Der 56. Geburtstag meiner Mutter

Ich wohne mit meiner alten Mutter in einer Zweizimmerwohnung in Bremen. Vorgestern bin ich 56 geworden. Kein Lied, kein Anruf, keine Kerze. Morgens stellte mir meine Mutter eine Tasse Pfefferminztee auf den Wohnzimmertisch, dazu zwei Butterkekse auf einem kleinen Teller. Sie strich die Papierserviette glatt, legte den Löffel daneben und sagte: „Herzlichen Glückwunsch, mein Junge.“ Das war der ganze Geburtstag.

Draußen fiel Novemberregen gegen das Fenster, im Treppenhaus roch es nach nassem Putzmittel, und ich saß in meinem Sessel und rührte den Tee um, obwohl kein Zucker drin war.

Um halb elf klingelte das Telefon. Ich griff hin, weil ich dachte, es sei Frau Petermann wegen des Kuchens am Sonntag. Aber es war Thomas.

„Na, alter Knochen“, sagte er, und seine Stimme klang, als hätte er sie extra für den Anruf poliert. „Zwanzig Jahre haben wir nicht geredet. Ich bin nächste Woche in Bremen, meine Schwester wird operiert. Können wir uns treffen?"

Ich stand auf, ging mit dem Hörer zum Fenster, sah runter auf die nasse Straße, wo ein Müllwagen gerade rückwärts einparkte. Zwanzig Jahre Spedition, jeden Morgen um sechs die gleiche Kantine, und jetzt diese Stimme, als wäre nichts gewesen.

„Klar“, sagte ich. „Mittwoch passt."

Meine Mutter kam aus der Küche, trocknete sich die Hände an der Schürze ab und fragte mit den Augenbrauen, wer das war. Ich hielt ihr den Hörer hin, als sie schon wieder zurück an den Herd ging. Sie mochte das Telefon nicht, seit mein Vater gestorben war, hatte sie es nie wieder wirklich gemocht.

„Thomas“, sagte ich. „Aus Hamburg."

„Der mit der Spanierin?"

„Der mit der Spanierin."

Sie nickte kurz und rührte in einem Topf, in dem nichts kochte außer Wasser für den Tee, den ich schon getrunken hatte. Ich setzte mich wieder in den Sessel und merkte, dass meine Hände kalt waren, obwohl die Heizung lief.

Mittwoch kam Thomas zwanzig Minuten zu spät in ein Café am Sielwall, mit einem Kaschmirmantel, der aussah, als hätte er ihn nie in der Waschmaschine gehabt. Er bestellte einen Cappuccino, ich einen schwarzen Kaffee, weil der billiger war und ich nicht rechnen wollte, ob mein Geld für zwei Getränke reichte, falls er nicht zahlte.

„Du siehst gut aus“, log er, und ich sagte dasselbe zurück, und wir wussten beide, dass es log.

Er erzählte von seinem Haus in Alicante, von der Terrasse mit Meerblick, von seiner Frau, die Yoga unterrichtete. Ich erzählte, dass ich mit meiner Mutter wohne. Er nickte, rührte im Cappuccino, und dann sagte er den Satz, den ich seither nicht mehr losgeworden bin:

„Mensch, das ist aber traurig. Mit 56 noch bei Mama."

Ich hielt die Tasse fest, spürte die Wärme durch die Finger, und sagte nichts. Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei, das Fenster zitterte kurz. Thomas sah auf die Uhr, sagte, er müsse ins Krankenhaus zu seiner Schwester, legte einen Zehneuroschein auf den Tisch, obwohl die Rechnung zwölf Euro achtzig war, und ging.

Ich blieb sitzen, bis der Kellner kam und fragte, ob noch etwas fehle. Ich legte die restlichen zwei Euro achtzig dazu, zählte das Kleingeld aus der Jackentasche, Cent für Cent, und ging zu Fuß nach Hause, obwohl es zwanzig Minuten waren und der Regen wieder einsetzte.

Zu Hause saß meine Mutter am Küchentisch und schälte Kartoffeln. Der Eimer mit den Schalen stand neben ihrem Stuhl, ihre Finger arbeiteten schnell, obwohl die Gelenke krumm waren.

„Na?“, fragte sie, ohne aufzusehen.

Ich hängte den nassen Mantel über die Stuhllehne. „Er hat gesagt, es ist traurig, dass ich noch bei dir wohne."

Das Messer stoppte einen Moment. Dann schälte sie weiter.

„Und was hast du gesagt?"

„Nichts. Ich hab nichts gesagt."

Sie legte die Kartoffel in die Schüssel mit Wasser, wischte sich die Hände an der Schürze ab und stand auf. Sie ging zum Herd, stellte den Kessel auf, obwohl wir doch gerade erst Tee getrunken hatten, vor Stunden schon, aber sie stellte ihn trotzdem auf, weil das ihre Art war, in einem Raum etwas zu tun, wenn die Worte fehlten.

„Setz dich“, sagte sie.

Ich setzte mich an den Tisch, wo die Kartoffelschalen lagen, und sie stellte zwei Tassen hin, obwohl der Kessel noch nicht kochte.

„Weißt du, was traurig ist?“, sagte sie und setzte sich mir gegenüber. „Traurig ist, mit sechzig Jahren eine Frau zu haben, die einem beim Frühstück die Zeitung vorliest, weil man selbst zu beschäftigt ist mit Häusern in Spanien, um sich zu erinnern, wie ihre Stimme klingt."

Ich sagte nichts. Der Kessel begann zu pfeifen, erst leise, dann lauter, und sie stand auf, um ihn vom Herd zu nehmen, bevor er richtig schrie.

Sie goss den Tee ein, stellte die Tasse vor mich, und ihre Hand zitterte dabei ein wenig, nicht vor Alter, glaube ich, sondern weil sie mehr sagen wollte und es nicht tat.

„Zwölf Euro achtzig für einen Kaffee, den er nicht mal ganz bezahlt hat“, sagte ich schließlich, und es klang lächerlicher, als ich wollte.

Sie lachte, kurz, fast ein Husten, und schob mir den Teller mit den restlichen Butterkeksen vom Morgen hin.

„Iss“, sagte sie. „Die werden sonst schlecht."

Ich nahm einen Keks, brach ihn in zwei Hälften, aß die eine, legte die andere zurück auf den Teller. Draußen hörte der Regen langsam auf, man hörte nur noch, wie das Wasser aus der Dachrinne tropfte, gleichmäßig, wie ein Metronom.

Am Sonntag kam Frau Petermann mit dem Zwiebelkuchen, wie immer, und wir saßen zu dritt in der Küche, bis es dunkel wurde. Sie fragte nach Thomas, weil meine Mutter es ihr wohl erzählt hatte, und ich sagte nur, das Treffen sei kurz gewesen. Frau Petermann nickte, schnitt noch ein Stück Kuchen ab und schob es auf meinen Teller, ohne zu fragen, ob ich noch wollte.

Als sie gegangen war, spülte meine Mutter die Teller, ich trocknete ab, und der Geschirrtuch roch nach Waschmittel und ein bisschen nach Zwiebeln. Sie reichte mir die letzte Tasse, und für einen Moment hielten wir sie beide fest, sie von innen, ich von außen, bis sie losließ.

„Der Kessel kocht gleich wieder“, sagte sie, obwohl niemand danach gefragt hatte, und ging zurück zum Herd.

Rate article
Der 56. Geburtstag meiner Mutter