Draußen roch es nach nassem Asphalt und den Kastanien vom Hof, obwohl es längst dunkel war. Ich hatte den Tisch gedeckt, die guten Teller von Villeroy & Boch, die ich sonst nur an Weihnachten aus dem Schrank hole. Der Rosenkohl stand schon viel zu lange auf der Herdplatte. Mein Mann Rüdiger hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, angeblich um Mails zu checken, aber ich hörte ihn mit dem Kugelschreiber auf die Tischplatte klopfen — das macht er nur, wenn ihm etwas unangenehm ist.

Es war ein Donnerstag im November. Leopold, unser Sohn, hatte am Telefon nur gesagt: „Mama, ich bring am Samstag jemanden mit. Mach dir keine Umstände, wir bleiben nicht lange.“ Kein Name, kein Alter, nichts.

Um zehn vor sieben klingelte es. Leopold stand auf der Fußmatte, neben ihm eine Frau, die ich für seine Professorin hielt. Dunkler Wollmantel, Ledertasche, die Haare zu einem Knoten gebunden. Sie roch nach einem Parfüm, das ich aus der Apothekenzeitschrift kannte — teuer, für Frauen über vierzig.

„Das ist Dominique“, sagte Leopold.

Dominique gab mir die Hand. Ihr Händedruck war fester als meiner. Sie entschuldigte sich, dass sie nichts mitgebracht hätten, der Tag sei chaotisch gewesen. Ihre Zähne waren gerade, zu gerade, wie aus einer Reklame für Zahnspangen.

Wir saßen im Wohnzimmer. Rüdiger schenkte Sekt ein. Ich bemerkte, wie Leopold die Hand auf das Knie von Dominique legte, ganz selbstverständlich, als hätten sie das schon tausendmal geübt. Neben ihr wirkte er plötzlich nicht mehr wie fünfundzwanzig. Eher wie ein Praktikant, der einer Abteilungsleiterin den Stuhl zurechtrückt.

— Und was machst du beruflich?, fragte Rüdiger.

— Ich leite eine Steuerkanzlei in Bielefeld. Zwei Standorte, dreiundzwanzig Mitarbeiter.

Ich hörte das Wort „Steuerkanzlei“ und rechnete sofort. Ausbildung, Studium, Examen, Berufserfahrung. Die Frau konnte unmöglich jünger sein als ich.

Beim Essen erzählte Dominique von ihrer Tochter. Celine. Vierzehn. Gerade im Austauschjahr in Kanada.

Mir blieb die Gabel auf halbem Weg zum Mund stehen. Leopold strich über Dominiques Handrücken.

— Mama, du musst das nicht verstehen. Aber du musst es akzeptieren.

Ich legte die Gabel zurück. Der Rosenkohl war kalt.

„Ich muss gar nichts“, hätte ich beinahe gesagt. Stattdessen trank ich einen Schluck Sekt und fragte, ob Celine gut klarkomme in Toronto.

Dominique erzählte von den Gasteltern, von einem Schulprojekt über nachhaltige Forstwirtschaft. Leopold sah sie an mit einem Gesicht, das ich kannte — er hatte mit sieben genauso ausgesehen, wenn der Weihnachtsmann durch die Fußgängerzone lief. Verzaubert. Nur dass der Zauberer diesmal weiblich, doppelt so alt und geschieden war.

Irgendwann half Dominique mir, den Tisch abzuräumen. Sie trug die Schüsseln zum Tresen, öffnete den Geschirrspüler, räumte ein. Sie kannte sich in meiner Küche aus wie in ihrer eigenen.

— Die obere Schublade klemmt, sagte ich nur.

— Ich weiß, sagte Dominique. Und schob sie mit dem Knie zu.

Da begriff ich, dass das hier kein Kennenlernen war. Das war ein Einzug. Und von der Sorte, bei der die neue Frau der alten nicht mehr den Platz an der Spüle lässt.

Die Bombe fiel erst beim Kaffee. Dominique holte ihr Handy aus der Tasche, tippte ein paar Mal darauf herum und schob es mir über den Tisch. Auf dem Display: ein Ultraschallbild. Ein kleiner, heller Fleck, wie eine Bohne im Schneegestöber. Zwei blaue Daten darunter. Die zwölfte Woche. Der Geburtstermin im April.

— Sie bekommen noch einmal Nachwuchs, Frau Hartung, sagte Dominique.

Nicht: ein Enkelkind. Nicht: Leopold wird Vater. Sie bekommen noch einmal Nachwuchs. Als hätte ich sechs Jahre lang am Wickeltisch gestanden und nur auf die nächste Bestellung gewartet.

Ich griff nach meiner Espressotasse, weil meine Hände etwas Festes brauchten. Die Tasse zitterte. Der Kaffee bildete kleine Wellen. Ich fragte, ob sie schon einen Namen hätten.

— Vielleicht Arthur, sagte Leopold schnell. Wie Opa.

Ich musste an Opa Arthur denken, der 1991 gestorben war, an sein Grab in Lüdenscheid, an seine Armbanduhr, die noch immer im Nachttisch liegt, im Lederetui, aufgezogen, als würde sie jeden Moment wieder gebraucht.

Nach dem Essen holte Rüdiger die Fotoalben aus dem Wohnzimmerschrank. Nicht die dicken, sondern die kleinen, handlichen, die in jede Tasche passen. Er klappte Seite um Seite um. Leopold als Baby, Leopold im Planschbecken, Leopold mit Muscheln am Ostseestrand. Dominique beugte sich darüber und pelte die Fotos so vorsichtig aus den Klarsichthüllen, als wären es Fundstücke aus einer anderen Zeit.

— Das ist ja unglaublich, sagte sie. Er hat sich gar nicht verändert.

Sie legte die Hand an Leopolds Wange, hier, an meinem Esstisch, und drückte sein Gesicht zu einem Kussmund. Wie man es mit einem Kind macht.

Rüdiger klappte das Album zu, ganz sachte. Er warf mir einen Blick zu, den ich seit dem Abend kannte, als wir erfahren hatten, dass Leopolds erster Welpe aus dem Tierheim gestohlen worden war. Diese Mischung aus Trauer und Wut auf die Welt, die uns alles durcheinanderbrachte.

Beim Abschied half ich Dominique in den Mantel. Ich hielt ihn an den Schultern, sie schlüpfte hinein, wie man es bei einer Kundin im Modehaus tut. Leopold stand schon im Treppenflur und suchte nach der Taschenlampe am Schlüssel.

— Danke für den Abend, sagte Dominique.

— Danke für das Vertrauen, antwortete ich.

Ich weiß bis heute nicht, ob das Ironie war oder nicht.

Dann drückte ich die Tür zu, lehnte den Rücken dagegen und wartete, bis die Schritte im Treppenhaus und der Geruch ihres Parfüms endgültig verschwunden waren.

Rüdiger kam aus der Küche, die Ärmel hochgekrempelt, die Hände noch feucht vom Abwasch.

— Sie hat ihn schon ganz, sagte er. Hast du das gesehen? Wie er nach ihrer Hand gesucht hat, bevor er überhaupt wusste, was er sagen soll.

Ich setzte mich an den Küchentisch, nicht mehr die guten Tassen, die abgeschlagenen blauen mit den Henkeln, an denen noch der Rost vom Spülkorb klebte. Draußen rauschte der Regen über die Kastanien. Ich stand wieder auf, ging ins Schlafzimmer und holte das Lederetui aus dem Nachttisch.

Die Uhr meines Vaters lag darin, aufgezogen, als hätte ich sie erst gestern noch bewegt. Ich setzte mich zurück an den Tisch und legte sie zwischen uns, auf das Wachstuch.

— Für Arthur, sagte ich. Wenn er alt genug ist, um zu verstehen, was daran hängt.

Rüdiger nahm die Uhr in die Hand, drehte sie einmal um, hielt sie sich ans Ohr wie früher, als Kinder das mit Muscheln machten.

— Sie tickt noch, sagte er.

— Sie hat ihren eigenen Sohn großgezogen, Rüdiger. Jetzt kommt einer dazu, der nicht meiner war und trotzdem meiner wird. Ich muss mir nur überlegen, wie ich das schaffe, ohne dass ich dabei meinen verliere.

Er schob mir die Uhr wieder zu, sachte, über das Wachstuch.

— Den verlierst du nicht. Der sucht sich nur gerade eine andere Hand zum Festhalten. Das ist was anderes.

Ich nahm die Uhr, hielt sie fest in der Faust, spürte das kühle Metall warm werden. Dann stand unser Festnetztelefon still, Leopolds Nummer blinkte auf dem Display, ein zweites Mal, ein drittes Mal. Ich ließ es klingeln, bis es von selbst aufhörte, und legte die Uhr zurück ins Etui, diesmal mit der Öffnung nach oben, bereit für den Tag, an dem ich sie wieder herausnehmen würde.

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Draußen roch es nach nassem Asphalt und den Kastanien vom Hof, obwohl es längst dunkel war. Ich hatte den Tisch gedeckt, die guten Teller von Villeroy & Boch, die ich sonst nur an Weihnachten aus dem Schrank hole. Der Rosenkohl stand schon viel zu lange auf der Herdplatte. Mein Mann Rüdiger hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, angeblich um Mails zu checken, aber ich hörte ihn mit dem Kugelschreiber auf die Tischplatte klopfen — das macht er nur, wenn ihm etwas unangenehm ist.