Am Bahnhof Berlin-Lichtenberg blieb sie einfach stehen, stellte den Rollkoffer auf den Gehweg und ging in die Hocke. Zwei schwarze Kater balgten sich neben dem Zigarettenautomaten, als wäre der Bahnhofsvorplatz ihr Wohnzimmer. Es war kurz nach sechs, die Sonne kam gerade hinter dem Plattenbau hervor, und die beiden kleinen Dinger warfen sich gegenseitig auf den Rücken, dass die Pfoten nur so durch die Luft flogen.
Ich blieb mit dem Rucksack an der Litfaßsäule stehen. Mir war sofort klar, was jetzt passiert.
„Nele, wir haben noch elf Minuten. Kommst du bitte?“
Sie hörte mich nicht. Oder wollte nicht. Sie strich dem einen Kater mit zwei Fingern über den Kopf, und der Kleine legte sofort den Schädel in ihre Handfläche, als hätte er sein Leben lang darauf gewartet.
Ich kenne Nele jetzt seit drei Jahren. Wir wohnen zusammen in einer Altbauwohnung in Friedrichshain, dritter Stock, kein Fahrstuhl, und ich liebe sie auf eine Art, die manchmal echt anstrengend ist. Aber wenn sie dieses Gesicht macht — so weich, so komplett weg —, dann weiß ich, dass jede Diskussion zwecklos ist.
„Nele, ich bitte dich. Nicht anfassen.“
„Was soll schon sein?“
„Du weißt genau, was sein soll.“
Sie verdrehte die Augen und nahm den zweiten Kater hoch. Der erste kletterte sofort an ihrem Mantel hoch, als wäre das eine Kletterwand. Nach zwanzig Sekunden saß sie da, beide Tiere an der Brust, und die Dinger schnurrten so laut, dass man es neben der Tram hören konnte.
Ich hasse es, wenn sie recht hat. Aber das hier war erst der Anfang.
Vor zwei Jahren, bei meiner Oma in Cottbus, ist mir eine schwarze Katze über den Weg gelaufen. Am selben Abend ist der Kühlschrank verreckt. Dreihundert Euro Reparatur. Meine Oma hat nur genickt und gesagt: „Hab ich dir doch gesagt. Die bringen das Unglück.“ Oma Erna ist fünfundachtzig und glaubt an mehr Unsinn als der halbe Rest der Familie zusammen. Aber irgendwie ist von diesem Unsinn hängen geblieben. Ich weiß, dass es Quatsch ist. Trotzdem.
Nele stand auf, die Kater auf dem Arm wie zwei schwarze Handgranaten mit Schnurrhaaren.
„Wir nehmen sie mit.“
„Wie bitte?“
„Nach Warnemünde. Und danach nach Hause.“
Ich wollte etwas sagen, aber sie war schon halb am Eingang. Kenne ich. Wenn Nele einen Beschluss fasst, kann man sich das Argument sparen.
Wir kamen zum Gleis, als die Bahn schon dastand. Die Türen piepten. Ich hievte den Rollkoffer die Stufen hoch und hörte hinter mir Neles Stimme, die mit jemandem redete. Als ich mich umdrehte, stand da die Zugbegleitung, eine Frau Mitte fünfzig mit Kurzhaarschnitt und diesem Gesichtsausdruck, den Leute haben, die seit dreißig Jahren Fahrgäste zählen.
„Die Tiere brauchen eine Box“, sagte sie.
„Haben wir aber nicht“, sagte Nele.
„Dann müssen Sie leider draußen bleiben.“
Ich sah Nele an. Sie sah die Zugbegleiterin an. Die Kater sahen gar nichts, sie waren eingeschlafen.
„Ich bezahle für beide ein Ticket“, sagte Nele.
Die Frau zog die Augenbrauen hoch. „Das geht nicht. Tiertransportbestimmungen der DB. Ohne Box keine Beförderung. Tut mir leid.“
Die Türen schlossen sich.
Nele hat nicht diskutiert, nicht gebettelt. Sie hat einen Schritt zurückgemacht und lächelte. Ich kannte dieses Lächeln. Das hieß nichts Gutes.
Was dann passierte, klingt erfunden, aber ich schwöre: Der Kater, der auf ihrem rechten Arm lag, öffnete die Augen, gähnte und griff mit der Pfote nach dem Ärmel der Zugbegleiterin. Ganz ruhig. Wie ein Kind, das nach der Großmutter greift.
Die Frau sah auf die Pfote. Dann auf Nele. Dann auf mich.
Dann sagte sie: „Kommen Sie. Durch den hinteren Eingang. Aber wenn die Kontrolle kommt, die Tiere in die Tasche.“
„Danke“, sagte Nele.
„Bedanken Sie sich bei dem Kater.“ Und die Frau ging den Bahnsteig entlang, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Wir fanden vier freie Plätze an einem Tisch im zweiten Wagen, und Nele setzte die Kater auf den Sitz neben sich. Sie rollten sich sofort ein, zwei schwarze Kugeln, die aussahen wie verkohlte Brötchen. Ich holte den Rucksack vom Rücken und wollte die Fahrkarten rausholen — Personalausweis, Kreditkarte, alles in der kleinen Tasche vorn.
Die Tasche war offen.
„Alles klar“, sagte ich. „Du wirst lachen.“
„Was?“
„Es ist nichts drin.“
„Was soll drin sein?“
„Na, unsere Tickets. Der Ausweis. Die Kreditkarte. Alles.“
Nele griff nach ihrer Handtasche. Sie kramte eine halbe Minute, zog Lippenstift, Kaugummi, die Sonnenbrille, ein Ladegerät und irgendein Taschentuch heraus. Kein Portemonnaie. Kein Ticket.
„Wann hast du bezahlt?“, fragte sie.
„Gestern Abend online. Ich hatte die Papiere doch in der Hand, am Küchentisch, bevor wir zur U-Bahn sind.“
„Dann hast du sie in der Wohnung liegen lassen.“
„Nein, hab ich nicht. Ich habe sie eingesteckt. Da, in die kleine Tasche.“
Wir durchsuchten den Rucksack dreimal. Nichts. Die Zugbegleiterin von vorhin kam durch den Wagen, und ich wäre fast in den Sitz gerutscht. Nele legte die Jacke über die Kater.
„Na, ihr Katzen“, murmelte ich. „Euer Auftritt war ja Klasse. Aber das hier könnt ihr auch gewesen sein.“
Einer der beiden spitzte die Ohren, als hätte er verstanden.
„Hör auf, den Tieren die Schuld zu geben“, sagte Nele.
„Ich geb ja nicht ihnen die Schuld. Ich sag nur: Wenn man morgens zwei schwarze Katzen anfasst, die am Zigarettenautomaten hocken, dann braucht man sich über sowas nicht zu wundern.“
„Ach, Timo. Du klingst wie ein Rentner beim Skat.“
Ich antwortete nicht. Der Kater auf dem Sitz gähnte wieder, drehte sich um und grub die Krallen in Neles Schal.
Bei Bernau kam die Durchsage: „Die Fahrkarten bitte bereithalten.“ Eine andere Kontrolleurin kam durch den Wagen, deutlich jünger, mit Tablet in der Hand. Sie hatte bereits zwei Leute abkassiert und war bei unserem Tisch, bevor ich den Rucksack schließen konnte.
„Die Fahrkarten, bitte.“
Ich räusperte mich. „Also, das ist jetzt ein bisschen unangenehm. Wir haben sie verloren.“
„Verloren?“
„Genauer gesagt: Die Katzen haben sie wahrscheinlich irgendwo hingetragen. Oder wir haben sie an der Haltestelle verloren, als wir die Tiere eingefangen haben. Ehrlich gesagt weiß ich es nicht.“
Die Kontrolleurin starrte auf die beiden Kater, die unter der Jacke langsam aufwachten. „Sie wollen mir erzählen, dass zwei schwarze Katzen Ihre Fahrscheine geklaut haben?“
„Nein“, sagte Nele. „Mein Freund will Ihnen das erzählen. Ich sage: Sie müssen irgendwo in unserem Gepäck sein. Geben Sie uns fünf Minuten.“
Die Kontrolleurin seufzte. „Ich komme wieder. Aber wenn Sie bis dahin keine gültigen Fahrkarten haben, wird es teuer: sechzig Euro pro Person plus Datenerfassung. Und die Katzen fliegen an der nächsten Station raus, ganz sicher.“
Sie ging weiter. Ich klappte den Rucksack auf und leerte ihn komplett aus: zwei Bücher, das Ladegerät, die Trinkflasche, die halbe Packung Kaugummi. In der kleinen Vordertasche nur ein Einkaufszettel von gestern: Hafermilch, Toast, Kaffee, Katzenstreu — Moment.
„Nele. Wann haben wir Katzenstreu gekauft?“
„Letzte Woche. Für die Nachbarskatze, als sie bei uns war.“
„Okay. Aber der Zettel ist von gestern.“
„Ja und?“
„Ich dachte nur.“
Ich drehte den Rucksack um. Nichts. Kein Ausweis, keine Kreditkarte. Ich sah auf die Bahnhofsuhr digital: noch sechs Minuten bis Bernau. Die Kontrolleurin stand zwanzig Meter entfernt und tippte auf ihrem Tablet.
Dann machte einer der Kater ein Geräusch, das ich noch nie von einem Tier gehört habe. Ein tiefes, motorisches Schnurren, das sich anhörte wie ein kaputter Kühlschrank. Der andere straffte sich, sprang vom Sitz und landete mit beiden Vorderpfoten in meinem offenen Rucksack.
„He!“
Der Kleine wühlte sich durch das Innenfach, stieß den Kopf gegen die Rückwand, dann biss er sich an irgendetwas fest und zog.
Ein weißes Etui. Es klemmte hinter dem Stoffverschluss, den ich nie benutze, weil die Naht an der linken Seite fast abgerissen ist.
Ich machte das Etui auf.
Personalausweis. Kreditkarte. Und die beiden Tickets nach Warnemünde, mit Abfahrt 6:17 Uhr.
Ich will ehrlich sein: Meine Hand hat gezittert. Nicht weil ich Angst hatte. Sondern weil ich den Kater ansah und der Kater mich ansah, ganz ruhig, und ich in diesem Moment zum ersten Mal in meinem Leben verstand, warum Nele mich manchmal anlächelt, als wüsste sie etwas, das ich erst Jahre später erfahre.
„Na bitte“, sagte Nele.
Die Kontrolleurin kam zurück. Ich hielt ihr die Tickets hin. Sie prüfte den QR-Code, sah auf die Kater, auf Nele, auf mich.
„Die Tiere brauchen eine Box.“
„Wir haben dem Zugbegleiter am Südeingang Bescheid gegeben“, sagte Nele. „Es wurde eine Sondergenehmigung erteilt. Die Vordere hat gesagt, ausnahmsweise.“
Die junge Frau runzelte die Stirn, tippte irgendetwas in ihr Tablet, schüttelte den Kopf. „Davon weiß ich nichts. Aber da die Tiere offenbar friedlich sind und Sie die Plätze gezahlt haben — lassen wir das. Aber sollte sich irgendwer beschweren, sind die Katzen im Abteil nicht zu sehen, klar?“
„Klar“, sagten wir beide gleichzeitig.
Als sie weitergegangen war, nahm Nele den Kater aus meinem Rucksack, küsste ihn auf den Kopf und setzte ihn wieder neben seinen Bruder.
„Du hast gesagt, ich soll sie nicht anfassen“, sagte sie.
„Ja.“
„Und jetzt?“
Ich sah aus dem Fenster. Draußen zogen die Plattenbauten von Hönow vorbei, und die Sonne stand auf den Gleisen wie ein Brand.
„Jetzt“, sagte ich, „fassen wir sie noch ein bisschen mehr an.“
Die beiden Kater schliefen nach Bernau ein, und Nele legte ihren Kopf an meine Schulter. Ich roch den Bahnhof an ihrem Mantel — kalten Asphalt und Kaffee — und dachte an Oma Erna in Cottbus, die mir als Kind ein Märchen erzählte, dass schwarze Katzen den Tod ankündigen. Dabei sahen die beiden da auf dem Sitz aus wie kleine, verschrumpelte Glücksbringer, die jemand im Treppenhaus verloren hatte.
In Warnemünde, vor dem Leuchtturm, standen wir am Strand. Die Kater hatten den ersten Sand ihres Lebens unter den Pfoten und rannten im Kreis, als hätte ihnen jemand einen Schalter umgelegt. Ich buchte auf dem Handy einen Rückfahrttermin für Sonntagabend — wieder zwei Plätze am Tisch.
„Wir brauchen Namen“, sagte Nele.
„Wie wär’s mit Pech und Schwefel?“
Sie lachte. „Sehr witzig. Ich dachte an Mikado und Domino.“
„Mikado und Domino“, wiederholte ich. „Klingt wie eine schlechte Männer-WG.“
Aber sie blieben dabei.
Drei Wochen später lag ein weißer Brief vom Fundbüro Berlin-Lichtenberg im Hausflur. Mein alter Studentenausweis, den ich im September verloren hatte, war aufgetaucht. Gefunden, so stand es in der Betreffzeile, von einem „Herrn Petersen, auf dem Bahnhofsvorplatz, Höhe Zigarettenautomat“.
Ich lehnte am Fenster im dritten Stock, den Brief in der Hand, und von der Heizung kam ein leises, rhythmisches Schnurren. Mikado und Domino lagen direkt davor, zwei schwarze Ovale auf dem Läufer, die aussahen, als hätten sie dort schon immer gelegen.
Nele kam aus der Küche, zwei Tassen Tee in der Hand, und sah mich an.
„Und?“, fragte sie.
Ich hielt den Brief hoch. „Mein Studentenausweis aus dem September. Liegt beim Fundbüro. Abzuholen bis zum Fünfzehnten, sonst Vernichtung.“
Sie stellte die Tassen auf das Fensterbrett und kratzte Domino mit dem Finger hinterm Ohr. Der Kater drückte seinen Kopf in ihre Hand, als hätte er nie etwas anderes getan.
„Siehst du“, sagte sie.
Ich sah sie an. Eine schwarze Haarsträhne hing ihr ins Gesicht, und im Fensterlicht war sie genau so dunkel wie die beiden Tiere zu unseren Füßen.
„Ja“, sagte ich. „Ich sehe es.“
Unten auf der Straße fuhr ein BVG-Bus an, und ein kleines Mädchen im Kapuzenpulli zog die Hand von einem schwarzen Kätzchen weg. Ihre Mutter hatte sie gerufen. Ich konnte es vom Fenster aus sehen: Das Kind stand einen Moment auf dem Gehweg. Dann drehte es sich um, hob das Kätzchen trotzdem auf und rannte der Mutter nach.
Ich lehnte mich aus dem Fenster und sah ihnen nach, bis sie hinter der Ecke verschwanden.
Von der Heizung kam ein Schnurren, das die halbe Wohnung füllte.
Dann trank ich meinen Tee. Er war lauwarm. Keine Ahnung, wann Nele ihn gemacht hatte. Vielleicht vor einer Minute. Vielleicht, dachte ich, vor hundert Jahren. Aber das spielte in diesem Moment keine Rolle.











