Der Brief unterm Kirschbaum

Renate stand am Gartenzaun und wusste im ersten Moment nicht, was sie mit den Händen tun sollte. Ingrid, ihre Nachbarin aus dem Haus gegenüber, kam gerade vom Wochenmarkt zurück, eine Tüte mit Radieschen und einem Bund Petersilie unterm Arm, und ihr Gesicht glühte vor Aufregung, als hätte sie eine Lotterie gewonnen.

„Renate, bist du zu Hause? Gut, gut, dann komm mal rüber."

„Ich bin ja gerade dabei, die Tomaten hochzubinden", sagte Renate und zeigte auf die Schnur in ihrer Hand. „Was ist denn los, Ingrid, du bist ja ganz außer Atem."

„Setz die Klammer für einen Moment weg." Ingrid stellte die Tüte auf den niedrigen Zaun aus Lattenholz, den ihr Mann vor Jahren mal weiß gestrichen hatte und der jetzt an mehreren Stellen abblätterte. „Bei mir ist Konrad. Er ist heute Morgen mit dem Zug aus Stuttgart gekommen, hat geschäftlich in Rosenheim zu tun und wollte kurz vorbeischauen, bevor er weiterfährt."

Etwas in Renates Brust zog sich zusammen, ein Griff, der ihr fast die Luft nahm. Sie legte die Hand auf den Zaunpfahl, um sich abzustützen.

„Konrad? Hier, in Bad Aibling?"

„Sitzt bei mir auf der Terrasse, trinkt Kaffee und erzählt von seiner Spedition, die er aufgebaut hat. Verheiratet, zwei Enkelkinder mittlerweile. Aber weißt du, wonach er als Erstes gefragt hat? Nach dir. Wie es dir geht, ob alles in Ordnung ist bei dir."

„Und was hast du ihm erzählt?" Renates Stimme kippte, und sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, obwohl die Augustsonne ohnehin schon genug Hitze über den Garten gelegt hatte.

„Was sollte ich schon sagen. Dass du in der Grundschule unterrichtest, dass deine beiden Töchter längst ausgezogen sind, die eine nach München, die andere nach Augsburg. Renate, er möchte dich sehen. Nur kurz, hallo sagen. Komm mit rüber, wir decken gerade den Tisch für den Abend."

„Wie soll ich denn so gehen, Ingrid? Schau mich an." Sie strich sich über die erdverschmierte Schürze. „Und die Hühner müssen noch gefüttert werden, und Heinrich könnte jeden Moment zurückkommen."

„Ach, lass die Hühner für eine Stunde Hühner sein! Konrad fährt heute Abend schon wieder zurück nach Stuttgart. Wann seht ihr euch sonst noch mal?"

Renate blickte an sich herunter, auf die Gartenschürze mit dem Riss am Saum, auf ihre Hände, die nach Tomatenblättern rochen, bitter und grün. Zweiunddreißig Jahre waren es her, seit sie Konrad zum letzten Mal gesehen hatte — an dem Tag, als er mit seinem alten Käfer aus dem Dorf gefahren war und sie am Straßenrand stehen blieb, weil sie sich nicht traute, hinter ihm herzulaufen. Er hatte studieren wollen, sie war schwanger geblieben, ihre Mutter hatte gesagt, ein Kind ohne Vater bringt Schande über das Haus, und dann war Heinrich gekommen, der Sohn des Nachbarhofs, der sie heiratete, obwohl das Kind nicht seins war.

„Gib mir wenigstens fünf Minuten", sagte sie schließlich und band die Schürze los.

Sie wusch sich am Küchenausguss das Gesicht, band sich das Haar neu zusammen, zog das blaue Kleid an, das sie sonst nur zu Beerdigungen trug, weil es das einzige war, das noch ordentlich saß. Im Flur, auf dem Fensterbrett, lag ihr Handy, ein altes Nokia, das ihr die jüngere Tochter vor zwei Jahren aufgedrängt hatte. Sie steckte es in die Kitteltasche, ohne zu wissen, warum.

Der Hund von nebenan, ein struppiger Mischling namens Bruno, der Renate seit Jahren regelmäßig durch den Zaun anbellte, lag heute merkwürdig still im Schatten der Scheune und hob nur kurz den Kopf, als sie am Gartentor vorbeiging. Aus dem offenen Küchenfenster der Nachbarn drüben lief das Radio, eine Verkehrsmeldung über einen Stau auf der A8, und irgendwo brannte jemand Grillkohle an — der Geruch zog scharf über die Straße, vermischt mit dem süßlichen Duft der überreifen Kirschen, die niemand mehr vom Baum vor Renates Haus pflückte.

Bei Ingrid im Garten saß ein Mann mit grauen Schläfen an einem Klapptisch unter der alten Linde, ein Glas Apfelschorle vor sich, das Hemd tadellos gebügelt. Er stand auf, als er Renate sah, und für einen Moment stand die Zeit still — nicht die Stille, von der man in Romanen liest, sondern eine ganz konkrete, in der man das eigene Blut im Ohr rauschen hört.

„Renate." Er sagte nur ihren Namen, und seine Stimme war rauer geworden, männlicher, als sie sie in Erinnerung hatte.

„Konrad. Du siehst gut aus."

Sie setzten sich, redeten über das Wetter, über die Ernte, über nichts. Ingrid brachte Kaffeekuchen und verschwand dann diskret ins Haus, angeblich um nach dem Braten zu sehen. Konrad erzählte von seiner Spedition mit fünfzehn Lkws, von seiner Frau Sabine, die in der Buchhaltung arbeitete, von den Enkelkindern, die er stolz auf dem Handy zeigte. Renate hörte zu, nickte, aber ihre Gedanken kreisten um eine einzige Frage, die sie nicht stellen wollte und die er nicht stellte.

Dann, als der Kaffee kalt geworden war, sagte er es doch: „Renate, ich habe vor drei Jahren einen Brief bekommen. Von einer Anwaltskanzlei in Augsburg. Es ging um eine Erbschaftsangelegenheit meiner Tante, aber in den Unterlagen stand auch — ein Geburtsdatum. Deine Tochter. Die ältere. Sie ist neunundzwanzig, oder?"

Renate stellte die Tasse ab, so vorsichtig, dass sie kein Geräusch machte.

„Sie heißt Johanna", sagte sie. „Sie ist Kinderärztin in München."

„Weiß sie —"

„Nein. Heinrich hat sie großgezogen, als wäre sie seine eigene. Er war ihr ein guter Vater. Das lasse ich nicht zerstören, Konrad, jetzt nicht mehr."

Er schwieg lange, drehte das leere Glas zwischen den Fingern. „Ich will nichts zerstören. Ich wollte nur wissen, ob es ihr gut geht."

„Es geht ihr gut."

An diesem Punkt hätte die Geschichte enden können, mit Kaffee und Höflichkeiten und einem Zug zurück nach Stuttgart. Aber Heinrich kam früher heim, als jemand erwartet hatte.

Er war den ganzen Tag mit dem Rasenmäher beschäftigt gewesen, der wieder mal den Geist aufgegeben hatte, und roch nach Benzin und Schweiß, als er über den Gartenweg zu Ingrids Grundstück stapfte, weil ihm ein Nachbarsjunge erzählt hatte, seine Frau sitze da drüben mit einem fremden Mann. Er blieb am Gartentor stehen, die Hände noch schwarz vom Öl, und sah Renate neben Konrad sitzen, wie sie es zwölf Jahre lang nie getan hatte — ohne Sorge in den Schultern.

„Renate." Nur ihr Name, scharf wie ein abgebrochener Ast. „Wer ist das?"

Sie stand auf. Ihr Herz schlug ihr im Hals, aber sie sagte es klar, ohne zu stottern: „Das ist Konrad. Johannas leiblicher Vater."

Es war still auf der Terrasse — die Radiomeldung von nebenan lief immer noch, jemand redete jetzt über die Fußballergebnisse der Regionalliga. Heinrich stand da, die Faust um den Torpfosten geschlossen, und für einen Augenblick dachte Renate, er würde losschreien, wie er es früher manchmal getan hatte, wenn ihm etwas über den Kopf wuchs.

Stattdessen setzte er sich langsam auf die Bank neben Ingrid, atmete zweimal tief durch und sagte: „Zweiunddreißig Jahre habe ich mich gefragt, wann dieser Tag kommt."

„Du hast es gewusst?" Renates Stimme brach.

„Ich habe es geahnt, seit sie fünf war und niemand von uns beiden diese Nase hatte." Er sah Konrad an, nicht feindselig, eher müde. „Sie ist meine Tochter. Papiermäßig, gesetzlich, und in jedem Sinn, der zählt. Daran ändert kein Kaffeebesuch etwas."

Konrad nickte, stand auf, reichte Heinrich die Hand. „Ich wollte ihr nichts wegnehmen. Ich wollte nur einmal hören, dass es ihr gut geht."

„Dann hast du es gehört", sagte Heinrich. „Jetzt fahr zurück nach Stuttgart."

Am nächsten Morgen ging Renate nicht zur Schule, obwohl Mittwoch war und die dritte Klasse einen Ausflug zum Bauernhof geplant hatte. Sie fuhr stattdessen mit dem Bus nach Rosenheim, zur Sparkasse, wo sie seit sechsundzwanzig Jahren ein kleines Sparkonto führte — ihr eigenes, von Heinrichs Namen getrennt, mit dem Geld, das sie über die Jahre aus dem Nachhilfeunterricht zurückgelegt hatte. Zwölftausendachthundert Euro standen darauf. Sie hob den ganzen Betrag ab, in bar, steckte ihn in einen braunen Umschlag und fuhr weiter nach München, zu Johanna.

Sie saßen in der Küche der kleinen Wohnung in Schwabing, zwischen Umzugskartons, weil Johanna gerade erst eingezogen war, und Renate legte den Umschlag auf den Tisch, daneben die Kontoauszüge und einen Zettel mit einem Namen und einer Telefonnummer.

„Was ist das, Mama?"

„Das Geld für deine Facharztausbildung, den Rest der Miete, was du eben brauchst. Und das" — sie tippte auf den Zettel — „ist Konrad Weber. Er lebt in Stuttgart, hat eine Spedition. Er ist dein leiblicher Vater."

Johanna sah lange auf das Papier, dann auf ihre Mutter. „Und Papa Heinrich weiß das?"

„Er hat es immer gewusst. Er hat dich trotzdem großgezogen, jeden Tag, ohne einen Cent von diesem Mann zu verlangen. Das ändert sich nicht. Aber du hast das Recht zu wissen, wer noch existiert — und die Wahl, ob du je Kontakt willst oder nicht. Die Entscheidung liegt bei dir, nicht bei mir."

Johanna nahm den Zettel, faltete ihn einmal und legte ihn ohne ein weiteres Wort in die Schublade des Küchenschranks, zu den Bedienungsanleitungen der neuen Kaffeemaschine.

Zurück in Bad Aibling fand Renate Heinrich im Garten, wo er den kaputten Rasenmäher endlich in den Schuppen räumte. Sie stellte sich neben ihn, roch den Benzingeruch, der ihr inzwischen so vertraut war wie ihr eigener Atem.

„Ich habe ihr alles gesagt", erklärte sie. „Und ich habe ihr das Ersparte gegeben, das mir gehört. Für ihre Zukunft."

Heinrich wischte sich die Hände an einem Lappen ab und sah sie an. „Gut", sagte er nur. Dann bückte er sich wieder zu dem Mäher, drehte die Schraube fest, die seit Wochen lose gewesen war, und die überreifen Kirschen fielen leise, eine nach der anderen, ins Gras zwischen ihnen.

Rate article
Der Brief unterm Kirschbaum