.
Sie betrat die Küche. Tomasz lehnte am Fensterbrett. Draußen, auf der anderen Straßenseite, flackerte eine Laterne über dem Hauseingang. An, aus, an, aus — irgendjemand hatte den Nachbarn vor Ewigkeiten versprochen, den Bewegungsmelder auszutauschen.
„Vierhundert Euro" — sie legte das Handy auf den Tisch, Display nach oben.
Tomasz rührte sich nicht.
„Mama hat gestern Abend angerufen", sagte er zur Fensterscheibe. „Sie brauchte Geld für die Stromrechnung. Die Frist lief heute ab."
Kamila stützte die Hände auf die Arbeitsplatte. Sie war klebrig vom Saft, den sie morgens verschüttet hatte, weil sie mit den Gedanken woanders gewesen war.
„Deine Mutter hat vor drei Monaten die Garage für fünfzehntausend Euro verkauft. Im Februar hat sie sich von uns zweihundert Euro für ein ‚neues Fenster' geliehen. Im Mai hundertzwanzig für die ‚Beerdigung der Tante aus Dresden'. Komischerweise hat die Tante danach aus der Reha angerufen."
Tomasz stellte die Tasse ab. Drehte sich nicht um.
„Das ist ihr Geld, Kamila. Was sie mit der Garage macht, geht mich nichts an."
„Und unser Geld geht dich was an?" Kamila hob die Tapetenprobe hoch, die sie noch immer festhielt. „Wir haben die Anzahlung fürs Bettchen geleistet. Fünfzig Euro. Noch vierhundertfünfzig offen. Und du überweist ihr vierhundert, ohne mich zu fragen."
„Sie ist meine Mutter."
„Und ich bin was?" Kamila warf die Probe auf den Tisch. Die Pappe prallte gegen den Tassenrand. Tee spritzte auf die karierte Wachstuchdecke. „Ich trage dein Kind. Glaubst du, das zählt nicht?"
Tomasz drehte sich endlich um. Sein Gesicht war rot, wie nach Frost. Aber draußen war September.
„Mach kein Drama. Das Bettchen kaufen wir später. Das Kind geht nicht kaputt, wenn es einen Monat im Wagen schläft."
Kamila sah ihn an. Seine zusammengebissenen Kiefer. Seinen Daumen, der über die Kante der Arbeitsplatte strich, immer an derselben Stelle — dort, wo sich die Kunststoffbeschichtung vom Span löste.
„Wann", fragte sie leise, „hört deine Mutter auf, wichtiger zu sein als dein Kind?"
Er antwortete nicht. Draußen erlosch die Laterne endgültig.
Kamila legte die Hand auf den Bauch. Ein Tritt. Klein, kräftig, als wollte das Kind etwas sagen.
„Weißt du was, Tomek", sagte sie, „ich hab dir was von der Arbeit mitgebracht."
Sie ging in den Flur und kam mit einer Mappe zurück. Legte sie neben den verschütteten Tee.
„Was ist das?"
„Der Mietvertrag. Schwarz auf weiß. Diese Wohnung gehört nicht dir. Nicht mir. Sie gehört Tante Renate." Sie öffnete die Mappe, zog zwei Blätter heraus. „Wir zahlen neunhundert Euro im Monat. Ab Januar steigt die Miete um zehn Prozent, weil die Hausverwaltung die Nebenkosten anhebt. Steht hier."
Tomasz starrte auf die Blätter. Sein Daumen erstarrte.
„Und?"
„Und wir können uns deine Mutter nicht leisten. Ab heute überweise ich keinen einzigen Cent mehr auf ein Konto, von dem aus du ihr hilfst." Kamila zog ihr Handy aus der Tasche. „Du hast die Wahl. Entweder wir eröffnen ein gemeinsames Unterkonto nur fürs Kind, mit einem Limit, das du ohne meine Unterschrift nicht anrührst. Oder ich ziehe zu meiner Schwester."
Stille in der Küche. Nur der Kühlschrank brummte.
„Du drohst mir", murmelte er.
„Nein. Ich informiere dich."
„Man zieht nicht aus, wenn man schwanger ist."
„Man bestiehlt nicht seine Frau, wenn sie schwanger ist", entgegnete sie. Und ging hinaus.
Am Abend ging Tomasz zu seiner Mutter. Sie hörte, wie er die Tür schloss. Wie er zweimal abschloss. Wie er die Treppe hinunterlief, immer zwei Stufen auf einmal — genau wie er es tat, seit sie ihn kannte.
Sie rief ihre Schwester an. Dann Tante Renate. Dann holte sie eine Tasche aus dem Schrank und begann, die Sachen des Kindes einzupacken.
Sie packte ruhig. Die Mullwindeln, die die Großmutter ausgesucht hatte. Das Jäckchen mit dem Entenmuster, das sie im Secondhandladen in der Eisenbahnstraße für vier Euro gekauft hatte. Und die Tapetenprobe, gewölbt, mit den Bären.
Tomasz kam nach dreiundzwanzig Uhr zurück. Nüchtern. Das war neu — sonst kam er von den Besuchen bei seiner Mutter mit einer Flasche Korn zurück. Diesmal nicht.
„Kamila, lass uns reden" — er blieb im Türrahmen des Schlafzimmers stehen.
Sie lag angezogen auf dem Bett. Daneben auf dem Boden die gepackte Tasche.
„Deine Mutter hat einen Schuldschein unterschrieben", sagte sie leise. „Letzte Woche. Über dreitausend Euro. Rate mal, wer den abbezahlen sollte."
Tomasz wurde blass.
„Woher weißt du das?"
„Weil deine Mutter mich mittags angerufen hat. Sie sagte, wenn ich ihr das Geld verweigere, dann soll wenigstens das Kind mit einem Namen zur Welt kommen, den sie sich leisten kann. Ich zitiere: ‚Tomek wählt immer seine Mutter.'"
„Das hat sie nicht gesagt."
„Ruf sie an und frag."
Tomasz griff nach seinem Handy. Rief nicht an. Starrte auf das Display, als würde dort die Antwort erscheinen.
„Das ist gelogen", sagte er schließlich.
„Und du lügst seit einem halben Jahr. Seit du unsere Skier verkauft hast, um ihr Geld für die ‚Küchenrenovierung' zu geben. Hast du vergessen, dass ich den Beleg gefunden habe? Die Skier waren siebenhundert Euro wert. Du hast sie für dreihundertfünfzig verkauft."
Tomasz setzte sich auf die Bettkante. Die Matratze gab unter ihm nach. Kamila roch sein Eau de Cologne — das Geschenk seiner Mutter zum Geburtstag. Schwer, süßlich, erstickend.
„Ich wollte nur helfen", flüsterte er.
„Hilfe, die deine Familie zerstört, ist keine Hilfe." Kamila stand auf. Nahm die Tasche. „Ich fahre zu meiner Schwester."
„Bleib. Bitte."
„Wofür?"
„Weil ich dich liebe."
„Und ich liebe unser Kind. Und ich lasse es nicht in einem Zuhause aufwachsen, wo Geld verschwindet und du so tust, als wäre das normal."
Sie ging an ihm vorbei zur Tür. Er hielt sie nicht auf. Vielleicht wollte er. Vielleicht hob er die Hand. Sie spürte keine Berührung.
Morgens kam sie zurück, um den Rest zu holen.
Tomasz schlief auf der Couch im Wohnzimmer. Auf dem Tisch lag die Mappe, die sie in der Küche gelassen hatte. Daneben sein Handy. Und ein Zettel.
„Ich habe die Miete für Oktober bezahlt. Komplett. Zahl nichts. Tomasz."
Kamila las ihn zweimal. Ein drittes Mal gab es nicht. Sie steckte den Zettel in die Tasche, nahm den Karton mit den Strampelanzügen und ging.
Sie rief Tante Renate aus der Straßenbahn an. Die Bahn bog an der Sachsenbrücke ab, die Sonne spiegelte sich im Elsterfluss.
„Tante, ich ziehe aus. Ich möchte den Mietvertrag kündigen."
„Und Tomek?"
„Der kann bleiben. Oder zurück zu seiner Mutter gehen. Das ist jetzt seine Entscheidung."
Tante Renate schwieg einen Moment.
„Das ist meine Wohnung", sagte sie schließlich. „Ich hab immer gesagt, der Junge hat ein zu weiches Herz. Aber du hast eins, das zu hart ist."
„Nein, Tante. Ich habe einfach aufgehört, für seine Mutter zu zahlen."
Sie kündigten den Vertrag am Dienstag. Kamila zahlte der Tante die ausstehende Septembermiete — vierhundertachtzig Euro. Genau so viel, wie Tomasz seiner Mutter geschickt hatte. Nur dass dieses Geld in die Renovierung des Treppenhauses und neue Briefkästen floss.
Am Mittwoch änderte sie ihre Meldeadresse auf die Wohnung der Schwester.
Am Donnerstag rief Tomasz an. Sie ging nicht ran. Er schrieb eine SMS: „Mama sagt, du bist eine schlechte Ehefrau."
Sie antwortete: „Mir hat sie gesagt, ich bin eine schlechte Mutter, weil ich ihr kein Geld auf deinen Namen geben will."
Er schrieb nichts mehr.
Am Freitag ging sie zur Bank. Eröffnete ein Sparkonto fürs Kind. Zahlte die ersten hundert Euro ein. So viel, wie sie an Überstunden verdient hatte. Die Frau am Schalter, älter, mit Brillenkette, fragte:
„Wofür sparen wir denn?"
„Für ein Bettchen", sagte Kamila. „Aus Holz. Und für die Bärentapete."
Die Schalterfrau lächelte.
„Mein Enkel hatte sowas. Musste raus, als er zwei war. Hat mit den Zähnen dran rumgenagt."
„Dann vielleicht besser ohne Bären", murmelte Kamila.
Am Samstag stand Tomasz vor der Tür der Schwester. Klingelte an der Gegensprechanlage. Kamila sah ihn durchs Küchenfenster, wie er von einem Fuß auf den anderen trat, den Kragen zurechtzupfte, in die Kamera schaute, als wüsste er nicht, was er sagen sollte.
Sie öffnete nicht.
Er klingelte ein zweites Mal. Dann ein drittes.
Sie trat auf den Balkon. Tomasz hob den Kopf.
„Komm zurück", sagte er. „Was muss ich tun, damit du zurückkommst?"
„Überweis deiner Mutter vierhundert Euro", antwortete Kamila. „Deine eigenen. Nicht unsere. Erzähl mir nichts davon. Gib sie ihr einfach. Und dann komm und sag, dass unser Konto ab heute nur unseres ist."
„Warum sollte ich ihr was geben?"
„Um zu sehen, ob du ‚nein' sagen kannst, erst dann, wenn keiner zuschaut."
Tomasz sah von unten zu ihr hoch. Die Laterne über dem Hauseingang flackerte an und aus.
„Und wenn sie es nicht will?"
„Dann hast du gar nichts verstanden."
Er verließ den Treppenabsatz. Ging nicht sofort. Blieb kurz bei den Mülltonnen stehen. Dann stieg er in die Straßenbahn.
Abends bekam sie eine SMS von der Bank: Eingang vierhundert Euro. Verwendungszweck: „Rückzahlung fürs Kind".
Sie rief ihn an.
„Was soll das?"
„Du hast gesagt, ich soll es meiner Mutter geben. Hab ich. Meins. Aus den Ersparnissen für die PlayStation. Und dann hab ich gemerkt, dass ich dir genau so viel schulde." Seine Stimme brach. „Ich zahl's zurück."
„So funktioniert das nicht, Tomek."
„Ich weiß. Aber irgendwo muss man anfangen."
Sie kam nicht zurück. Nicht sofort.
Einen Monat lang trafen sie sich auf neutralem Boden. Im Café am Marktplatz, in der Praxis zum Ultraschall, bei Spaziergängen im Rosental. Tomasz trug die Einkaufstüten. Brachte ihr Folsäure, weil sie es immer wieder vergaß. Fasste ihr Handy nicht an.
Im November gingen sie zusammen zum Notar. Sie setzten einen Ehevertrag und eine Kontovollmacht auf, für ein Konto bei einer neuen Bank. Konto: „Fürs Kind". Jeder konnte einzahlen, abheben nur beide gemeinsam, mit zwei Unterschriften.
Im Dezember rief Tomasz seine Mutter an, während Kamila dabei war. Er stellte auf Lautsprecher.
„Mama, ich zahle deinen Schuldschein nicht ab. Ich unterschreibe keine Bürgschaft. Und ich gebe dir keine vierhundert Euro für den Strom. Willst du Hilfe, dann zeig mir erst deine Kontoauszüge."
Die Mutter schrie. Lange. Kamila hörte Worte, die man einem Sohn nicht sagen sollte. Tomasz hörte zu. Sein Daumen strich über die Tischkante. Aber er unterbrach nicht.
„Mama, ich liebe dich", sagte er zum Schluss. „Aber ich zahle nicht für deine Lügen."
Er legte auf. Legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch.
Kamila trat näher. Nahm seine Hand. Zum ersten Mal seit zwei Monaten.
„Du hast bezahlt", sagte sie.
„Wofür?"
„Für uns."
Im Januar kam die Tochter zur Welt. Im Kinderzimmer stand das Kiefernholzbettchen. An der Wand — die Bärentapete, aber nur an einer Wand, weil es für mehr nicht gereicht hatte.
Tomasz kam mit dem Kinderwagen ins Krankenhaus. Dem grünen, vom Neffen übrig. Er trug ihn die Treppe hoch, weil der Aufzug kaputt war.
Kamila lag mit dem Kind auf der Brust. Sie schlief. Tomasz setzte sich daneben und sah die beiden an.
Auf dem Nachttisch lag ein Kassenbon aus der Apotheke. Für Folsäure. Neun Euro. Daneben lag das Handy mit geöffneter Banking-App. Auf dem Display — das Konto „Fürs Kind". Kontostand: dreitausendeinhundert Euro.
Tomasz zog fünfzig Euro aus dem Portemonnaie und legte sie neben den Bon. Dann nahm er das Handy und tippte eine Überweisung ein. Betrag: fünfzig Euro. Verwendungszweck: „Erste Rate für die Skier".
Er brauchte keine Minute für die Eingabe. Aber Kamila öffnete die Augen genau in dem Moment, als er auf „Senden" tippte.
„Was machst du da?", fragte sie.
„Ich zahle Schulden ab", sagte er. Und zeigte ihr das Display.
Kamila sah auf den Bildschirm. Dann auf ihn. Dann auf die Tochter.
„Das Kind hat deine Augen", sagte sie leise.
Tomasz stand auf, trat ans Bett. Beugte sich hinunter. Die Tochter griff nach seinem Finger. Fest.
„Und deine Stärke", fügte er hinzu. „Zum Glück."
Vor dem Krankenhausfenster fiel Schnee. Der erste in diesem Winter. Große Flocken klebten an der Scheibe und schmolzen, bevor sie herunterrinnen konnten.











