Der Junge, der wieder tanzte

Es war ein Dienstagmorgen im Juli, als in der onkologischen Reha-Klinik in Bad Oeynhausen ein Kind zum ersten Mal seit Monaten wieder auf die Füße kam, ohne dass jemand ihm dabei half. Die Physiotherapeutin Frau Wegener hatte ihre Hand schon ausgestreckt – und zog sie wieder zurück, weil der Junge den Kopf schüttelte. Er wollte es allein.

Sein Name war Mykola. Neun Jahre alt, aus Charkiw, seit vierzehn Monaten in Deutschland. Der Flur roch an diesem Tag nach Linoleumreiniger und nach dem Kaffee aus dem Automaten neben der Anmeldung, im Fernseher im Wartebereich lief lautlos ein Fußballspiel, niemand schaute hin. Draußen, auf dem Parkplatz, bellte seit einer halben Stunde ununterbrochen ein Hund, den irgendjemand im Auto zurückgelassen hatte, und diese Kleinigkeit ärgerte die Krankenschwestern mehr als alles andere an diesem Vormittag.

Die Geschichte, wie Mykola hierhergekommen war, kannten in der Klinik nur wenige in ganzen Sätzen. Man erzählte sie sich in Bruchstücken, so wie man Dinge erzählt, die zu schwer sind für einen Atemzug.

Im März des Vorjahres war eine russische Rakete in ein Wohnviertel in Charkiw eingeschlagen, keine dreihundert Meter von der Kinderklinik entfernt, in der Mykola an diesem Tag mit seiner Mutter einen Termin hatte – eine Kontrolle wegen seines Asthmas, nichts Dramatisches, ein Termin, den man sonst vergisst, sobald man aus der Tür geht. Die Mutter starb noch am selben Tag. Mykola überlebte, aber der Preis dafür war hoch: Verbrennungen auf beinahe der Hälfte seines Körpers, Splitterwunden am Rücken und am linken Arm, ein Bruch im Unterarm, der schlecht zusammenwuchs, weil in den ersten Wochen niemand Zeit für eine saubere Operation hatte. Neunundzwanzig Tage lag er im künstlichen Koma, zuerst in einem Kellergeschoss unter Charkiw, dann, nach der Evakuierung, in einer Klinik in Lwiw. Von dort brachte ihn ein Sanitätsflugzeug im Rahmen eines europäischen Hilfsprogramms nach Deutschland.

In Bad Oeynhausen begann für ihn eine andere Art von Krieg. Über zwei Dutzend Operationen, Hauttransplantationen, Narbenkorrekturen, ein Jahr, in dem sein Leben aus Kompressionsverbänden, Physiotherapie-Terminen und dem immer gleichen Satz der Ärzte bestand: Wir wissen noch nicht, wie viel Beweglichkeit im Arm zurückkommt. Die Chirurgin Dr. Brandt, die seinen Fall von Anfang an begleitete, sagte einmal zu einer Kollegin – Mykola stand direkt daneben, aber sie dachte, er verstehe das Fachvokabular nicht –, dass sie bei so ausgedehnten Verbrennungen selten erlebt habe, dass ein Patient so schnell wieder die Faust schließen könne.

Was in den Akten nicht stand: dass Mykola in den ersten Wochen in Deutschland kein Wort sprach. Nicht aus Trotz. Er hatte einfach nichts, was er hätte sagen wollen. Erst als eine Pflegerin, eine Ukrainerin aus Odessa, die zufällig auf derselben Station arbeitete, ihm ein altes Knopfakkordeon aus ihrer eigenen Kindheit mitbrachte, veränderte sich etwas. Er konnte die Tasten mit der rechten Hand kaum drücken, der Arm gehorchte ihm nicht. Aber er übte. Jeden Tag ein bisschen, mit den drei Fingern, die er noch richtig bewegen konnte.

Sein Vormund in Deutschland – ein Onkel mütterlicherseits, der seit Jahren in Bielefeld lebte und arbeitet – hatte ihn eines Nachmittags in die Physiotherapie begleitet und dabei zufällig mitbekommen, dass die Klinik einmal im Monat einen Tanzkurs für Kinder mit Brandverletzungen anbot, initiiert von einer örtlichen Tanzschule als Ausgleichsprogramm. Kompressionskleidung unter dem Hemd, damit die frische Haut nicht reißt und nicht der Sonne oder scharfen Bewegungen unkontrolliert ausgesetzt ist – das war die Voraussetzung, nicht das Hindernis.

Mykola meldete sich an, ohne jemanden vorher zu fragen.

Die ersten Wochen waren ein einziges Scheitern. Er stolperte, sein rechter Arm ließ sich kaum heben, die Tanzlehrerin, eine energische Frau namens Frau Solheim, korrigierte ihn zwanzigmal in derselben Stunde. Einmal setzte er sich einfach mitten in der Übung auf den Boden und weigerte sich, weiterzumachen. Niemand zwang ihn. Frau Solheim setzte sich neben ihn, sagte nichts, aß in aller Ruhe einen Apfel, den sie aus der Tasche gezogen hatte, und bot ihm die Hälfte an. Er nahm sie.

Elf Monate nach dem Angriff auf Charkiw stand Mykola auf dem Parkett der kleinen Turnhalle in Bad Oeynhausen, die für den Abschlussabend des Reha-Programms notdürftig mit ein paar Lichterketten und Klapptischen dekoriert worden war. Es gab Kuchen von den Eltern, Kaffee aus Thermoskannen, ein Banner, das jemand handschriftlich beschriftet hatte und das sich beim Aufhängen halb von der Wand löste, sodass es die ganze Veranstaltung über schief hing. Niemand störte das.

Als die Musik einsetzte – ein Tango, den er sich selbst ausgesucht hatte, weil er in ihm etwas von der Wut wiedererkannte, die er sonst nirgendwohin legen konnte –, trug Mykola unter seinem weißen Hemd die Kompressionsweste, die seine vernarbte Haut schützte. Seine Tanzpartnerin, ein Mädchen aus dem Reha-Programm, das selbst vor zwei Jahren einen Autounfall überlebt hatte, führte die schwierigeren Drehungen. Aber die Schritte, die geraden, festen Schritte über das ganze Parkett – die tanzte er allein, den rechten Arm ausgestreckt, so weit er ihn eben ausstrecken konnte.

Sein Onkel stand hinten an der Wand, neben dem Kuchentisch, und hielt sich am Rand einer Klapptischplatte fest, weil ihm die Knie weich wurden. Dr. Brandt, die extra für die Veranstaltung freigenommen hatte, filmte die letzten zwanzig Sekunden mit dem Handy, verwackelt, weil ihre eigene Hand zitterte.

Nach dem Tanz, in der kleinen Umkleide hinter der Halle, wo noch die Trainingsmatten der Physiotherapie an der Wand lehnten, öffnete Mykola seinen Rucksack und holte einen Umschlag heraus, den er tagelang vorbereitet hatte. Darin lag ein Brief an das Sozialamt und an die zuständige Betreuungsstelle: sein eigener, in ungelenkem, aber klarem Deutsch geschriebener Antrag, künftig offiziell bei seinem Onkel in Bielefeld wohnen zu dürfen, nicht mehr im betreuten Übergangswohnheim für unbegleitete minderjährige Geflüchtete, in dem er seit der Ankunft registriert war. Er hatte die Unterschrift seines Onkels bereits eingeholt, die Kopie seines Passes beigelegt, sogar die Telefonnummer der Sachbearbeiterin herausgesucht, mit der sein Onkel seit Wochen sprach.

Er reichte den Umschlag nicht dem Onkel. Er reichte ihn Dr. Brandt, weil die Ärztin ihm einmal gesagt hatte, sie kenne jemanden bei der Stadt, der solche Anträge schneller bearbeite, wenn eine ärztliche Stellungnahme beiliege. Zwei Wochen später kam die Bestätigung: Vormundschaftswechsel genehmigt, Wohnsitz Bielefeld, ab sofort.

An dem Abend, als der Brief mit dem Amtsstempel im Briefkasten seines Onkels lag, saß Mykola auf der Fensterbank seines neuen Zimmers, das Akkordeon auf den Knien, und spielte drei Takte von etwas, das noch keine richtige Melodie war. Draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, mit dem immer gleichen quietschenden Ton in der Kurve, den er inzwischen auswendig kannte.

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Der Junge, der wieder tanzte