Traurige Nudeln, warme Wolldecke

Meike Brandt hatte sich extra die Haare machen lassen. Beim Friseur in der Karlstraße, gleich neben der Bäckerei, wo es freitags immer nach frischen Laugenbrezeln roch. Vierzig Euro für eine Föhnwelle, die jetzt unter der Kapuze ihres Mantels verschwand, während sie im Taxi saß und aus dem Fenster starrte.

Vor drei Stunden noch hatte alles anders ausgesehen. Das kleine italienische Restaurant an der Ecke Rheinstraße, weiße Tischdecken, ein Kellner, der die Kerze mit einem Streichholz anzündete und dabei verlegen lächelte, weil er die Flamme zweimal ausblies. Auf dem Tisch: zwei Teller Tortellini in Salbeibutter, die seit vierzig Minuten kalt wurden.

„Jonas, wir haben doch gerade erst bestellt."

Ihre Stimme kam heraus wie ein Atemzug, der sich verirrt hatte. Jonas Wechsler stand schon halb, den Arm im Ärmel seiner Jacke.

„Mama hat angerufen. Ihr geht's schlecht. Wir müssen los."

Wir müssen los. Als wäre ihr achter Hochzeitstag ein Zahnarzttermin, den man eben verschieben kann, wenn was Wichtigeres dazwischenkommt.

Meike sah auf die Kerze. Der Docht flackerte, weil irgendjemand die Tür zur Straße offen gelassen hatte. Acht Jahre. Sie hatte extra das grüne Kleid rausgesucht, das Jonas mal auf einer Betriebsfeier „dein bestes" genannt hatte. Zwei Wochen hatte sie sich auf diesen Abend gefreut, auf genau diese Tortellini, die sie beim Reservieren auf der Karte entdeckt hatte.

„Was hat sie denn?"

„Fieber. Blutdruck. Sie ist ganz allein da, Meike, verstehst du das nicht?"

Er winkte schon dem Kellner, verlangte die Rechnung, bevor die Vorspeise überhaupt serviert war. Der Junge – er konnte nicht älter als zwanzig sein – kam mit dem Kartenlesegerät und schaute unsicher auf die unberührten Teller. Jonas hielt ihm die Karte hin, ohne hinzusehen.

Meike stand auf, nahm ihre Handtasche. Dem Kellner schenkte sie ein kurzes Lächeln – er sah sie an mit einem Mitgefühl, das keine Worte brauchte.

Draußen, auf dem nassen Kopfsteinpflaster, roch es nach Frittieröl aus der Dönerbude gegenüber und nach dem ersten warmen Regen des Frühlings. Jonas hatte den Wagen, einen sechs Jahre alten VW Passat, schon aufgeschlossen und saß am Steuer, bevor sie überhaupt eingestiegen war.

Ingrid Wechsler öffnete die Tür in einem rosafarbenen Frotteemantel mit Spitzenkragen, das Gesicht sorgfältig gepudert, die Lippen nachgezogen. Für eine Frau mit Fieber wirkte sie bemerkenswert unternehmungslustig.

„Jonasilein, endlich! Ich dachte schon, ihr habt mich vergessen." Sie packte ihren Sohn an beiden Armen und zog ihn in den Flur. Meike bekam einen Blick zugeworfen – den man einem alten Küchenschrank gibt, den man eigentlich schon lange entsorgen wollte, aber nie dazu kommt.

„Zieht euch aus, ich mach Tee."

Meike blieb im Flur stehen, sah zu, wie Jonas seine Schuhe auszog und ordentlich an die Wand stellte. Hier, in dieser Dreizimmerwohnung in Bad Godesberg, wurde er immer ein anderer Mensch. Leiser. Weicher. Zwanzig Jahre jünger.

„Jonas", sagte sie leise. „Geht es ihr wirklich so schlecht?"

„Fang nicht an."

„Ich frag doch nur."

„Meine Mutter ist allein, ihr geht's nicht gut. Kannst du nicht einfach mal die Klappe halten?"

Die Klappe halten. Oh, das konnte sie. Acht Jahre Ehe hatten sie darin zur Meisterin gemacht.

In Ingrids Wohnzimmer schien die Zeit stehengeblieben zu sein: eine schwere Schrankwand mit Kristallgläsern, ein Perserteppich an der Wand statt am Boden, gerahmte Fotos überall. Jonas als Kleinkind mit Eis am Kinn. Jonas beim Abitur mit Urkunde. Jonas bei der Bundeswehr. Jonas am Tag seines Diploms. Meike war auf keinem einzigen dieser Bilder zu sehen, obwohl sie Jonas seit neun Jahren kannte.

Ingrid brachte Tee und eine Schale Spekulatius, obwohl es April war. Sie setzte sich ihrem Sohn gegenüber, die Hände im Schoß gefaltet.

„Jonasilein, ich hab überlegt … nächste Woche müsste ich zum Arzt. Fährst du mich?"

„Klar, Mama. Wann du willst."

„Dienstag würde passen. So früh wie möglich."

„Gut."

Meike hielt ihre Teetasse mit beiden Händen fest. Am Dienstag hatte Jonas ein wichtiges Kundengespräch – er hatte drei Tage lang über nichts anderes geredet. Jetzt kein Wort davon. Nur: „Gut, Mama."

„Ihr wolltet doch heute irgendwo hin?", fragte Ingrid, als würde ihr das grüne Kleid gerade erst auffallen.

„Hochzeitstag", sagte Meike.

„Achja." Ingrid nickte, als würde das alles erklären. „Na, Hochzeitstage gibt's ja noch viele. Ich bin hier ganz allein. Und das Herz zwickt." Sie legte die Hand auf die Brust – eine Geste, so eingeübt wie eine Choreografie.

Jonas rutschte sofort näher. „Mama, hast du Blutdruck gemessen?"

„Hab ich, hab ich. Etwas erhöht. Ich hab mich so aufgeregt, während ihr unterwegs wart."

Meike beobachtete die Szene und dachte an die kleine Karte in ihrer Tasche. Sie hatte sie am Mittwoch beim Kiosk um die Ecke gekauft, drei Zeilen handschriftlich reingeschrieben, ohne großes Pathos: „Acht Jahre sind viel und wenig zugleich." Sie hatte vorgehabt, sie im Restaurant zu überreichen. Jetzt lag die Karte in ihrer Tasche, und Meike merkte, dass sie keine Lust mehr hatte, sie herzugeben.

Gegen zweiundzwanzig Uhr erklärte Ingrid, sie sei müde und brauche Ruhe. Jonas half ihr ins Schlafzimmer, brachte Wasser, suchte das Blutdruckmessgerät. Meike spülte in der Küche die Tassen ab und hörte durch die Wand, wie die Schwiegermutter leise, fast zärtlich, auf ihren Sohn einredete.

Dann kam Jonas heraus. Blieb im Türrahmen der Küche stehen.

„Ich bleib hier", sagte er. „Schlaf auf der Couch. Man weiß ja nie."

Meike drehte den Wasserhahn zu, drehte sich zu ihm um.

„Du meinst das ernst?"

„Bitte, fang nicht an. Ihr geht's schlecht."

„Jonas, ihr geht's nicht schlecht. Sie hat gerade drei Spekulatius gegessen und eine halbe Stunde über die neue Einbauküche der Nachbarin erzählt."

Er sah sie an mit diesem Blick – dem einer erschöpften Person, die niemand versteht.

„Sie ist meine Mutter, Meike."

„Ich weiß. Ich wollte nur—"

„Fahr nach Hause. Ich komm morgen früh."

Ende. Punkt. Alles entschieden, wie immer, ohne sie, ohne ihre Meinung, ohne die kleinste Frage danach, wie es ihr selbst gerade ging.

Meike nahm ihre Tasche, fand die Schlüssel irgendwo ganz unten. Im Flur zitterten ihre Finger unmerklich, als sie die Knöpfe des Mantels schloss. Es war keine Wut. Auch keine gekränkte Eitelkeit. Es war etwas anderes – als würde sich irgendwo tief drinnen lautlos etwas verschieben, einen Zentimeter, dann noch einen.

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Der Fahrstuhl brauchte ewig. Sie stand da, betrachtete ihr Spiegelbild in der beschlagenen Kabinenscheibe – das grüne Kleid, die Föhnwelle, die sie sich morgens mit der Vorfreude eines Kindes hatte machen lassen.

Acht Jahre, dachte sie.

Das Handy blieb stumm.

Draußen blieb sie einen Moment auf der Treppe stehen. Ein ruhiger Bonner Abend, irgendwo Gelächter, erleuchtete Schaufenster einer Apotheke. Die Luft roch nach nassem Asphalt und dem ersten Flieder. Und genau hier, auf diesen drei Steinstufen, tat sie etwas, das sie selbst nicht erwartet hätte.

Sie fuhr nicht nach Hause.

Das Handy schwieg immer noch. Jonas war ihr nicht hinterhergekommen, hatte keine Nachricht geschickt. Vermutlich lag er schon auf der Couch, den Kopf auf das geblümte Kissen gebettet, das Ingrid extra für ihn aufbewahrte.

Meike öffnete die Taxi-App. Statt der gewohnten Adresse ihrer eigenen Wohnung in Poppelsdorf tippte sie etwas ganz anderes ein: Rheinaue.

Sie wusste selbst nicht genau, warum. Sie wollte nur weg von dieser Stille, die sie zu Hause erwarten würde – der Kuhle im Sofa, wo Jonas sonst saß, der ungeöffneten Karte in ihrer Handtasche.

Am Rheinufer war um diese Zeit noch Leben. Die Lichter der Kennedybrücke spiegelten sich im dunklen Wasser, Pärchen gingen Arm in Arm, Jogger mit Stirnlampen, ein Mann mit Hund. An einem Kiosk kaufte sie einen Becher Glühwein – außerhalb der Saison, aber der Verkäufer machte keine Anstalten, sich darüber zu wundern – und schlenderte den Uferweg entlang, den Pappbecher zwischen den kalten Händen.

Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, bis sie bei einer Bank unter einer Kastanie stehen blieb. Dort saß sie eine Weile, den Blick auf das andere Rheinufer gerichtet, wo die Lichter des Siebengebirges verschwommen durch den Dunst schimmerten. Sie dachte an die Karte in ihrer Tasche und daran, dass sie sie am liebsten zerreißen würde. Stattdessen holte sie ihr Handy heraus und öffnete die Kontakte.

Nicht Jonas. Ihre Anwältin, Frau Dr. Sabine Rohleder, mit der sie vor zwei Jahren wegen einer Erbschaftsangelegenheit zu tun gehabt hatte, als ihr Vater gestorben war. Meike tippte eine kurze Nachricht: „Können wir diese Woche einen Termin machen? Es geht um die Wohnung."

Die Wohnung in Poppelsdorf – zweiundsiebzig Quadratmeter, gekauft vor vier Jahren von Meikes eigenem Erbe, nachdem ihr Vater gestorben war. Sechsundneunzigtausend Euro hatte sie eingebracht, mehr als die Hälfte des Kaufpreises. Der Rest lief über einen gemeinsamen Kredit, den beide abbezahlten – aber im Grundbuch stand nur ihr Name, weil Jonas damals gesagt hatte, das sei „steuerlich cleverer so", und sie hatte es geglaubt, ohne nachzufragen. Erst jetzt, auf dieser Bank am Rhein, mit kalten Fingern um einen Pappbecher, wurde ihr klar, was für eine Waffe sie die ganze Zeit in der Tasche getragen hatte, ohne es zu wissen.

Am nächsten Morgen, kurz nach acht, rief Jonas an. Er klang zerknirscht, aber nicht wirklich schuldbewusst – mehr wie jemand, der eine lästige Formalität abhaken wollte.

„Ich bin gleich zu Hause. Mama schläft jetzt, es geht ihr besser."

„Schön für sie", sagte Meike und legte auf, bevor er noch etwas sagen konnte.

Sie verbrachte den Vormittag in der Kanzlei von Dr. Rohleder in der Bonner Altstadt, in einem Büro mit Blick auf den Münsterplatz, wo gerade der Wochenmarkt aufgebaut wurde und der Duft von frisch gebackenen Waffeln durch das gekippte Fenster zog. Auf dem Schreibtisch lagen die Kaufunterlagen der Wohnung, der Grundbuchauszug, die Kontoauszüge der letzten vier Jahre.

„Die Wohnung gehört zu hundert Prozent Ihnen", sagte Dr. Rohleder und tippte mit dem Kugelschreiber auf den Grundbuchauszug. „Der Kredit ist eine gemeinsame Verbindlichkeit, das ist ein anderes Thema. Aber niemand kann Sie zwingen, ihn dort wohnen zu lassen, wenn Sie sich trennen."

Meike nickte, faltete die Hände auf dem Tisch. Kein Zittern mehr.

„Ich möchte die Scheidung einreichen. Und ich möchte, dass er auszieht. Sofort, nicht in drei Monaten."

Als Jonas am Abend nach Hause kam, den Autoschlüssel noch in der Hand, fand er seine Kleidung bereits in zwei großen Koffern im Flur stehen – gepackt, ordentlich, ohne jede Bosheit. Auf dem Küchentisch lag ein Umschlag mit den Kontaktdaten von Dr. Rohleder und einem kurzen Brief.

„Was soll das?", fragte er, den Mantel noch an, die Koffer anstarrend.

„Das ist deine Kleidung. Die Wohnung gehört mir, Jonas. Steht im Grundbuch, seit vier Jahren. Du hast selbst gesagt, das sei steuerlich cleverer so."

„Meike, das ist doch lächerlich, wir sind verheiratet, das ist unser Zuhause—"

„Es ist meins. Und ich brauche es jetzt für mich allein."

Er stand da, den Mund halb geöffnet, als würde er nach einem Argument suchen, das er nirgends fand. Dann klingelte sein Handy. Ingrid. Er ging nicht ran.

„Du kannst bei deiner Mutter wohnen", sagte Meike und hielt ihm die Wohnungstür auf. „Sie freut sich sicher. Dienstag ist ja auch der Arzttermin."

Die Scheidung dauerte elf Monate. Meike behielt die Wohnung, zahlte Jonas seinen Anteil am gemeinsamen Kredit in monatlichen Raten zurück – zweihundertdreißig Euro, über vier Jahre verteilt, exakt berechnet von Dr. Rohleder. Keine Rache, kein Triumph. Nur eine Zahl, die beide unterschrieben hatten.

An ihrem nächsten Hochzeitstag – dem, der keiner mehr war – saß Meike allein auf der Bank an der Rheinaue, mit einem Becher Glühwein in der Hand, obwohl längst wieder Frühling war und es eigentlich zu warm dafür war. Sie holte die alte Karte aus der Innentasche ihrer Handtasche, las die drei Zeilen noch einmal: „Acht Jahre sind viel und wenig zugleich." Dann faltete sie die Karte zweimal und ließ sie in den Papierkorb neben der Bank fallen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ein Jogger mit Stirnlampe lief vorbei, sein Hund schnüffelte kurz an ihrem Bein und trottete weiter. Meike trank den Glühwein aus, warf den Becher hinterher und ging den Uferweg entlang, dorthin, wo die Lichter der Stadt am hellsten brannten.

Rate article
Traurige Nudeln, warme Wolldecke