Als die Schwiegermutter meinen neuen Tisch querstellte, lernte ich, wem etwas gehört

Es war wieder so ein Samstag. Einer von denen, wo der Himmel über dem Rheinland schon am Morgen so taub und flach hängt, dass man nicht weiß, ob es gleich regnet oder einfach nur grau bleibt. Ich stand an der Spüle, hörte den Wasserkocher klicken und schälte Kartoffeln für die Suppe, die ich gar nicht hatte kochen wollen.

Jana, die Mutter meiner Frau, saß draußen auf der Terrasse. Nicht auf dem Stuhl, den ich ihr vor zwei Jahren hingestellt hatte, sondern auf dem, den sie selbst vom Hausflur nach draußen getragen hatte, weil der ja *besser zur Morgensonne steht*. Ich sah durch die Terrassentür, wie sie eine Tasse Tee in beiden Händen hielt und auf den Apfelbaum starrte, als hätte er ihr was zu melden.

Ich bin Daniel, 44. Ich arbeite im technischen Außendienst, viel unterwegs, und wenn ich heimkomme, will ich vor allem eins: die Füße hochlegen. Meine Frau Annika hat den anderen Job, sie koordiniert Pflegedienste. Wir haben drei Kinder. Das Haus, vor dem ich an diesem Morgen Kartoffeln schälte, liegt in einer Kleinstadt bei Koblenz. Vorgarten, Nebengebäude, fünf Obstbäume. Und eine Terrasse, die ich komplett selbst gebaut habe. Mit allem, was dazugehört.

Das Grundstück war ein Erbe von Annika. Die Mutter wollte es nicht mehr. Also haben wir es ihr abgekauft. Richtig, mit Notar in Koblenz, Grundbucheintrag, Banküberweisung. Kein Handschlag, kein „macht mal, wie ihr denkt“. Es war unser Eigentum. Auf dem Papier. Das dachte ich zumindest.

Das erste Jahr war hart, weil ich es mir hart gemacht habe. Ich wollte nicht, dass irgendwer denkt, wir hätten das Ding geschenkt bekommen. Ich habe das Nebengebäude abgerissen, auf der Fahrt zur Kippe zweimal eine Reifenpanne gehabt; die zweite war so blöd, dass ich am Straßenrand saß und laut über meinen eigenen Fluch gelacht habe. Wir haben eine neue Terrasse betoniert, das Dach überm Haus neu eingedeckt, im Haus eine Heizung einbauen lassen. Annika hat den Garten bepflanzt: Johannisbeeren, Stachelbeeren, drei Sorten Rosen, die angeblich so robust sind, dass sie auch Temperaturen um minus fünfzehn abkönnen. Na gut.

Im Sommer hatten wir dann den schönsten Biergarten, den man für sein eigenes Geld kriegen kann. Annika sagte immer: „Wir haben das Haus nicht gekauft, wir haben es rausgezogen aus dem Dornröschenschlaf.“ Ich fand den Satz kitschig, aber gelogen war er nicht.

Jana kam regelmäßig vorbei. Anfangs bekochte man sie mit dem, was da war — meistens Flammkuchen vom Blech, weil das schnell ging und alle mochten. Sie lobte die Terrasse, fotografierte die neuen Stühle, erkundigte sich nach den Handwerkern. Alles gut.

Nur kam sie dann öfter. Und blieb länger. Und irgendwann stand ihr Koffer oben im Gästezimmer, als wäre es keins mehr.

Am Morgen, an dem das mit dem Tisch passierte, hatte ich die Terrassenmöbel noch nicht mal einen Monat. Ein langer Tisch aus Akazienholz, kein billiges Zeug, sondern einer, bei dem ich im Baumarkt erst dreimal um den Stapel gelaufen bin, bevor ich mich getraut habe. Siebenhundertachtzig Euro. Das ist viel Geld, wenn man es selbst verdient.

Ich hatte ihn quer vor das Terrassenfenster gestellt, so wie Annika und ich es geplant hatten. Man sieht auf den Rasen, die Kinder können nicht direkt vom Tisch auf die Straße rennen. Jana hatte zweimal gesagt: „Der müsste längs stehen, Daniel. Dann ist der Durchgang breiter.“ Beim zweiten Mal habe ich gesagt: „Nee, passt so.“ Kein Streit, nichts.

Zwei Wochen später kam ich freitags von einer Kundenfahrt aus Bad Kreuznach zurück, hundertsiebzig Kilometer, die Autobahn voll wegen des Moselweinfests in Winningen. Ich kam durch den Vorgarten, um den Müll rauszustellen, und sah die Terrasse. Der Tisch stand längs.

Ich weiß noch, dass ich den Müllsack in der Hand behielt, weil ich einfach stand und schaute. Die Abdrücke der Tischbeine auf dem Terrassenboden waren noch zu sehen, wo das Möbel vorher gestanden hatte. Leere Alustreifen auf dem Akazienholz, Spuren vom Regen der Nacht. Es regnete, während ich stand, ganz fein.

Ich ging rein. Annika saß am Laptop, einen Haushaltsordner aufgeklappt, und ich hörte mich sagen: „Sag mal, stand der Tisch nicht quer?“

„Meine Mutter war am Dienstag da“, sagte Annika, ohne aufzusehen. „Sie meinte, so ist es besser.“

„Aha. Und wer wohnt hier?“

„Daniel, komm. Es ist ein Tisch.“

„Ein Tisch, den ich aufgebaut habe. Mit Inbusschlüssel. Bei 28 Grad im Schatten. Und er stand so, wie wir ihn wollten. Nicht wie deine Mutter ihn hatte, als ihr das Haus noch gehört hat.“

Da sah sie auf. „Das Haus gehört uns. Das weiß sie auch.“

„Weiß sie das?“, fragte ich. „Ich hör nämlich immer öfter, wo bei uns was stehen soll. Und wer darf hier wann ins Gästezimmer. Und welcher Ast vom Kirschbaum weg muss, weil er über den Zaun hängt.“

Annika klappte den Laptop zu. Draußen vor der Terrassentür, auf dem Tisch, lag ein Zweig, den Jana am Nachmittag abgeschnitten haben musste. Die Gartenschere lehnte noch an der Hauswand. Sie war nicht unsere.

Der August wurde heiß. Der Rasen so trocken, dass man ihn unter den Schuhen knacken hörte. Ich hatte eine Woche Urlaub genommen, um den Zaun zu erneuern. Fünfundvierzig Meter, die Grundstücksecke zur Straße runter, Kiefernholz, das ich vorbohren und schrauben wollte statt nageln, damit nichts aufquillt. Annika meinte, ich übertreibe. Ich sagte: „Wenn schon, dann ordentlich.“

Jana kam jeden zweiten Tag. Sie brachte Tupperschüsseln mit Fleischsalat, den ich nicht mag, weil da saure Gurken drin sind, und sie stellte sich an die Grundstücksgrenze, wenn ich die alten Pfosten zog. Einmal winkte sie der Nachbarin zu, einer älteren Frau mit tiefem Gesicht und roten Haaren, die man selbst im Sommer selten ohne Strickjacke sah. Ich hörte Jana rufen: „Mein Schwiegersohn baut neu! Na, so wie er kann.“

*So wie er kann.*

Ich hielt den Vorschlaghammer fester und hätte um ein Haar danebengeschlagen.

Abends beim Wickeln der Kids hörte ich Annika im Flur telefonieren. „Mama“, sagte sie, „du sollst nicht immer einfach Sachen umstellen.“ Pause. „Weil Daniel das nicht will. Weil es unser Tisch ist. Wir haben den ausgesucht.“ Noch eine Pause. Dann, leiser: „Ich weiß doch. Aber du musst auch mal loslassen. Es ist kein Wochenendhaus mehr, in dem nur du bestimmen darfst.“

Ich habe mir das im Flur angehört, mit dem Baby auf dem Arm, das mir den Schnuller gegen den Hals drückte. Als Annika zurückkam, sagte sie: „Es tut ihr leid. Wegen des Tischs. Sie hat es nicht böse gemeint.“

Ich habe darauf nichts gesagt. Nicht aus Sturheit. Sondern weil ich an die drei Dinge dachte, die ich in der Schublade unter dem Fernseher gesehen hatte: einen alten Haustürschlüssel, den es in unserem Schließsystem gar nicht mehr gab; einen Zettel von der Stadtverwaltung, auf dem Janas Name stand, adressiert an unsere Anschrift; und ein Foto, das Jana vor die Gardinenleiste im Gästezimmer gestellt hatte. Darauf war sie selbst zu sehen, jung, im Liegestuhl auf genau dieser Terrasse. Lange vor uns. Bevor das Haus jemand anderem gehörte.

Ich habe Annika nicht erzählt, dass ich die Sachen gesehen habe. Ich musste erst verstehen, warum mich das so wütend machte.

Die Sache lief dann erst richtig schief an dem Freitag, an dem ich den Zaun fertig hatte. Ich stand draußen, wischte mir die Hände an der Arbeitshose ab und freute mich auf das erste Feierabendbier auf der Terrasse. Es muss ungefähr vier Uhr nachmittags gewesen sein, die Sonne stand schon hinterm Kirschbaum, und die Kinder planschten im kleinen Pool, den Annika aufgestellt hatte.

Dann bog Jochen um die Ecke, der Nachbar von gegenüber, der bei der Freiwilligen Feuerwehr ist und mir im Herbst beim Laubblasen geholfen hat. Er hatte einen dieser Zettel in der Hand, die man aus dem Briefkasten fischt, wenn man vergisst, den Kasten zu leeren.

„Mensch, Daniel. Ich wollt dir nur sagen, deine Schwiegermutter war heute Vormittag bei mir. Hat gefragt, ob ich euch das Nebengebäude streichen kann. Sagt, es müsse dringend gemacht werden, sonst fault die Wand weiter durch. Hat mir vier Tage aufgeschrieben und einen Preis genannt. Hundertfünfzig Tagessatz.“

Ich habe den Zettel genommen. Da stand in Janas Handschrift: *Fassade streichen, Westseite, 4 Tage, s. Angebot*. Ich kenne die Schrift. Ich habe sie oft genug auf Geburtstagskarten gesehen.

„Die hat gesagt, ihr zahlt das“, sagte Jochen. „War mir nicht sicher, also frag ich lieber dich. Du bist ja der Bauherr.“

Ich habe gelächelt. Oder es versucht. Und gesagt: „Danke, Jochen. Wir melden uns.“

Dann bin ich reingegangen und habe Annika gefragt, ob ihre Mutter vorhabe, Handwerker zu bestellen, ohne dass wir davon wissen.

Annika wurde blass. Nicht wütend, nicht irritiert — sie wurde weiß im Gesicht, da wo sonst der Bronzer sitzt. Ich wusste, sie wusste von dem Plan. Vielleicht hatte Jana es erwähnt, beim letzten Telefonat. Vielleicht hatte Annika gesagt: „Mama, lass uns darüber reden.“ Und Jana hatte es einfach trotzdem gemacht.

„Daniel“, sagte Annika, „sie ist meine Mutter. Sie meint es gut. Sie will, dass das Haus ordentlich bleibt.“

„Das Haus“, sagte ich. „Nicht unser Haus. Das Haus.“

Ich bin dann doch nicht zur Werkbank gegangen an dem Abend. Ich bin ums Grundstück gelaufen, über den frisch gesetzten Zaun, an der Südseite entlang, an der Hecke, und habe mir die Westwand vom Nebengebäude angesehen. Der Putz war an einer Stelle tatsächlich abgeplatzt. Vielleicht sollte man das streichen. Aber das war nicht der Punkt.

Der Punkt war: Jana behandelte das Grundstück nicht als das, was es laut Grundbuch war — nämlich unseres. Sie behandelte es als ihres, das wir nur bewohnen. Und sie sammelte Gelegenheiten an, uns das zu zeigen. Der Tisch. Die Gartenschere. Der Zettel mit dem Angebot. Der Schlüssel in der Schublade, der zu keinem Schloss passte, das ich kannte — was hieß, es gab irgendwo ein Schloss, zu dem er passte.

Ich habe an jenem Abend nicht das Bier aufgemacht. Ich habe in meiner Werkzeugkiste nach der neuen Schließzylinderverpackung gesucht, die ich im Frühjahr nicht weggeschmissen hatte, weil die Rechnung noch im Garantiefall wichtig sein konnte. Dabei fiel mir der Lieferschein von der Terrassenfirma in die Hand. Darunter lag der alte Grundbuchauszug, den Annika beim Notar mitgenommen hatte. Ich faltete ihn auseinander.

Da stand unser beider Name. Und da stand, dass wir als Eigentümer im Grundbuch eingetragen sind, seit dem 14. September. Kein Nießbrauch. Kein Wohnrecht. Nichts.

Ich stand in der Garage, im Neonlicht, das flackert, wenn es feucht ist, und ich spürte, wie ruhig ich wurde. Nicht entspannt. Eher so ruhig wie jemand, der lange überlegt hat und jetzt weiß, was er tut.

Am nächsten Samstag kam Jana wieder. Sie brachte einen Kuchen mit, Federweißer aus einem Weingut aus der Gegend und eine große Tasche mit Wäsche. Nicht zum Waschen — zum Einlagern. Sie ging die Treppe hoch ins Gästezimmer, ohne zu fragen, und legte die Sachen in den Schrank.

Ich habe gewartet, bis Annika den Kaffee aufgesetzt hatte und die Kinder im Garten waren. Dann habe ich Jana in der Küche abgepasst. Die Küche war klein, aber hell, und das Radio lief noch leise, jemand redete über das bevorstehende Schützenfest in Mayen.

„Jana“, sagte ich. „Ich weiß, dass du unseren Nachbarn gefragt hast, ob er das Nebengebäude streicht. Das geht so nicht. Du kannst hier keine Angebote einholen und uns als Zahler angeben. Das musst du mit Annika absprechen. Oder mit mir. Aber nicht ohne uns.“

Sie sah mich an und lächelte, wie man ein Kind ansieht, das die Spielzeugkiste nicht teilen will. „Ach, Daniel. Es gehört doch zum Haus. Und ich hab das mit der Wand gesehen. Das wird nicht besser, wenn man es rauszögert. Ihr jungen Leute seid immer so langsam, wenn’s um Instandhaltung geht. Also hab ich gedacht, ich helfe euch. Euch zuliebe.“

„Weißt du, was ich in unserer Schublade gefunden habe?“, sagte ich.

Das Lächeln fror. Nur kurz, ganz minimal, als hätte jemand das Radio für eine halbe Sekunde ausgemacht.

„Einen Schlüssel“, sagte ich. „Einen alten Schlüssel. Und einen Brief von der Stadt, der an dich adressiert ist. An unsere Adresse. Warum gibt es einen Schlüssel, der nicht in unser Schließsystem passt, Jana? Ist das der Schlüssel für das Vorhängeschloss an der Remise? Für den Schuppen hinter der Hecke vielleicht?“

Sie stellte die Tasse ab. Der Kaffee schwappte über den Rand, eine kleine braune Lache auf der Arbeitsplatte. „Ich wollte ihn nicht wegschmeißen“, sagte sie. „Das ist ein Andenken. Von früher.“

„Von früher, als das Haus dir gehört hat.“

„Ja.“

Ich habe dann die Sachen aus dem Schrank genommen. Nicht die Wäsche von diesem Tag — die Sachen, die Jana in den letzten anderthalb Jahren ins Gästezimmer getragen hatte. Einen Morgenmantel, den sie immer trug, wenn sie morgens auf der Terrasse saß. Zwei Paar Hausschuhe. Eine gelbe Schüssel, die aussah wie aus den Siebzigern. Ich habe sie in die Waschmaschinenverpackung gelegt, die noch im Keller stand, und die Klappe zugeklebt, mit dem Panzerband aus der Werkzeugkiste, dem grauen, das man nicht mehr abreißen kann, ohne den Karton zu zerreißen.

Annika stand in der Kellertür. Sie sagte: „Was machst du?“

„Ich räume auf“, sagte ich. „Das ist keine Rumpelkammer. Und das Gästezimmer ist kein Schließfach für Erinnerungen. Wenn deine Mutter hier übernachten will, kann sie fragen. Aber sie kann nicht ihr altes Leben in Kartons bei uns parken und so tun, als gehörte es weiter hier oben hin.“

Annika hat nichts gesagt. Sie hat mich nur angesehen, mit diesem langen Blick, den ich nicht deuten konnte. Aber sie ist nicht runtergekommen, um die Sachen wieder rauszuholen.

Am Abend hörte ich Jana mit Annika auf der Terrasse reden. Ich saß im Wohnzimmer, die Schiebetür einen Spalt offen, weil es zu warm war. Das Radio spielte einen Schlager, den ich nicht kannte, aber ich hörte trotzdem, dass Jana weinte.

„Ich hab für alles bezahlt“, sagte Jana. „Für den Apfelbaum, der da hinten steht. Der ist von 1993. Den hab ich zum Geburtstag bekommen, von einem Mann, mit dem ich mal zusammen war. Und die Rosen… ich hab die alten Rosen gesetzt, bevor ihr überhaupt an dieses Haus gedacht habt. Für mich. Das hier war mein Leben, Annika. Mein ganzes Leben. Und jetzt bin ich da nur noch Besuch, der stört.“

Annika sagte etwas, das ich nicht verstehen konnte. Es klang nach: *Nein, Mama, so ist es nicht.* Aber dann hörte ich, wie ihr Stuhl scharrte, und ich hörte, wie Jana die Terrassentür zumachte. Nicht hart. Nur sehr genau.

Ich bin an dem Abend nicht mehr rausgegangen. Ich wollte nicht, dass es so aussieht, als hätte ich auf der Lauer gelegen.

Am Montag habe ich mich freigenommen. Ich bin zur Sparkasse in der Innenstadt gefahren, an den Ringen von Koblenz, und habe mich mit einer Sachbearbeiterin unterhalten, die jung war und einen Namen hatte, der mit K anfing. Danach habe ich einen Termin in einem Architekturbüro gemacht, zwei Straßen weiter, wo ich noch nie gewesen bin. Ich habe gefragt, was es kostet, den alten Anbau nördlich vom Haus, der an die Remise grenzt, als abgeschlossene Einliegerwohnung umzumelden. So mit eigenem Eingang, eigenem Zähler, eigenem Vertrag. Die Architektin sagte, das gehe, aber das Amt brauche Zeit. Ich sagte: „Zeit haben wir ja. Wir wohnen schließlich hier.“

Annika hat davon erst am Donnerstag erfahren, als ich die Unterlagen auf den Küchentisch legte. Wohnflächenberechnung, Grundriss, ein Schreiben vom Bauamt, in dem stand, dass die Nutzungsänderung beantragt sei. Annika hat die Seiten nicht angefasst, nur angeschaut. Das Papier war warm vom Liegen in der Sonne.

„Du willst meine Mutter in der Einliegerwohnung unterbringen?“, fragte sie.

„Ich will eine klare Trennung“, sagte ich. „Wir sind die Eigentümer. Sie ist Gast. Entweder sie bleibt Gast und verhält sich so, oder sie mietet sich den Anbau, wenn er fertig ist. Aber dann mit Mietvertrag, mit Kündigungsfrist, mit sechsundvierzig Euro fünfzig pro Quadratmeter Nebenkostenvorauszahlung im Monat. Kein ‚Ich leb hier ein bisschen‘. Kein Koffer im Gästezimmer. Kein Schlüssel, der zu einem Schloss passt, das ich nicht kenne. Alles auf Papier.“

Annika griff nach dem Zettel vom Bauamt. Drehte ihn um, als stünde auf der Rückseite die eigentliche Nachricht. „Das wird sie nicht akzeptieren“, sagte sie.

„Dann muss sie sich was anderes suchen“, sagte ich. „Ich hab nicht das ganze Haus saniert, damit deine Mutter so tut, als wäre es ihres. Ich hab nichts dagegen, dass sie kommt. Ich hab was dagegen, dass sie bestimmt. Sie kann alles haben, was legal ist. Aber sie bekommt nichts mehr, was sie sich einfach nimmt.“

Am Freitag stand Jana vor der Tür. Es regnete, das erste Mal seit Wochen. Die Tropfen platzten auf dem frisch gestrichenen Zaun, und ich dachte noch, dass das Holz das Wasser jetzt gut abweisen würde. Annika öffnete. Jana hatte keinen Koffer dabei, nur die gelbe Schüssel, die ich in den Karton gepackt hatte. Sie hielt sie mit beiden Händen vor den Bauch, als wäre sie schwanger mit der Schüssel.

„Du hast meine Sachen unten in den Karton getan“, sagte sie, an mich gerichtet, obwohl Annika zwischen uns stand. „Du hättest wenigstens Bescheid sagen können, Daniel. Ich war achtundzwanzig Jahre lang die Frau dieses Hauses. Nur weil du die Terrasse gemacht hast, bist du noch lange nicht der, der hier das Sagen hat. Das hier ist kein Arbeitszeugnis, in dem du mich bewertest.“

„Darum geht es nicht“, sagte ich. „Es geht um das, was mit dem Schlüssel in der Schublade zu tun hat. Es gibt ein Schloss, zu dem er passt. Ich will wissen, welches es ist. Und ich will den Schlüssel von dir zurück, bevor du hier wieder jemanden reinlässt, der glaubt, er darf über das Grundstück bestimmen, weil er mal hier war. Wenn du den nicht rausrückst, ändere ich alle Schlösser. Und zwar auf meine Kosten. Ich habe die Kosten schon angefragt. Neunhundertachtzig Euro für drei Eingangstüren und die Remise. Danach passt dein Schlüssel nirgends mehr.“

Jana sah Annika an. Annika sah auf den Boden. Dann griff Jana in ihre Hosentasche und legte einen einzelnen Schlüssel auf den Tisch in der Diele. Er war schwarz angelaufen, und der Bart sah aus wie der zu einem Buntbartschloss aus dem Baumarkt, eines von der billigen Sorte, die man früher an Gartentüren genommen hat. Es war der Schlüssel zu dem Tor am nördlichen Ende der Hecke. Jenes Tor, das seit wir eingezogen sind, nur noch von der anderen Seite geöffnet wird, wenn die Freiwillige Feuerwehr einen Zugang braucht.

„Fertig?“, fragte Jana.

„Nein“, sagte ich. „Du kriegst einen eigenen Bereich, wenn du willst. Das Bauamt prüft die Nutzungsänderung. Dein Bereich kriegt einen eigenen Eingang, einen eigenen Zähler, einen Briefkasten mit deinem Namen. Das gehört dann dir. Aber der Rest gehört uns. Und den betrittst du nur noch, wenn wir dich bitten.“

Jana stand da, und das Regenwasser tropfte von ihren Haaren auf den Kragen ihrer Bluse. Sie zog die Schüssel an die Brust. „Das hättest du nicht tun sollen“, sagte sie. Dann drehte sie sich um und ging den Weg hinunter, vorbei an dem neuen Zaun, an den jungen Rosen, die im Regen die Köpfe hängen ließen.

Annika schloss die Tür. Der Schlüssel lag auf dem Möbel in der Diele. Ein schwarzes kleines Ding mit abgewetzter Zahnung. Ich dachte daran, wie oft Jana ihn in der Hand gehabt haben musste. Und ich dachte daran, dass ich jetzt wusste, wo er hingehörte. Nicht mehr zu ihr.

Am Montag kam ein Brief vom Bauamt. Die Nutzungsänderung ist zu prüfen. Dauer: etwa sechs Wochen. In der Betreffzeile steht mein Name und die Adresse der Einliegerwohnung. Ich habe den Brief an die Pinnwand gehängt, neben den Zettel vom Stromableser und den Aufkleber von der Freiwilligen Feuerwehr, den die Kinder mal geschenkt bekommen haben. Annika hat ihn gesehen, als sie frühstückte. Sie hat nichts gesagt, aber sie hat den Brief geradegezogen und den Magneten fester gedrückt.

Draußen hat es wieder angefangen zu regnen. Die Rosen hielten die Köpfe unten, als hätten sie entschieden, dass es leichter ist. Ich habe den Schlüssel von Jana in einen kleinen Umschlag gelegt, beschriftet mit „Altbestand, nördliches Tor“, und ihn in den Tresor getan, den ich vor zwei Jahren einbauen ließ. Wenn der Anbau fertig ist, bekommt Jana einen neuen Schlüssel. Zu ihrem eigenen Bereich. Mit Vertrag. Mit Kündigungsfrist. Mit sechsundvierzig Euro fünfzig Nebenkostenvorauszahlung im Monat. Und sonst nichts.

Dann habe ich mir einen Kaffee gemacht und zugesehen, wie der Regen die Abdrücke der Tischbeine vom Terrassenboden wusch, dort, wo ich das Möbel im Sommer quer aufgebaut hatte. Die Flecken verschwanden eine nach der anderen. Zuletzt blieb nur noch ein heller Kreis. Der Kreis sah aus wie ein Platzhalter. Für etwas, das noch nicht da war.

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Als die Schwiegermutter meinen neuen Tisch querstellte, lernte ich, wem etwas gehört