Ich bin dreiundachtzig und lebe allein. Das klingt für viele nach einem Satz, der Mitleid verlangt. Nach einer Aufforderung, die Hand zu täuscheln und „Ach, die Arme“ zu sagen. Komischerweise fragt mich das ständig jemand: „Ist Ihnen nicht einsam?“ Die Kassiererin bei Edeka an der Kasse drei, der Postbote, wenn ich ihm die Tür aufmache, die Nachbarin von gegenüber, die mich alle zwei Wochen zum Kaffee einlädt und dabei so guckt, als hätte ich zwanzig Kilo abgenommen. Ich sage dann immer: „Nein. Wirklich nicht.“ Und meine es auch so. Aber der achtzigste Geburtstag ist so eine Grenze, hinter der einem keiner mehr glaubt.
Dabei hätte ich früher auch nicht gedacht, dass ich das mal sage. Ich war fünfundvierzig Jahre verheiratet. Fünfundvierzig Jahre lang hatte ich ein Haus, in dem es nie still war. Drei Kinder. Ein Mann, der Schichtdienst bei Bosch hatte und um halb sechs aufstand. Ich kannte jeden Laut dieses Hauses, jeden Schritt auf der Treppe, jeden Knall, wenn die Haustür zufiel. Ich wusste, wer um Viertel nach sechs den Wasserhahn im Bad aufdreht, wer den Fernseher zu laut hat, wessen Teller in der Spüle steht. Das war mein Leben: Frühstück machen, Pausenbrote schmieren, zur Arbeit rennen, einkaufen, kochen, waschen, Hausaufgaben kontrollieren, bei Fieber die halbe Nacht am Bett sitzen. Und das alles gleichzeitig. Ich habe im Stehen gegessen, jahrelang. Kaffee, der kalt wurde, weil wieder einer was wollte.
Man liebt seine Leute. Man fragt sich nicht, ob man genug Luft bekommt.
Dann starb mein Mann. Lungenkrebs, innerhalb von neun Monaten. Das Haus war plötzlich still. Ich saß am Küchentisch und hörte die Heizung gluckern. Draußen parkte ein Lieferwagen von DHL, irgendwo bellte ein Hund. Und ich dachte zum ersten Mal seit Jahrzehnten: Was mache ich eigentlich mit dem Vormittag? Diese Frage war mir so fremd, dass ich den Kaffee trank und das Gefühl hatte, etwas Verbotenes zu tun. So als würde ich die Zeit stehlen. Ich dachte: Wenn jetzt jemand klingelt und fragt, was ich hier mache, dann habe ich keine Antwort.
Die Kinder kamen. Natürlich kamen sie. Meine Tochter Kerstin, die in Frankfurt bei einer Versicherung arbeitet, saß da und strich über die Tischdecke. „Mama, du kannst das nicht alleine. Nicht in dem großen Haus.“ Mein Sohn Andreas, der in Stuttgart wohnt, nickte dazu und schaute auf sein Handy. „Wir haben überlegt… du könntest zu uns ziehen. Oder in eine schöne Seniorenwohnung, mit Balkon. Da bist du nicht so allein.“
„Ich bin nicht allein“, habe ich gesagt. „Ich bin nur zum ersten Mal in meinem Leben mit mir selbst zusammen.“
Sie haben sich angesehen. Diesen Blick kenne ich. Dieser Blick sagt: Sie redet so, aber im Kopf ist sie vielleicht schon nicht mehr ganz da.
Ich hab dann noch gelächelt, das muss man als Mutter können. „Ich melde mich, wenn ich was brauche.“
Kerstin fuhr nach Frankfurt zurück, Andreas nach Stuttgart. Und ich blieb mit dem großen Haus, der gluckernden Heizung und einem Kühlschrank voller Essen, das sie nicht mitnehmen wollten. Abends saß ich im Wohnzimmer. Ich machte bewusst keinen Fernseher an. Ich hörte einfach zu. Die Uhr im Flur. Ein Auto, das am Haus vorbeifuhr. Dann nichts. Dieses Nichts hatte etwas. Es drückte nicht. Es wartete nicht. Es fragte nichts. Ich bin lange sitzen geblieben. Irgendwann merkte ich, dass ich die Hände ruhig im Schoß liegen hatte, einfach so. Kein Wischen, kein Kochen, kein Suchen, keine Eile. Und ich habe nicht geweint. Ich war irgendwas anderes. Vielleicht erleichtert. Vielleicht einfach wach.
Seitdem lebe ich in einem Rhythmus, der nur meiner ist. Ich stehe auf, wenn es hell wird, nicht, wenn der Wecker klingelt. Ich frühstücke, wenn ich Hunger habe. Ich lese Zeitung mit der Lupe. Ich gehe um zehn ins Bett, manchmal auch um zwei, wenn mich ein Buch packt. Ich habe die Fensterbänke voller Orchideen, eine blüht gerade zum dritten Mal, seit Horst tot ist. Ich weiß von jeder einzelnen, wann sie Wasser will. An der Kasse bei Edeka lege ich eine Packung Katzenzungen aufs Band, nicht weil ich sie mag, sondern weil Horst sie so gern hatte. Das ist keine Trauer. Das ist so ein Ritual, weißt du. Man isst sie nicht, man stellt sie in den Schrank. Nach ein paar Wochen verschenke ich sie an die Kinder vom Haus nebenan.
Natürlich gibt es Tage, an denen mich was einholt. Neulich lief im Radio ein Lied von Trude Herr. „Ich will keine Schokolade.“ Horst hat das immer falsch mitgesungen, mit so einer albernen Stimme. Ich saß auf dem Sofa, hatte den Pott Kaffee in der Hand und musste lachen. Und dann kamen die Tränen. Das gehört dazu. Aber es bleibt nicht. Der Sommerabend hängt dann noch im Fenster, die Taube auf dem Dach gegenüber gurrt, und ich denke: Gut, dass du das mitgesungen hast, du alter Dussel. Und dann ist es wieder gut.
Was mich wirklich getroffen hat, war nicht sein Tod. Es war der Blick meiner Kinder. Diese Art, wie Kerstin die Tischdecke glattgestrichen hat, als müsste sie eine tote Katze zudecken. Als ob ein Leben ohne Fürsorgepflicht gar kein richtiges Leben wäre. Ich habe denen nie gesagt, wie weh das getan hat. Es war ja gut gemeint. Aber ich habe mir geschworen: Nie wieder werde ich wegen so einem Blick plötzlich mit „ihr habt ja recht“ antworten.
Letzte Weihnachten wollte Andreas mich dann tatsächlich in eine Wohnanlage nach Stuttgart holen. Er hatte schon alles herausgesucht, Preisliste, Grundriss, sogar Bilder auf dem Handy. „Da ist immer jemand da, Mama. Und du wärst in der Nähe von uns.“
Ich habe mir das Handy genommen und mir die Bilder angesehen. Helle kleine Wohnung. Balkon nach Süden. Alles behindertengerecht. „Wie viel kostet das?“, fragte ich.
„Zweitausendsiebenhundert kalt“, sagte er. „Aber wir würden dich unterstützen.“
Ich habe ihm das Handy zurückgegeben. „Andreas, ich bin dreiundachtzig, nicht pflegebedürftig. Ich will keine Notrufkette. Ich will morgens meine Rosen schneiden, solange ich mich bücken kann.“
Er hat geseufzt. Dieser Seufzer, der sagt: Mama ist stur. Ich habe ihn umarmt. „Ich weiß, dass du dir Sorgen machst. Das ist dein Job als Sohn. Aber mein Job ist es, in meinem Haus den Kaffee zu trinken, bis er kalt wird. Dafür habe ich lange genug gespart.“
Wir haben uns geeinigt: Er ruft jeden Mittwoch an. Kerstin kommt einmal im Monat. Und ich rufe an, wenn ich was brauche. Bisher habe ich ein einziges Mal angerufen, weil der Rollladen klemmte. Da ist Andreas sofort gekommen, mit dem Wagen voller Werkzeug. Er hat eine Stunde gebraucht, und danach haben wir zusammen Gulaschsuppe gegessen. So soll das sein.
Vor zwei Wochen stand die Nachbarin von gegenüber vor der Tür. Frau Borowski, sechsundsiebzig, Dauerwelle wie immer. „Frau Waldner“, sagte sie, „ich frage Sie jetzt mal ganz direkt: Waren Sie heute schon vor der Tür?“ Ich dachte kurz nach. „Ja, ich war im Garten.“ Sie musterte mich. „Und haben Sie mit jemandem gesprochen?“ Ich überlegte. „Mit der Amsel“, sagte ich. Und dann lachte ich. Sie lachte nicht. Sie drückte mir eine Tüte mit Äpfeln in die Hand. „Dann ist ja gut. Aber Sie wissen, dass ich gleich nebenan wohne.“
Ich habe die Äpfel angenommen. Heute waren sie Mus. Der Geruch von Zimt und Nelken zog durchs ganze Haus, wie damals, als die Kinder zur Schule gingen. Und dann habe ich es mir mit einem Buch auf dem Sofa bequem gemacht, das Radio auf leise gestellt, die Füße auf dem Hocker. Ich las zwei Seiten, stellte das Buch ab und hörte dem Regen zu. Nicht einsam. Einfach da. Wie der Kratzer im Tisch, den keiner mehr sieht, aber der da ist und zu mir gehört.
Manchmal fragen mich Leute, ob ich mir wünsche, dass die Kinder wieder einziehen. Ich habe dann ein Bild vor Augen: Andreas mit den Dreien im Schlepptau, voller Termine, und ich an der Garderobe, die Schuhe sortiere. Da muss ich fast lachen. „Nein“, sage ich. „Ich habe drei erwachsene Kinder, die ihr Leben führen. Das ist genau das, was ich wollte. Und was das Alleinsein betrifft: Das ist meine Belohnung, nicht meine Strafe.“
Am letzten Sonntag war Kerstin zu Besuch. Bevor sie ging, stand sie im Flur und schaute sich um, als sähe sie das Haus zum ersten Mal. „Mama, wenn du hier mal nicht mehr wohnen kannst…“, begann sie. Ich nahm ihre Hand. Nicht drücken, nur halten. „Dann reden wir darüber, wenn es so weit ist, Kerstin. Bis dahin reiche ich dir noch ein Stück Streuselkuchen.“ Sie lachte. Bat ums Rezept. Ich gab es ihr, aber absichtlich ohne die Notiz am Rand. Die ist für später.
Gestern Morgen, halb acht, stand ich am Küchenfenster und goss die Orchidee. Das Licht fiel so auf das Blatt, dass ich jeden feinen Riss darin sehen konnte, wie Adern auf einer Landkarte. Ich dachte an früher. An die Jahre, in denen ich morgens um sechs im Bad den Kindern die Haare flocht, während Horst im Flur seinen Blaumann suchte. An die Zeit, in der jeder Tag von sechs bis zweiundzwanzig Uhr durchgetaktet war wie ein Bahnhof in der Rushhour. Und dann sah ich wieder auf die Orchidee. Sie wollte nichts von mir. Sie blühte einfach. Ich füllte die Gießkanne mit abgestandenem Wasser, machte mir einen Kaffee, setzte mich an den Tisch und schaute zu, wie die Sonne über das Fensterbrett wanderte, Zentimeter für Zentimeter, ganz ohne mein Zutun.
Da klingelte mein Telefon. Kerstin. „Na, Mama? Alles klar bei dir?“
„Alles klar“, sagte ich. „Hier blüht gerade was.“ Und sie wusste nicht, ob ich die Orchidee meinte oder mich. Ich wusste es ja selbst nicht so genau.
Das ist das Schöne daran. Man kann mit dreiundachtzig endlich etwas ganz Banales tun, Kaffee trinken am Fenster, und die Welt fragt: Warum tust du nichts? Und man antwortet: Weil das genau die Sache ist. Weil ich lange genug etwas getan habe. Jetzt mache ich mir das.
Die Frage, ob ich einsam sei, beantwortet sich also von selbst, finde ich. Der Kratzer im Tisch, die Taube auf dem Dach, die Amsel im Garten, die Blüte, die zum dritten Mal kommt, ganz leise. Damit bin ich lange nicht allein. Damit bin ich nur noch bei mir.











