Reifenwechsel in Braunlage, dreiundzwanzig Jahre Ehe – und Sabine kniet nicht

Der Sonntagnachmittag roch nach Bratkartoffeln und nach dem nassen Fell eines alten Hundes. Draußen vor der Werkstatt in Braunlage, am Rand des Harzes, tropfte der erste Novemberregen von der Dachrinne, und drinnen, in der Wohnung über der Werkstatt, lief der Fernseher noch, weil niemand daran gedacht hatte, ihn auszuschalten.

Sabine Krohn, vierundfünfzig, stand am Herd und drehte die Kartoffeln um, als sie unten die Autotür hörte. Zwei Türen. Ihre Schwiegermutter Renate kam nie allein – im Schlepptau immer ihre Schwester Elfriede, die nichts sagte, aber alles sah.

Sabine wischte sich die Hände an der Schürze ab und rief nach ihrem Hund. Bruno, ein Mischling mit grauer Schnauze, dreizehn Jahre alt, taub auf dem linken Ohr, tapste gerade aus der Küche, um sich wie jeden Sonntag vor Renates Besuch ins Schlafzimmer zu verziehen. Diesmal kam sie zu spät. Die Wohnungstür ging auf, ohne dass jemand geklingelt hätte – Renate hatte seit Jahren einen Schlüssel, den ihr Sohn Matthias ihr gegeben hatte, ohne Sabine zu fragen.

„Ist der Köter immer noch nicht weg?" Renate verzog das Gesicht, als Bruno an ihr vorbeischlurfte.

„Guten Tag, Renate." Sabine bemühte sich um einen ruhigen Ton. „Ich bring ihn gleich rüber."

„Matthias!" Renate drehte sich zu ihrem Sohn, der im Wohnzimmer auf dem Sofa saß und auf sein Handy starrte. „Du weißt, ich krieg Ausschlag von dem Vieh. Warum ist das immer noch hier?"

„Mama, warte kurz."

Bruno, fast blind auf beiden Augen, die Hüften steif vom Alter, schleppte sich an Renate vorbei Richtung Flur. Renate trat nach ihm. Nicht fest – aber fest genug, dass der Hund gegen den Türrahmen taumelte und aufjaulte.

Es wurde still im Flur. Sogar der Fernseher schien leiser.

„Renate", sagte Sabine, und ihre Stimme klang jetzt anders, „ich hätte nie gedacht, dass die Mutter meines Mannes so etwas Wehrloses tritt."

Elfriede blieb wie angewurzelt in der Tür stehen. Matthias legte das Handy auf den Couchtisch.

„Was hast du gerade gesagt?" Renates Gesicht wurde blass unter dem Rouge.

„Ich hab's ziemlich deutlich gesagt. Tu nicht so, als hättest du's nicht gehört."

Sabine ging in die Knie, hob Bruno hoch, spürte, wie er zitterte. Vor dreizehn Jahren war er ein räudiges Etwas gewesen, das sie an einer Ausfahrt der A395 gefunden hatte, eingewickelt in eine alte Decke, kaum größer als ihre zwei Hände. Jetzt wog er fast dreißig Kilo, hörte schlecht, sah schlecht – aber wenn Sabines Hand über sein Fell strich, hörte das Zittern für einen Moment auf.

„Matthias." Sabine sah ihren Mann an. „Hast du gesehen, was passiert ist?"

„Hab ich." Er nickte, ohne vom Sofa aufzustehen.

„Und?"

„Bring den Hund raus und komm wieder rein. Wir müssen reden."

„Reden." Sabine wiederholte das Wort, als würde sie es abschmecken. „Gut."

Sie trug Bruno ins Schlafzimmer, legte ihn auf seine Decke neben dem Bett, kraulte ihn zwischen den Ohren, bis sein Atem ruhiger wurde. Dann ging sie zurück ins Wohnzimmer, wo die drei sie schon erwarteten wie ein Tribunal.

„Setz dich, Mama", sagte Matthias und deutete aufs Sofa. „Tante Elfriede, du auch."

Elfriede setzte sich wortlos auf die Kante des Sessels am Fenster. Renate ließ sich demonstrativ in den Sessel gegenüber dem Fernseher fallen – genau dort, wo unter dem Sitzkissen die Ferienkasse lag, von der niemand außer Sabine wusste.

„Also." Matthias stand auf. „Sabine, du entschuldigst dich bei meiner Mutter."

„Ich?" Sie zog die Augenbraue hoch.

„Du hast sie beleidigt."

„Deine Mutter hat meinen Hund getreten. Für so was gibt's ein Wort."

„Das ist ein Tier. Sie ist ein Mensch. Meine Mutter."

Sabine sah ihn an. Dreiundzwanzig Jahre Ehe. Dreiundzwanzig Jahre, in denen sie Bruno vor jedem Besuch der Schwiegermutter weggeräumt hatte wie schmutzige Wäsche. Dreiundzwanzig Jahre, in denen sie über angebliche „Hundegerüche" hinweggegangen war, die es nie gegeben hatte. Dreiundzwanzig Jahre, in denen sie geschwiegen hatte, wenn Renate von „dem Vieh" sprach.

„Matthias", sagte sie leise, und das war ihr letztes Angebot an ihn. „Deine Mutter hat ein wehrloses, altes, fast blindes Tier getreten. Und du willst, dass ich mich entschuldige?"

„Du hast sie eine Tierquälerin genannt."

„Weil sie sich wie eine verhält."

„Sabine!"

Renate schwieg. Elfriede auch, aber ihre Augen wanderten zwischen den beiden hin und her wie bei einem Tennisspiel.

„Entschuldige dich bei meiner Mutter." Matthias trat einen Schritt auf seine Frau zu. „Jetzt."

„Nein."

„Ich meine das ernst, Sabine."

„Ich auch, Matthias. Deine Mutter hat jemanden verletzt, den ich liebe. Vielleicht entschuldigt sie sich zuerst?"

Renate schnaubte. „Ich? Bei einem Hund? Hast du den Verstand verloren, Mädchen?"

„Nicht beim Hund. Bei mir."

„Wofür?"

„Dafür, dass Sie ein Mitglied meiner Familie getreten haben."

„Ein Mitglied deiner Familie?" Renate lachte auf, kurz und hart. „Dieser räudige Köter ist ein Familienmitglied?"

„Ja. Seit dreizehn Jahren."

„Sohn, hörst du dir diesen Unsinn an?"

Matthias wandte sich zu seiner Frau. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Wenn sie früher unter vier Augen gestritten hatten, konnte er nachgeben, konnte einlenken. Jetzt saßen seine Mutter und seine Tante im Raum und sahen zu.

„Sabine." Seine Stimme wurde hart. „Ich verlange, dass du dich bei meiner Mutter entschuldigst."

„Und ich verlange, dass du diese Situation nüchtern betrachtest."

„Ich seh's klar. Du entschuldigst dich."

„Für die Wahrheit?"

„Für die Beleidigung."

„Dann nein."

Matthias griff nach ihrem Oberarm. Nicht grob, aber demütigend. Sabine drehte sich um und schlug ihm ins Gesicht. Der Klatscher hallte im Wohnzimmer nach, lauter als der Fernseher, der immer noch irgendeine Vorabendserie zeigte, deren Ton keiner mehr wahrnahm.

„Hat dir das gefallen?", fragte sie.

„Du…" Matthias hielt sich die Wange.

„Genauso hat's Bruno wehgetan. Nur kann er sich nicht wehren."

Elfriede richtete sich im Sessel auf. Sie kannte Sabine seit über zwanzig Jahren – die ruhige, beherrschte, immer freundliche Sabine. So hatte sie ihre Nichte-durch-Heirat noch nie erlebt.

„Sabine—", setzte Elfriede an, aber Sabine schüttelte den Kopf.

„Tante Elfriede, das ist zwischen mir und meinem Mann."

„Du hast mich geschlagen, vor meiner Mutter und meiner Tante", presste Matthias zwischen den Zähnen hervor.

„Vor deiner Mutter und deiner Tante."

„Und du hast geschwiegen, als deine Mutter mein Tier getreten hat. Vor mir."

„Das ist nicht dasselbe!"

„Stimmt. Mein Schlag war etwas härter."

Sie ließ die Worte im Raum stehen, ging zum Sekretär am Fenster, zog die untere Schublade auf und holte einen braunen Aktenordner heraus, den sie seit drei Wochen dort liegen hatte, ohne dass Matthias es bemerkt hatte. Sie legte ihn auf den Couchtisch, direkt vor Renates Knie.

„Was ist das?", fragte Renate misstrauisch.

„Die Werkstatt in der Bahnhofstraße", sagte Sabine. „Die, die dein Mann vor seinem Tod dir und Matthias zu gleichen Teilen vermacht hat. Und die, die Matthias vor vier Jahren – ohne mich zu fragen, ohne dass ich es wusste, weil ich damals im Krankenhaus lag wegen meiner Bandscheibe – zur Hälfte auf dich hat überschreiben lassen, während meine Hälfte am Betrieb, an den Krediten, an den Löhnen für die zwei Angestellten hing wie eh und je."

Matthias wurde bleich. „Woher weißt du das?"

„Von deinem Steuerberater, dem freundlichen Herrn Brückner, der es für einen abgeschlossenen Vorgang hielt, als ich vor drei Wochen nach den Jahresabschlüssen gefragt habe, weil ich die Steuererklärung machen wollte wie jedes Jahr."

Sie klappte den Ordner auf. Notarielle Vollmacht, Handelsregisterauszug, ihr eigener, nie unterschriebener Gesellschaftsvertrag – und daneben, säuberlich abgeheftet, die Kontoauszüge des gemeinsamen Werkstattkontos der letzten vier Jahre, auf denen sie, Sabine, die Buchhaltung gemacht hatte, jeden Monat, unbezahlt, während ihr Name nirgendwo mehr als Gesellschafterin auftauchte.

„Vierundzwanzigtausend Euro", sagte sie, „so viel Gewinnbeteiligung stand mir laut dem ursprünglichen Vertrag deines Vaters für die letzten vier Jahre zu. Bekommen habe ich nichts. Weil ich offiziell keine Gesellschafterin mehr bin. Das hier" – sie tippte auf den Handelsregisterauszug – „hat dein Mann unterschrieben, während ich mit einem Bandscheibenvorfall im Klinikum Goslar lag und dachte, wir wären ein Team."

Renate griff nicht nach dem Ordner. Sie starrte ihn an, als könne er sie beißen.

„Das ist Familienbesitz", sagte sie schließlich steif. „Der gehört Matthias und mir."

„Er gehörte auch mir. Bis vor vier Jahren."

„Sabine", Matthias' Stimme brach fast, „das war… das hat meine Mutter vorgeschlagen, wegen der Erbschaftssteuer, das war nur auf dem Papier, das ändert doch nichts an—"

„Es ändert alles." Sabine nahm den Ordner wieder an sich. „Ich hab heute Vormittag, bevor ihr kamt, einen Termin bei Rechtsanwältin Feldkamp in Bad Harzburg gemacht. Übermorgen, elf Uhr. Ich lasse prüfen, ob die Übertragung anfechtbar ist – Stichwort Schenkung unter Ehegatten während bestehender Beteiligung, ohne meine Zustimmung. Und falls nicht: Ich reiche die Scheidung ein und lasse den Zugewinn berechnen, inklusive der Werkstatt, so wie sie vor vier Jahren wert war, nicht so, wie sie jetzt auf dem Papier aussieht."

Es war still im Zimmer. Nur aus dem Schlafzimmer war ein leises Schnaufen zu hören – Bruno, der im Schlaf träumte und mit den Pfoten zuckte.

„Du würdest wegen einem Hund unsere ganze Ehe wegwerfen?", fragte Matthias leise.

„Nein." Sabine stand auf, den Ordner unter dem Arm. „Ich werfe nichts weg. Ich hab nur aufgehört, für etwas zu bezahlen, das mir sowieso gehört hat. Der Hund hat mir nur gezeigt, was ich schon länger wusste und nicht sehen wollte."

Sie ging zum Flurschrank, nahm ihre Autoschlüssel und die Handtasche, in der das Handy mit der geöffneten Banking-App noch leuchtete – sie hatte, während Matthias am Telefon gehangen hatte, in Ruhe ihr eigenes Konto eingerichtet und den Dauerauftrag für die Werkstattmiete, die bisher von ihrem Gehalt mitgetragen worden war, bereits gekündigt.

„Renate", sagte sie an der Tür, „Elfriede. Der Kaffee ist in der Kanne. Bedient euch. Ich hol jetzt Bruno und fahr zu meiner Schwester nach Bad Lauterberg, für ein paar Tage."

Sie ging ins Schlafzimmer, hob den alten Hund behutsam von der Decke, wickelte ihn in eine Wolldecke, weil es draußen regnete. An der Wohnungstür blieb sie einen Moment stehen, den Hund im einen Arm, den Ordner im anderen.

„Übermorgen, elf Uhr, Bad Harzburg", wiederholte sie, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. „Dann sehen wir weiter."

Die Tür fiel ins Schloss. Unten, vor der Werkstatt, klapperte im Wind ein loses Blech an der Dachrinne, das schon seit Wochen niemand hatte reparieren wollen. Renate saß noch im Sessel, die Hände im Schoß, und starrte auf den Fleck auf dem Sitzkissen, unter dem sie jahrelang, ohne es zu wissen, auf Sabines Ferienkasse gesessen hatte.

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