# Die Admiralin

# Die Kommandantin

Meine Tante Hilde feierte ihren achtzigsten Geburtstag auf dem Hof meines Onkels bei Görlitz, und ich stand mit einem Pappteller voll Kuchen am Rande der Feier wie eine Fremde, die zufällig vorbeigekommen war. Der Septembernachmittag lag golden über den abgeernteten Feldern, Bienen summten in den späten Astern, und aus den Lautsprechern neben der Scheune lief leise Helene Fischer. Ich hätte nicht kommen sollen. Aber Tante Hilde hatte am Telefon gesagt: „Komm, mein Kind. Wenigstens du.“

Also stand ich da. Die stille Nichte. Die, auf die man sich verlässt. Die, die vor drei Jahren den Kredit für das neue Dach von Papas Haus abgesichert hatte, weil die Bank ihn nicht mehr wollte. Die, die Onkel Roberts Hofladen über die Durststrecke gerettet hatte, als der große Handel ihn fast zerlegt hätte. Die, die nie eine Gegenleistung verlangt. Zuverlässigkeit, das hatte ich längst begriffen, ist so selbstverständlich wie Leitungswasser. Man merkt erst, dass es fehlt, wenn der Hahn trocken bleibt.

Meine Cousine Saskia zeigte gerade Fotos von ihrem Neubau in Dresden. Mein Bruder Matthias erzählte von seiner Praxis in Leipzig. Beifall, Lächeln, Gläserklirren. Dann drehte sich Tante Claudia zu meinen Eltern. „Und eure Tochter? Was macht sie inzwischen?“

Meine Mutter zuckte mit den Achseln, als ginge es um das Wetter. „Ach, die ist immer noch bei der Marine, irgendwo im Norden. Was genau, weiß ich auch nicht.“ Sie lachte dazu, ein kleines trockenes Lachen, und mein Vater hob sein Bierglas: „Hauptsache, sie kann Rechnungen bezahlen.“

Gelächter. Es rollte über den Tisch wie ein kurzer Windstoß. Jemand klopfte mir im Vorbeigehen auf die Schulter, herablassend, als müsste man mich trösten.

Ich stellte den Pappteller ab und ging zum Hühnerstall hinüber, wo es nach Staub und altem Holz roch. Neunzehn Jahre hatte ich bei der Marine gedient. Neunzehn Jahre Ausbildung, Lehrgänge, Wachen, bis ich vor zwei Jahren das Kommando über ein U-Boot der Klasse 212A übernommen hatte, siebenundzwanzig Mann Besatzung, ein Einsatzgebiet, das ich nicht an einer Kaffeetafel erkläre. Meine Eltern wussten davon ungefähr so viel wie von der Relativitätstheorie. Für sie war ich immer noch das Mädchen, das in der zehnten Klasse sitzengeblieben war.

Ich lehnte am Zaun und sah zu, wie die Sonne hinter dem Waldsaum versank. Drüben spielte jetzt jemand Akkordeon. Die Kinder jagten sich mit bunten Luftballons, ein paar Tauben kreisten über dem Silo. Irgendwann merkte ich, dass mein Handgelenk noch immer den dünnen roten Abdruck vom Papierband des Geschenkpapiers trug. Lächerlich.

Dann hörte ich es.

Zuerst ein fernes Dröhnen, wie ein Gewitter hinter den Hügeln. Dann wurde es lauter, tiefer, ein gleichmäßiger Druck in der Brust, der jedes andere Geräusch auffraß. Das Akkordeon verstummte. Die Ballons blieben in der Luft hängen, weil die Kinder aufhörten zu rennen. Jemand deutete zum Himmel.

Der Helikopter kam tief über die Baumkronen, dunkelgrau gegen das Abendlicht, und die Rotorblätter schlugen eine Wand aus Wind und Lärm über den Hof. Teller flogen von den Tischen. Eine Vase mit Sonnenblumen kippte um. Onkel Robert riss die Hände hoch, als das Gerät eine weite Kurve über dem Roggenfeld drehte und dann auf der abgemähten Wiese aufsetzte. Der Luftzug fegte Papierservietten durch die Gegend wie aufgescheuchte weiße Vögel.

Die Seitentür schwang auf.

Heraus stieg ein Offizier der Marine. Seine Uniform saß makellos, trotz böigem Wind. Er überquerte die Wiese mit langen, ruhigen Schritten, direkt in die erstarrte Runde hinein, und blieb vor mir stehen. Der Rotor drehte noch immer, warf wandernde Schatten über sein Gesicht.

Über dem Lärm sagte er in voller Lautstärke, aber ohne jede Anstrengung: „Frau Kapitänleutnant. U 34 hat vor zwei Stunden während eines Tauchmanövers vor Helgoland den Kontakt zum Führungsboot verloren. Letzte Meldung: Wassereinbruch im Torpedoraum. Wir brauchen Sie sofort in Wilhelmshaven.“

Der Boden unter mir schien sich um einen Zentimeter zu verschieben. Siebenundzwanzig Namen, die ich auswendig kannte, standen mir vor Augen, bevor ich überhaupt nachdenken konnte.

„Wer hat das Kommando übernommen?“, fragte ich.

„Der Erste Offizier, Frau Kapitänleutnant. Aber die Verbindung ist seit vierzig Minuten tot.“

Ich sah zu meinen Eltern.

Mein Vater stand mit halboffenem Mund da, das Bierglas schief in der Hand. Meine Mutter hielt sich an Onkel Roberts Arm fest. Tante Claudia starrte auf den Helikopter, als wäre er ein brennender Busch.

„Ich bin sofort einsatzbereit“, sagte ich zu dem Offizier. „Aber ich muss meiner Tante noch gratulieren.“

Er nickte knapp. „Wir warten, Frau Kapitänleutnant. Aber bitte machen Sie schnell.“

Kein „Fräulein“. Kein verwundertes Blinzeln. Im Einsatz gilt nur der Dienstgrad.

Ich drehte mich um, nahm das kleine flache Geschenk aus meiner Tasche – eine Armbanduhr, schlicht, wasserdicht, aus einem Laden in Cuxhaven – und ging zu Tante Hilde. Sie saß in ihrem Korbsessel unter dem Kirschbaum und sah mich mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte.

„Ich muss fahren, Tante Hilde“, sagte ich und legte ihr das Päckchen in den Schoß. „Echter Notfall. Ein Boot von mir.“

Die anderen starrten. Niemand sagte ein Wort.

Tante Hilde nahm das Päckchen in beide Hände, so vorsichtig, als hätte es einen Riss. Dann sah sie zu meiner Mutter hinüber, wieder zu mir. Und sie sprach so leise, dass nur ich es hören konnte: „Ich hab all die Jahre erzählt, was du wirklich machst. Geglaubt hat mir keiner, mein Kind. Nicht einer.“

Sie öffnete das Papier nicht. Stattdessen strich sie mit dem Daumen über meine Hand und fügte hinzu: „Flieg zu deinen Männern. Wir zahlen hier noch eine Runde Kuchen. Deine Mutter hat noch nie so ausgesehen wie eben.“

Ich lachte, kurz und rau, obwohl mir nicht danach war. Dann stieg ich in den Helikopter, spürte den Sitzgurt unter den Fingern, den Geruch von Kerosin und warmem Metall, und der Wind riss an meinen Haaren, als die Maschine sich hob. Unter mir wurde der Hof klein: die Wimpel, die Kinder, der schief hängende Luftschlangen-Bogen über dem Gartentor. Meine Mutter stand immer noch da, wo ich sie verlassen hatte.

Ich drückte den Kopfhörer ans Ohr. Der Offizier reichte mir ein Tablet. Die Koordinaten standen schon bereit.

„Wir sind in achtundvierzig Minuten in Wilhelmshaven, Frau Kapitänleutnant. Ein Rettungshubschrauber ist schon zur Position unterwegs.“

Ich tippte auf die Karte. Letzte bekannte Position: siebenundzwanzig Seemeilen nordwestlich von Helgoland, Tauchtiefe achtzig Meter. Seegang mäßig, Sicht schlecht. Ich rief mir das Boot vor Augen, jeden Handgriff im Torpedoraum, die Schotten, die bei einem Wassereinbruch als Erstes zufallen mussten.

Dann spürte ich, wie mein Handy summte. Eine Nachricht von meinem Vater, abgeschickt in der Minute nach dem Start.

„Warum hast du uns das nie gesagt?“

Ich starrte auf die vier Worte, steckte das Handy dann ohne Antwort zurück in die Jacke. Dafür war jetzt keine Zeit.

Über Deutschland wurde es dunkel. Unter uns zogen die Lichter von Magdeburg vorbei, dann die von Hannover, und irgendwo zwischen den Wolken, während die Maschine auf die Nordsee zudriftete, rief ich über Funk die Einsatzzentrale und ließ mir Meldung um Meldung geben. Ein Tropfen Schweiß lief dem Offizier neben mir von der Schläfe; er wischte ihn mit dem Handrücken ab, ohne den Blick von den Instrumenten zu nehmen.

„Funkbericht“, sagte ich in die Bordleitung.

Die Stimme aus der Einsatzzentrale knisterte durch die Kopfhörer: „Kontakt wieder da, Frau Kapitänleutnant. U 34 ist aufgetaucht. Erster Offizier meldet: Leck im Torpedoraum abgedichtet, zwei Mann mit Verletzungen, keine Lebensgefahr. Boot ist auf eigenem Kiel unterwegs nach Wilhelmshaven.“

Die Erleichterung schlug mir so hart in die Brust, dass ich mich am Sitz festhalten musste. Ich schloss kurz die Augen, dann öffnete ich sie wieder und gab Anweisung, ein Bergungsschiff und einen zweiten Sanitätshubschrauber zur Kaikante zu ordern, für den Fall, dass sich der Zustand der Verletzten änderte.

In Wilhelmshaven setzte unser Hubschrauber auf dem beleuchteten Landeplatz auf, pünktlich auf die Minute. Die Lichter der Kaserne spiegelten sich im Hafenbecken. Ich lief direkt zur Pier, wo U 34 eine Stunde später anlegte, die Hülle vom Regen dunkel glänzend, die Besatzung an Deck aufgereiht. Der Erste Offizier, ein junger Mann mit aufgeschürftem Handrücken, meldete sich bei mir mit zitternder Stimme, und ich legte ihm kurz die Hand auf die Schulter, bevor die Sanitäter die beiden Verletzten auf Tragen an mir vorbeitrugen. Beide bei Bewusstsein. Beide würden es schaffen.

Erst danach, auf dem Kasernengelände, wo es still war und in der Kantine noch Licht brannte, spürte ich, wie meine Hände zitterten. Ich stand im Nieselregen, das Tablet unter dem Arm, und dachte daran, dass ich in vier Stunden wieder in Görlitz sein könnte. Aber ich blieb, unterschrieb die Unfallmeldung, sprach mit dem Werftmeister über die Reparatur, rief die Mutter des jüngeren Verletzten persönlich an, um ihr zu sagen, dass ihr Sohn lebte.

Erst gegen Mitternacht, in der Messe, mit einer Tasse schwarzem Tee, der nach Hafenwind und Flugtreibstoff schmeckte, holte ich das Handy wieder heraus. Ich las die Nachricht meines Vaters noch einmal. Dann tippte ich:

„Ich habe heute zwei Männer aus einem sinkenden Torpedoraum geholt, Papa. Das mache ich seit neunzehn Jahren. Ihr habt mich nie gefragt.“

Ich drückte auf Senden und legte das Handy neben die Teetasse, ohne den Chat zu löschen.

Draußen wehte der Geruch nach Salzwasser, Diesel und nassem Beton durch die halb geöffnete Tür. In einer Fensterreihe spiegelte sich der gebrochene Mond. Ich stellte die Uhr, die ich eigentlich Tante Hilde hatte schenken wollen, aber dann doch nicht verschenkt hatte, auf den Tisch vor mir. Sie tickte leise. Wasserfest. Robust.

Um zwei Uhr nachts klopfte der Offizier vom Abend an die Tür der Messe. Er war blass, die Uniformjacke über den Arm gelegt.

„Frau Kapitänleutnant? Verzeihung. Aber Sie haben heute etwas verloren. Am Landeplatz.“

Er hielt mir ein kleines durchsichtiges Plastiktütchen entgegen. Darin: der rote Papierstreifen von Tante Hildes Geschenk, noch feucht vom Regen. Ich hatte ihn unterwegs abgerissen, ohne es zu merken, und der Wind hatte ihn auf das Rollfeld getragen.

Ich nahm die Tüte, drehte sie zwischen den Fingern. Der Offizier wartete einen Moment, salutierte dann knapp und ging den Gang hinunter, bis das Licht an der Treppe ihn verschluckte.

Am nächsten Morgen trug ich einen sauberen Dienstanzug, aß ein halbes Brötchen, trank schwarzen Kaffee und ging zur Werft, wo U 34 im Trockendock lag. Das Leck war so groß wie eine Handfläche, notdürftig mit einem Metallpflaster geschlossen. Ich legte die flache Hand darauf, spürte das kalte, gerippte Metall, und blieb so eine Weile stehen, während die Werftarbeiter um mich herum ihre Geräte auspackten.

Als ich später zurück ins Stabsgebäude ging, fiel mein Blick auf den Briefkasten der Kaserne. Dort lag ein dünner Brief, adressiert mit krakeliger Schrift an „Maria Weber, U-Boot-Kommandantin“. Kein Absender. Nur eine Briefmarke, schief aufgeklebt.

Ich öffnete ihn im Stehen.

Ein Kassenbon von einem Blumenladen in Görlitz. Darauf stand mit Kugelschreiber: „Einmal für deine Männer, alle siebenundzwanzig. Weil du gestern nicht da warst. – Hilde.“

Ich faltete den Bon einmal, zweimal, viermal zu einem kleinen festen Quadrat und steckte ihn in die Brusttasche, dorthin, wo die Farbe des Uniformstoffs am dunkelsten war. Dann ging ich zurück zur Pier, wo der Erste Offizier schon mit der Reparaturliste auf mich wartete, und legte die Hand kurz auf das nasse Geländer, bevor ich an Bord stieg.

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