Die Scheunentür in Buchholz öffnete Ingrid Hartmann mit einem Tritt – das Scharnier hatte sich schon im letzten Herbst gelöst, und für den Handwerker war nie Zeit gewesen. An diesem Morgen quietschte die Tür, ließ einen Lichtkeil herein, und die Frau blieb mit dem Eimer Kartoffelschalen für die Hühner auf der Schwelle stehen. In der Ecke, auf der alten Jacke ihres Mannes, die sie seit zwei Jahren wegwerfen wollte, lag eine getigerte Katze. An ihrem Bauch drängten sich drei Junge – noch blind, feucht, mit verklebtem Fell.
„Na so was", entfuhr es ihr.
Die Katze hob den Kopf. Die Ohren legte sie nicht an, fauchte nicht. Sie wartete einfach ab, was nun geschah – als hätte sie für sich selbst längst entschieden und prüfte nun, ob der Mensch dasselbe entscheiden würde.
Ingrid schloss die Tür und ging ins Haus. In ihrem Kopf drehte sich nur ein Gedanke: Fortjagen ging nicht, die Kleinen würden sterben. Aber mit achtundsechzig fremdes Getier bei sich aufzunehmen, das war auch kein Spaß.
## Ein Haus, in dem es lange still ist
Ihr Mann war vor vier Jahren gestorben. Seitdem lebte sie allein. Der Sohn Bernd wohnte in Hannover, die Tochter Petra seit drei Jahren im Ausland, in Danzig. Die Enkel sah sie nur an Feiertagen, und selbst dann öfter über den Bildschirm des Telefons als in echt.
Das Häuschen in Buchholz, das war alles, was von jenem Leben übrig geblieben war, als aus der Küche der Duft von gebratenen Zwiebeln zog, im Flur jemand die Gummistiefel abstreifte und im Hof gleichzeitig gebellt, gegackert und geklappert wurde. Jetzt war es still. So still, dass man den tropfenden Wasserhahn in der Küche hörte – auch die Dichtung wäre längst fällig gewesen.
Am Abend brachte sie eine Schale Milch und ein paar Stücke gekochten Fisch in die Scheune. Sie stellte sie hin und trat zur Tür zurück. Die Katze wartete, bis die Frau drei Schritte zurückgewichen war, und kam erst dann heran. Sie fraß hastig, gierig, blickte aber zwischen den Bissen immer wieder zu den Jungen.
„Hungrig bist du, arme Seele", murmelte Ingrid. „Wo hast du dich nur rumgetrieben, während du die drei ausgetragen hast?"
Nach einer Woche öffneten die Kätzchen die Augen. Die Mutter wurde runder, das Fell glänzte, die Rippen verschwanden. Und Ingrid ertappte sich dabei, dass sie auf den Abend wartete. Nicht auf die Serie im Ersten, nicht auf Petras Sonntagsanruf um sieben. Sondern auf den Moment, wenn sie die quietschende Tür öffnete und jemand sie ansah. Dass sie gerade jetzt gebraucht wurde, nicht nach Terminkalender.
## Am neunten Tag war die Katze fort
Am Morgen kam Ingrid mit der Schale – und sah nur die drei Jungen. Die Kätzchen piepsten, kletterten übereinander, stupsten mit den Nasen gegen die leere Jacke. Die Morgenmilch stand unberührt.
„Wo bist du hin?"
Sie ließ das Futter stehen und saß bis zur Dunkelheit auf der umgedrehten Apfelkiste. Die Katze kam nicht zurück. Auch am nächsten Tag nicht. Die Kätzchen wurden schwächer, hörten auf zu krabbeln – lagen nur noch da und wimmerten leise.
Sie musste sich an etwas erinnern, das sie seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr getan hatte. Damals hatte Bernd ein Kätzchen von der Straße mitgebracht, und sie hatte geschimpft: Wozu noch ein Mund mehr, wir kommen selbst kaum über die Runden. Und dann hatte sie zwei Wochen lang mit der Pipette gefüttert, war um drei Uhr nachts aufgestanden und hatte niemandem davon erzählt.
Jetzt verdünnte sie Milch, wärmte sie handwarm und träufelte sie tropfenweise in winzige Mäuler. Eine Woche. Die Katze tauchte nicht auf. Die Kätzchen lernten, aus dem Schälchen zu lecken. Ingrid stellte den Karton auf die Veranda, näher an die Wärme vom Ofen.
„Du gewöhnst dich bloß nicht dran", sagte sie mehr zu sich selbst als zu den Kätzchen.
Die Nachbarin Renate kam wegen einer Zwiebel vorbei, blieb in der Verandatür stehen, sah in den Karton und schüttelte den Kopf.
„Ingrid, wozu machst du dir die Mühe? Bring sie ins Tierheim, dann ist die Sache erledigt."
„Die Mutter hat sie im Stich gelassen. Soll ich das jetzt auch tun?"
„Sie hat sie nicht im Stich gelassen", seufzte Renate und stellte ihre Tasche ab. „Sie ist verschwunden. Auf der Landstraße nach Rotenburg rasen die, dass es einem graust. Gewöhn dich bloß nicht dran, Ingrid. Drei schaffst du nicht."
Ingrid schwieg. Sie hatte sich längst daran gewöhnt. Schon vor einer Woche. Aber Renate hatte recht: Die Enkel kamen im Sommer, die Kleinste hatte eine Allergie, nieste schon bei dem Wort „Katze". Und die Kraft, drei hinterherzujagen, hatte sie auch nicht mehr.
„Morgen fahr ich zum Markt", versprach sie. „Da gibt's gute Leute, die vermitteln sie."
„Du und fahren", schnaubte Renate schon von der Schwelle aus. „Ich kenn dich dreißig Jahre."
Nachts fand sie keinen Schlaf. Ingrid lag da und lauschte der Stille. Früher hatte im Haus immer jemand gewerkelt – ihr Mann schnarchte durchs ganze Zimmer, die Kinder flüsterten hinter der Wand, der Kater Murr jagte wie aufgezogen durch den Flur. Jetzt tropfte nur der Hahn.
## Am Gartentor
Am Morgen trat sie auf die Treppe – und erstarrte zum zweiten Mal in diesem Monat. Am Gartentor saß die getigerte Katze. Schmutzig, abgemagert, das Fell verfilzt. Und neben ihr ein rotes Kätzchen. Viel älter als ihre drei, schon an die fünf Monate. Das Ohr eingerissen, das Hinterbein nachschleppend.
„Du lebst noch", Ingrid ging von der Treppe herunter. „Du lebst."
Die Katze stand auf und kam ihr entgegen. Der Rote humpelte hinterher, drückte sich an ihr Bein. Die Katze miaute kurz – fordernd, fast ärgerlich – und blickte nach oben.
„Wer ist das?" Die Frau ging in die Hocke. „Wen hast du mitgebracht?"
Das Kätzchen zitterte. Die Rippen standen hervor, die Augen tränten, aus der Pfote sickerte etwas Trübes. Die Katze miaute noch einmal und wandte sich wieder dem Tor zu. Blieb stehen. Drehte sich um. Wartete.
Ingrid folgte ihr. Die Katze führte zielsicher – am Gewächshaus von Renate vorbei, durch die Gasse, an der Wasserpumpe vorbei, zum alten Haus der Familie Bergmann. Der Alte war vor drei Jahren gestorben, die Verwandten kamen höchstens zu Allerseelen, und selbst das nicht jedes Jahr. Der Zaun war im Unkraut versunken, die Treppe verfault, die Fensterscheibe schon vor zwei Wintern eingeschlagen.
Unter der Treppe rührten sich noch zwei weitere. Genauso mager, mit verklebten Augen.
„Heiliger Strohsack", entfuhr es Ingrid.
Die Katze rieb sich an ihrem Bein und blickte wieder nach oben. Sie bettelte nicht. Sie bat einfach – ruhig, sachlich. Da sind sie. Nimm sie.
„Ich kann nicht", die Frau schüttelte den Kopf. „Verstehst du? Nicht alle."
Sie ging nach Hause zurück. Die Kätzchen im Karton schrien schon nach Futter. Ingrid schüttete Futter hin, füllte Wasser nach, setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hände.
Und im Kopf drehte sich immer derselbe Gedanke. Die Katze war durch drei Höfe gelaufen. Hatte sich gemerkt, wo man sie gefüttert und nicht vertrieben hatte. Hatte unter einem Dutzend Häusern genau das richtige gefunden. Und hatte nicht ihr eigenes Kätzchen gebracht – ein fremdes. War gekommen und hatte für es gebeten.
## „Jetzt hab ich sechs"
Gegen Mittag packte Ingrid eine Transportbox, nahm Lappen mit und ging zurück zum Haus der Bergmanns. Die Katze wartete am Zaun, als hätte sie es gewusst. Die beiden unter der Treppe zog sie ohne Widerstand heraus – die wehrten sich schon nicht mehr, keine Kraft mehr dazu. Den Roten nahm sie unterwegs auf den Arm. Die Katze lief nebenher, Schritt für Schritt, und blieb kein einziges Mal zurück.
Zu Hause breitete die Frau alte Handtücher auf der Veranda aus, brachte Wasser und Futter. Die Katze fraß langsam, unterbrach sich oft und zählte jedes Mal alle sechs mit den Augen. Alle da? Alle am Leben?
„Na also", Ingrid ließ sich auf den Stuhl sinken. „Jetzt hab ich sechs."
Renate kam abends vorbei, sah auf die Veranda und schlug die Hände zusammen:
„Hast du völlig den Verstand verloren?"
„Nicht für immer", Ingrid wich dem Blick aus. „Ich päppel sie auf und vermittle sie."
„Du und vermitteln."
## Vier bleiben
Zu vermitteln begann sie tatsächlich. Sie bat die Enkelin Lena, eine Anzeige ins Internet zu stellen, telefonierte das ganze Dorf ab. Den Roten zeigte sie dem Tierarzt in der Kreisstadt – die Wunde wurde genäht, sie sollte ihn noch zweimal zur Kontrolle bringen.
„Der schafft das", sagte der Arzt im Kittel. „Ein Kämpfer."
Zwei aus dem verlassenen Haus nahm ein junges Paar aus Buchholz mit – kam mit einem alten Opel Corsa, brachte eine Transportbox und einen Sack Futter mit, fragte alles Mögliche. Den dritten erbettelte sich die Nachbarstochter Nele, stand drei Tage lang der Oma auf der Pelle, bis die nachgab.
Und ihre eigenen drei wollte Ingrid auch weitergeben. Aber irgendwie klappte es nicht. Mal wirkten die Leute seltsam – fragten zu viel, ob man sie später zurückbringen könne. Mal sagte einfach etwas in ihr: Nicht das, nicht diese.
Nach einem Monat waren ihr vier Kätzchen und die Katze geblieben. Sie saß auf der Veranda und sah zu, wie die getigerte Mutter alle vier der Reihe nach putzte. Gleichermaßen. Die eigenen und den zugelaufenen Roten – kein Unterschied.
Im Herbst rief Petra aus Danzig an, fragte nach der Gesundheit, nach dem Wetter, erwähnte nebenbei, dass Mama irgendwie anders klänge. Fröhlicher.
„Ich hab mir hier so Gesellschaft zugelegt", schmunzelte Ingrid und erzählte von den Katzen. Die Tochter schwieg kurz am Telefon, dann sagte sie: Leg doch eine Seite im Internet an, zeig es den Enkeln.
Im August kam Bernd zu Besuch. Ging über die Veranda, betrachtete die ganze Katzenwirtschaft.
„Mama, meinst du das ernst? Fünf Katzen?"
„Vier Kätzchen und die Mutter", sie goss ihm Tee in die Tasse mit dem abgeschlagenen Henkel, dieselbe, aus der der Vater immer morgens getrunken hatte. „Ja, ganz im Ernst."
Bernd schwieg. Dann grinste er auf einmal.
„Weißt du, so gut hast du lange nicht ausgesehen. Sollen sie bleiben, wenn's dir mit ihnen gut geht."
Die getigerte Katze empfing sie nun jeden Morgen an der Treppe, setzte sich auf die oberste Stufe und wartete, bis die Tür aufging. Der Rote, mittlerweile kräftig und wohlgenährt, kletterte abends auf ihren Schoß und schnurrte so laut, dass man es im Nebenzimmer hörte.
Den Wasserhahn in der Küche ließ sie im Übrigen auch reparieren – bestellte im September den Handwerker. Sie sagte ihm, jetzt sei es zu Hause laut, und das Tropfen störe beim Schlafen.












