Der Kranz für Onkel Georg

Rosenheim, Anfang Februar. Der Wind vom Inn pfiff durch die Fugen der alten Doppelhaushälfte in der Rosenstraße, wo Georg Baumann seine letzten achtzehn Monate verbracht hatte. Ich heiße Kathrin Vogl, ich bin die Nachbarin von gegenüber, seit elf Jahren schon. Ich arbeite in der Bäckerei Huber am Ludwigsplatz, Frühschicht, halb fünf raus aus dem Bett. Und ich war diejenige, die ihn fand.

Aber davor muss ich erzählen, wie es war, als er noch lebte.

Georg war Elektriker gewesen, bevor die Beine ihn im Stich ließen. Diabetes, dann die Nieren, dann dieser Husten, der einfach nicht mehr weggehen wollte. Er wohnte allein, seit seine Frau vor Jahren gestorben war. Ein Sohn, Markus, lebte in Rosenheim selbst, kaum zwanzig Minuten mit dem Auto über die B15. Eine Tochter, Simone, war nach Stuttgart gezogen, wegen der Arbeit, hieß es.

Ich sah Georg fast jeden Tag durchs Küchenfenster. Er saß am Tisch, die Heizung auf halber Kraft, weil das Geld knapp war, und starrte auf sein Telefon, das nicht klingelte. Manchmal brachte ich ihm ein Brötchen vom Vortag rüber, die, die wir sonst wegwerfen. Er nahm es immer mit beiden Händen entgegen, als wäre es etwas Kostbares, und drehte es erst einmal um, bevor er hineinbiss — so, wie mein Vater es auch immer machte.

„Kommt Ihr Sohn heute?", fragte ich manchmal.

„Er hat viel um die Ohren", sagte Georg dann. „Die Firma, die Kinder, das Haus."

Elf Monate lang habe ich Markus' Auto nicht ein einziges Mal vor dem Haus stehen sehen. Simone rief manchmal an, das erzählte mir Georg, sonntags, zehn Minuten, dann musste sie auflegen, die Kinder hätten Fußballtraining.

Im letzten Sommer wurde es schlimmer. Der Pflegedienst kam dreimal die Woche, eine junge Frau namens Ayla, die ihm die Spritzen setzte und manchmal noch einen Kaffee mit ihm trank, obwohl das nicht in ihrem Auftrag stand. Ich fing an, öfter vorbeizuschauen. Half beim Wäscheaufhängen, weil er die Klammern nicht mehr richtig greifen konnte. Einmal saß mein Hund Bruno bei ihm im Flur und legte den Kopf auf sein Knie, und Georg lachte zum ersten Mal seit Wochen richtig — ein kurzes, raues Lachen, das dann in Husten umschlug.

Im Oktober rief ich Markus an. Ich hatte seine Nummer aus dem alten Telefonbuch seines Vaters herausgesucht.

„Ihr Vater braucht Hilfe", sagte ich. „Es geht ihm wirklich nicht gut."

„Ich weiß", sagte Markus. „Ich ruf ihn regelmäßig an."

„Anrufen reicht nicht mehr. Er kann kaum noch die Treppe runter zum Briefkasten."

Eine Pause. Dann: „Wir haben gerade viel um die Ohren. Ich schau's mir an."

Er kam nicht.

Im Dezember lag Georg zwei Tage mit hohem Fieber im Bett, und ich war es, die den Notarzt rief, weil Ayla an dem Tag nicht kam und niemand sonst erreichbar war. Im Krankenhaus fragte ihn die Ärztin nach Angehörigen. Er nannte Markus' Nummer, aber als sie anrief, ging niemand ran.

Er kam am 3. Januar nach Hause zurück, schwächer als vorher. Ich brachte ihm jeden Abend eine warme Mahlzeit rüber, meistens Kartoffelsuppe, weil er die am liebsten mochte. Er aß immer nur die Hälfte und sagte, den Rest hebe er sich für morgen auf.

Am Morgen des 24. Januar klopfte ich wie üblich an seine Tür. Keine Antwort. Das Küchenradio lief noch, leise, ein Verkehrsbericht über einen Stau auf der A8. Ich fand ihn im Sessel, die Suppe vom Vorabend unberührt auf dem kleinen Tisch daneben, schon kalt.

Ich rief den Notarzt, dann die Polizei, dann — weil ich keine andere Nummer hatte, die noch funktionierte — Markus.

Innerhalb von vierundzwanzig Stunden war alles anders.

Markus kam mit seiner Frau und den zwei Kindern. Simone flog aus Stuttgart ein, noch am selben Abend. Es gab plötzlich Blumen, riesige Gestecke von einer Floristin in der Innenstadt, die mit Sicherheit dreihundert Euro gekostet hatten. Es gab eine Nachtwache am aufgebahrten Sarg im Bestattungsinstitut Reiter, Kerzen in Reihen, Fotos von Georg als junger Mann, lächelnd, den Arm um seine verstorbene Frau gelegt.

Simone schrieb einen langen Text auf Facebook. „Papa, du wirst immer in unseren Herzen sein. Wir werden dich nie vergessen." Über hundert Menschen hinterließen Herzen und traurige Smileys darunter. Markus organisierte eine Trauerfeier mit Leichenschmaus im Gasthof zur Post, mit Schweinebraten und Blaukraut für vierzig Gäste, die Rechnung, wie ich später von der Wirtin erfuhr, belief sich auf über zweitausend Euro.

Ich stand am Rand des Friedhofs am Mühlbach, in meinem einzigen schwarzen Mantel, und sah zu, wie der Sarg in die Erde gelassen wurde. Simone weinte, das Gesicht in einem Taschentuch vergraben. Markus stand mit gesenktem Kopf da, die Hände gefaltet vor dem Bauch.

Nach der Beerdigung kam Simone zu mir. „Danke, dass Sie ihn gefunden haben", sagte sie. „Das muss schrecklich für Sie gewesen sein."

Ich sagte nichts dazu, wie schrecklich die elf Monate davor für ihn gewesen waren. Es hätte nichts geändert.

Drei Wochen später klingelte es bei mir. Markus stand vor der Tür, in der Hand eine Mappe.

„Frau Vogl, ich wollte fragen — hat mein Vater Ihnen gegenüber je etwas erwähnt? Ein Testament, oder wo er wichtige Papiere aufbewahrt hat? Simone und ich müssen das Haus regeln."

Ich sah ihn an, in seinem sauberen Wollmantel, die Mappe unter dem Arm, bereit, jetzt, wo es ums Erbe ging, endlich Zeit zu finden.

„Im Küchenschrank, unterste Schublade, hinter dem Geschirrtüchern", sagte ich. „Da hat er alles aufbewahrt. Die Kontoauszüge auch. Sie werden sehen, dass er die letzten Monate kaum noch Geld für Heizung übrighatte."

Markus nickte kurz und ging.

Zwei Tage später kam Ayla, die Pflegerin, bei mir vorbei, um sich zu verabschieden — der Auftrag war beendet, sie wurde einer anderen Patientin zugeteilt. Wir tranken Kaffee in meiner Küche, und sie erzählte mir, dass Georg ihr in den letzten Wochen oft von einem alten Sparbuch erzählt hatte, das er für seine Enkelkinder angelegt hatte, dreizehntausend Euro, über zwanzig Jahre zusammengespart.

„Er hat gesagt, er will es der Familie geben, aber irgendwie nie den richtigen Moment gefunden", sagte Ayla.

Ich dachte an die Schublade im Küchenschrank. An die Kartoffelsuppe, die kalt geworden war. An die Rechnung vom Gasthof zur Post über zweitausend Euro für Schweinebraten, den ein toter Mann nicht mehr essen konnte.

Am folgenden Samstag ging ich zu Markus' Haus in der Kufsteiner Straße. Ich hatte die alten Kontoauszüge seines Vaters mitgebracht, die ich in den letzten Wochen vor seinem Tod für ihn sortiert hatte, weil seine Hände zu sehr zitterten, um die Zahlen noch zu lesen. Und ich hatte eine Kopie des Sparbuchs, das Georg mir einmal gezeigt hatte, als er noch klar im Kopf war, „für den Fall, dass mir mal was passiert, Frau Vogl, dann wissen Sie, wo's ist".

Markus öffnete die Tür, überrascht.

„Ihr Vater hat mir gesagt, ich soll das hier jemandem zeigen, der sich wirklich kümmert", sagte ich und hielt ihm die Kopie hin. „Er hat sich lange überlegt, wem er es anvertraut. Am Ende hat er's mir gegeben. Für die Enkelkinder, hat er gesagt. Nicht für den Leichenschmaus."

Ich sah, wie sich sein Gesicht veränderte, als er begriff, dass sein Vater in seinen letzten Wochen mir mehr vertraut hatte als seinem eigenen Sohn — nicht, weil ich es wollte, sondern weil ich die Einzige war, die dagewesen war.

Simone kam aus dem Wohnzimmer, sah die Papiere in Markus' Hand.

„Das Geld geht an eine Treuhandstelle für die Kinder", sagte ich. „Ich hab schon mit einem Notar in der Innenstadt gesprochen, das lässt sich sauber regeln, ohne dass irgendjemand es anfassen kann, bis die Kinder achtzehn sind. So wollte er es."

Ich drehte mich um und ging zurück zu Bruno, der vor der Gartenpforte gewartet hatte. Hinter mir blieb die Tür eine Weile offen stehen, bevor sie ins Schloss fiel.

Rate article
Der Kranz für Onkel Georg