Der Kaffee war schon kalt, als Marlene ihn zum dritten Mal in die Mikrowelle stellte. Es war der 4. Januar, halb acht morgens, und im Wartezimmer der Uniklinik Freiburg roch es nach Desinfektionsmittel und nassen Jacken. Ihr Vater, Herbert, lag seit elf Tagen auf Station 4B. Die Lunge, sagten die Ärzte. Fünfundsiebzig Jahre Zigaretten hatten ihre Rechnung präsentiert.
„Frau Beck?" Der Arzt kam durch die Schwingtür, ohne sie anzusehen. Ein schlechtes Zeichen, das wusste Marlene inzwischen. „Wir müssen über die Beatmung sprechen."
Sie war achtundzwanzig, arbeitete als Grafikdesignerin in Karlsruhe, verdiente 2.400 Euro netto im Monat, und hatte in den letzten zwei Wochen 480 Euro für Bahntickets zwischen Karlsruhe und Freiburg ausgegeben, weil sie jeden Abend nach der Arbeit zu ihm fuhr. Ihre Mutter war seit zwölf Jahren tot. Es gab nur noch sie beide.
„Die Werte werden nicht besser", sagte der Arzt. „Wenn wir jetzt nicht intubieren, wird er die Nacht wahrscheinlich nicht überstehen. Wenn wir es tun, könnte er künstlich beatmet noch Wochen, vielleicht Monate leben. Aber er wird wahrscheinlich nicht mehr wach werden."
Marlene dachte an die Patientenverfügung, die ihr Vater vor drei Jahren unterschrieben hatte, nach dem Tod seines eigenen Bruders. „Kein Schlauch, Marlenchen", hatte er am Küchentisch gesagt, eine Flasche Bitburger vor sich. „Wenn ich nicht mehr selbst atmen kann, dann ist es Zeit."
Sie hatte damals gelacht, ihm das Blatt aus der Hand genommen, es in eine Schublade gelegt und nicht mehr daran gedacht. Jetzt lag es in einer Klarsichthülle in ihrer Handtasche, zusammen mit seiner Krankenversicherungskarte und einem Kassenbon von der Tankstelle, an dem noch sein Geruch hing – Kaffee und Maschinenöl, denn er hatte vierzig Jahre lang in der Werkstatt seines Bruders Motoren repariert.
„Ich muss ihn sehen", sagte sie.
Herbert lag mit geschlossenen Augen, ein Schlauch in der Nase, ein Klipp am Finger, der grün blinkte. Seine Hände, die einst Schrauben in Sekunden lösten, lagen reglos auf der Decke. Marlene setzte sich, nahm die rechte Hand, spürte die Schwielen, die auch nach Jahren der Rente nicht verschwunden waren.
„Papa." Ihre Stimme brach. „Ich hab das Papier. Von damals. Weißt du noch?"
Keine Reaktion. Nur das Piepen des Monitors, gleichmäßig, gnadenlos.
Um 14 Uhr rief sie ihre Cousine Steffi an, die einzige Verwandte, die noch übrig war. Steffi war Krankenschwester in Stuttgart und hatte die Sache mit den Verfügungen schon zweimal durchgemacht, bei ihren eigenen Eltern.
„Du musst das tun, was er wollte, nicht das, was du erträgst", sagte Steffi am Telefon, ihre Stimme leise, damit die Kollegen sie nicht hörten. „Ich weiß, das klingt hart. Aber die künstliche Beatmung ist nicht für ihn, sie ist für dich. Damit du noch ein bisschen länger nicht loslassen musst."
Marlene saß auf dem Flur, den Rücken gegen die kalte Wand gepresst, und rechnete: Wenn sie Ja sagte zur Beatmung, bedeutete das Wochen im Bett, Schläuche, vielleicht ein Pflegeheim für 3.200 Euro im Monat, die niemand hatte. Es bedeutete auch: noch Zeit, noch Atem, noch ein Herz, das schlug, egal wie.
Wenn sie Nein sagte, bedeutete das: heute Nacht vielleicht das letzte Mal seine Stimme hören. Oder gar nichts mehr hören.
Um 17 Uhr ging sie zurück ins Zimmer. Draußen wurde es schon dunkel, Januar in Freiburg, die Straßenlaternen gingen an. Herbert hatte die Augen halb geöffnet. Er sah sie an, ein trüber, aber klarer Blick.
„Marlenchen", flüsterte er, kaum hörbar über dem Zischen des Sauerstoffs.
Sie beugte sich vor, hielt seine Hand fester. „Papa, ich bin hier."
„Das Papier", sagte er. „Hast du's noch?"
Sie zog die Klarsichthülle aus der Handtasche, hielt sie ihm vor die Augen, obwohl sie wusste, dass er kaum lesen konnte. „Ich hab's, Papa. Ich hab's die ganze Zeit dabei gehabt."
„Gut." Ein Atemzug, mühsam, rasselnd. „Kein Schlauch. Ich will… deine Stimme hören. Bis zum Schluss. Nicht so ein Gerät, das für mich atmet."
„Aber Papa—"
„Kein Aber." Seine Hand drückte ihre, schwach, aber deutlich. „Vierzig Jahre hab ich für andere geatmet – für die Firma, für deine Mutter, für dich. Lass mich das letzte Stück selbst machen."
Um 18:30 Uhr unterschrieb Marlene die Formulare im Stationszimmer. Der Arzt nickte kurz und ging, um die Palliativstation zu informieren. Eine Schwester brachte einen zweiten Stuhl ins Zimmer, ohne dass Marlene fragen musste, und ein Glas Wasser, das niemand trank.
Sie verbrachte die Nacht neben seinem Bett, erzählte ihm von der Werkstatt, von dem Sommer, als er ihr das Fahrradfahren auf dem Parkplatz hinter dem Aldi beigebracht hatte, von der Zeit, als sie vierzehn war und er drei Stunden im Regen gewartet hatte, weil sie sich beim ersten Rendezvous verspätet hatte und er nicht wollte, dass sie allein nach Hause läuft.
Gegen 3 Uhr morgens wurde sein Atem ruhiger, dann leiser, dann setzte er zwischen zwei Worten aus, die sie sagte – „… und dann hast du gesagt—"
Der Monitor piepte nicht mehr im Rhythmus. Eine gerade Linie.
Marlene saß noch eine Weile da, seine Hand in ihrer, und merkte, dass sie nicht weinte. Nicht sofort. Sie strich mit dem Daumen über die Schwielen an seinen Fingern, über die Narbe am Zeigefinger von einem Schraubenschlüssel, der 1998 abgerutscht war – die Geschichte kannte sie auswendig, er hatte sie ihr hundertmal erzählt.
Die Schwester kam um 3:20 Uhr, schrieb die Uhrzeit auf ein Klemmbrett, fragte leise, ob sie noch etwas brauche.
„Nein", sagte Marlene. „Ich glaube, er hat bekommen, was er wollte."
Draußen, auf dem Parkplatz der Klinik, saß sie später im Auto, den Autoschlüssel in der Hand, ohne den Motor zu starten. In der Klarsichthülle auf dem Beifahrersitz lag das Papier, das jetzt keine Bedeutung mehr hatte, nur noch Erinnerung. Sie legte die Hand darauf, so wie sie zuvor seine Hand gehalten hatte, und blieb sitzen, bis die ersten Pendler auf den Parkplatz fuhren und der Tag ganz gewöhnlich weiterging, so als wäre nichts geschehen – während für sie alles anders war.











