Der Apfelbaum meiner Großmutter

Es war der letzte Samstag im August, halb neun morgens, und ich stand mit einem Korb Frühzwetschgen vor dem Gartentor, als ich das Schild sah. Ein handgeschriebenes Holzschild, mit einem Zimmermannsnagel direkt neben meinen Klarapfelbaum in den Rasen gerammt: "Bereich Sabine."

Ich bin Ines Brenner, dreiundvierzig, Physiotherapeutin in Cottbus. Der Garten in Burg, an der Spree, gehörte meiner Großmutter Erna, dann meiner Mutter, jetzt mir. Mein Mann Torsten und ich fahren jedes Wochenende raus, seit April bauen wir Kürbisse an, dieses Jahr zum ersten Mal Zuckermelonen, die tatsächlich süß geworden sind.

Ich zog das Schild aus der Erde, klopfte die feuchte Erde ab und legte es zurück in die leere Obststiege, die neben dem Baum stand.

„Hier wird gar nichts eingelagert", sagte ich und schaute zu meiner Schwägerin Sabine hinüber, die mit einer Handvoll Reißzwecken dastand. „Erklär mir erst mal, wer dir erlaubt hat, mein Grundstück aufzuteilen."

Sabine, Torstens jüngere Schwester, arbeitet in der Verwaltung eines Pflegeheims in Spremberg. Sie zuckte kurz zusammen, fing sich aber schnell wieder.

Hinter ihr, an der alten Holzlaube, stand schon ihr Mann Frank, ein Möbelpacker aus Forst, breitschultrig, mit einer Bierflasche in der Hand, obwohl es noch nicht mal zehn war. Er hatte die Tür der Laube aufgerissen und blickte jetzt mit gerunzelter Stirn hinein.

„Sag mal, was soll das", brummte er. „Das Dach tropft, die Isolierung ist hin. Dafür hab ich zweitausend Euro hingelegt? Mutter hat gesagt, das wäre im Frühjahr alles neu gemacht worden."

Seine Frau Katrin — Torstens Cousine, die mit ihrer Familie aus Guben angereist war — stand schon auf der Terrasse des Häuschens und spähte mit der Hand über den Augen durch die Fenster.

„Also", verkündete sie, ohne mich überhaupt anzuschauen, „Frank und ich nehmen das Schlafzimmer oben, da hat man die Aussicht auf die Spree. Ines und Torsten können ja unten auf der Ausziehcouch schlafen, euch macht das doch nichts am Wochenende."

Mein Mann Torsten unterrichtet technisches Zeichnen an der Berufsschule in Cottbus. Er verträgt es nicht, wenn Leute eigenmächtig fremde Grundrisse verändern — selbst wenn es sich nicht um ein Blatt Zeichenpapier handelt, sondern um unser Grundstück an der Muskauer Straße. Er stellte seinen Eimer ab und sah seine Mutter an.

Die trat vor. Renate Brenner, siebenundsechzig, strahlte mit der Nachsicht einer Frau, die soeben unwissende Kinder beglückt hat, die den Umfang ihres Glücks nur noch nicht begriffen haben.

„Ines, wir sind doch Familie!", trällerte sie und tupfte sich die Stirn mit einem Taschentuch. „Ich wollte euch doch nur helfen. Ihr zwei rackert euch hier alleine ab. Da hab ich allen einen Lageplan geschickt, jeder hat seinen Bereich. Torsten hat's abgesegnet, und dir, ich weiß, fehlt ja immer die Zeit, jedem alles zu erklären. Jetzt hat wenigstens jeder was davon!"

Sabine schlug die Hände zusammen, wäre dabei fast über ihre leere Kiste gestolpert.

„Wie, gar nichts eingelagert? Ich hab Mutter zwölfhundert Euro für neues Gewächshausfolie und die Tropfbewässerung überwiesen! Mir wurde ein Drittel der Ernte versprochen!"

Frank trat einen Schritt von der Laube weg, die Augenbrauen zusammengezogen: „Und ich hab zweitausend für die Dachreparatur bezahlt, dafür durfte ich hier an meinen freien Wochenenden übernachten!"

Katrin verschränkte die Arme. „Wir haben zweitausendzweihundert für die Sommerferien im oberen Schlafzimmer eingezahlt! Das Geld ging in die Fassadenarbeiten!"

Ich schaute zu meiner Schwiegermutter. Renate nestelte nervös am Riemen ihrer Handtasche, ihre Sicherheit verflog sichtlich. Der Garten gehörte mir, geerbt von meiner Großmutter Erna. Ich hatte niemandem eine Genehmigung erteilt, keine Schlüssel ausgehändigt, keinen Umbauplan abgesegnet.

„Torsten", fragte ich leise meinen Mann, „hast du dieses aufregende Investitionsprojekt genehmigt?"

Er schüttelte den Kopf. Trat dicht an seine Mutter heran.

„So", sagte er, in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. „Wer hat wie viel überwiesen? Bankapp raus, alle."

Die Verwandtschaft, die spürte, dass etwas nicht stimmte, zog folgsam die Handys hervor. Nach zwei Minuten stellte sich heraus: Neben Sabine, Frank und Katrin hatte Renate noch von zwei entfernten Tanten aus Weißwasser jeweils tausend Euro für künftige Gästewochenenden eingesammelt.

„Siebentausendvierhundert Euro", fasste Torsten zusammen, den Blick aufs Display gerichtet. „Mama, zeig uns die Quittungen für Folie, Dach und Fassadenfarbe. Wo sind die Überweisungen an die Handwerker?"

Renate blinzelte verwirrt.

„Was für Überweisungen?", fuhr sie auf, wich meinem Blick aus. „Ich hab das alles bar geregelt! Die Quittungen hab ich zu Hause vergessen, in der anderen Tasche."

Sabine kniff misstrauisch die Augen zusammen, wanderte mit dem Blick vom unsanierten Gewächshaus zur alten Laube, dann zu ihrer Mutter.

„Mama", sagte sie gedehnt. „Wann genau hast du dir eigentlich diesen riesigen Massagesessel gekauft? Den, der halb dein Wohnzimmer ausfüllt? Und den neuen Fernseher?"

Im Garten verstummten mit einem Schlag alle Gespräche. Es wurde so still, dass ich vom Nachbargrundstück den Rasenmäher hören konnte, der zwei Häuser weiter lief, und irgendwo bellte ein Hund, den keiner zurückpfiff.

„Mir tut der Rücken weh!", platzte es aus Renate heraus, weil sie merkte, dass es kein Zurück mehr gab. „Und die Augen werden schlechter! Ich hab was aus meinen eigenen Ersparnissen dazugelegt. Das ist doch für meine Gesundheit! Ich hab den Garten doch nicht verkauft, ich hab nur geregelt, wer was nutzt, damit es Ines und Torsten leichter haben!"

Eine Lüge, in Fürsorge eingewickelt, riecht immer besonders faul.

Ich klopfte mir den Staub von den Handflächen und musste kurz auflachen.

„Dieser Garten gehört mir", sagte ich ruhig. „Von mir habt ihr weder eine Erlaubnis noch Schlüssel noch das Recht bekommen, hier irgendwas aufzuteilen. Aber da Sie, Renate, offenbar so hervorragend darin sind, fremdes Eigentum zu verteilen, schlage ich vor: Wir teilen jetzt gleich Ihre Wohnung auf. Das Geld ist ja schon geflossen. Sabine bekommt den Balkon für ihre Anzucht, Frank die Abstellkammer, und Katrin die Schlüssel fürs Wohnzimmer. Wie gefällt Ihnen diese Aufteilung?"

Keiner lachte. Renate wurde blass, presste die Handtasche gegen den Bauch, als könnte sie sich dahinter verstecken.

„Das ist doch was ganz anderes", sagte sie leise. „Das ist meine Wohnung."

„Genau", sagte ich. „Und das hier ist mein Garten. Der Unterschied ist Ihnen offenbar erst jetzt klar."

Torsten schwieg eine Weile, betrachtete seine Mutter, als sähe er sie zum ersten Mal ohne jede Nachsicht. Dann wandte er sich an die anderen.

„Das Geld bekommt jeder von euch zurück — von Mama. Nicht von uns. Wir haben nichts genehmigt, nichts kassiert und niemandem irgendwas versprochen." Er sah Sabine an. „Zwölfhundert Euro. Frank, zweitausend. Katrin, zweitausendzweihundert. Die Tanten kriegen ihre tausend auch."

„Ich hab das Geld doch nicht mehr", flüsterte Renate. „Der Sessel hat vierzehnhundert gekostet, der Fernseher achthundert."

„Dann verkaufst du den Sessel", sagte Sabine trocken. „Oder wir reden mit einem Anwalt über Zweckentfremdung. Such's dir aus."

Ich ging zur Laube, holte aus der Innentasche meiner Jacke die braune Mappe, die ich seit dem Frühjahr im Auto liegen habe — den Grundbuchauszug, den ich mir für die geplante Sanierung der Drainage hatte ausdrucken lassen, weil das Bauamt in Spremberg ihn für die Genehmigung verlangte. Ich legte ihn auf den Gartentisch, aufgeschlagen bei der Seite mit meinem Namen als Alleineigentümerin.

„Damit hier niemand mehr irgendwelche Pläne verschickt", sagte ich. „Ab heute hat das Gartentor ein neues Schloss. Ich lass es morgen früh vom Schlüsseldienst in Cottbus austauschen. Wer reinwill, ruft vorher bei mir an."

Frank stellte seine Bierflasche ab, ohne sie ausgetrunken zu haben, und ging wortlos zum Auto. Katrin folgte ihm, die Wangen rot. Sabine blieb noch einen Moment, drehte das Holzschild mit ihrem Namen in der Hand um und um, dann warf sie es in die leere Kiste, in die ich es vorhin schon gelegt hatte.

„Mama, du fährst mit uns", sagte sie zu Renate. Keine Frage — eine Feststellung.

Renate sah mich an, als würde sie auf ein Wunder warten, auf ein „ist doch nicht so schlimm gemeint". Ich reichte es ihr nicht. Ich schloss die Mappe, klemmte sie unter den Arm und ging zum Apfelbaum, um die Zwetschgenstiege wegzuräumen.

Der Klarapfel trägt dieses Jahr so viel wie noch nie. Torsten hat am Nachmittag angefangen zu pflücken, ich habe die Kisten beschriftet — mit unseren Namen, in ordentlicher Schrift, wie er es mag. Von Renate kam drei Wochen später ein Umschlag mit fünfhundert Euro und der Nachricht, den Rest schicke sie in Raten. Der Massagesessel steht noch bei ihr im Wohnzimmer. Das neue Schloss am Gartentor auch.

Rate article
Der Apfelbaum meiner Großmutter