Ich hab drei Jahre lang alles bezahlt

Ich stand barfuß in der Küche, die Kaffeetasse zitterte so in meiner Hand, dass die Hälfte über die Arbeitsplatte lief.

„Merkst du eigentlich gar nicht mehr, wie es mir geht, Tobias?"

Er saß am Tisch, im selben ausgeleierten Shirt wie schon seit vier Tagen, und rührte sich nicht.

„Und du meinst?", sagte er, ohne aufzusehen. „Bei dir zählt immer nur deine eigene Erschöpfung."

Da ist etwas in mir zerbrochen. Nicht dramatisch, nicht wie im Kino. Ich wurde einfach mit einem Mal schwach, hohl, dunkel. Ich erinnere mich an die kalten Fliesen unter meiner Wange und an das Ticken der Küchenuhr über dem Kühlschrank. Und danach: nichts mehr, nur das Rauschen der eigenen Ohren.

Ich heiße Katrin Wessels, bin vierunddreißig, und noch vor fünf Jahren war ich eine völlig andere Frau. Ich lachte laut, fuhr mit meiner Schwester nach Sylt, buk sonntags einen Käsekuchen, tanzte allein in der Küche zu alten Songs im Radio. Ich arbeitete als medizinische Fachangestellte in einer Praxis in Bochum, kam erschöpft nach Hause – aber es war eine normale Erschöpfung. Die Art, nach der man noch etwas isst, duscht und sogar noch Kraft zum Reden hat.

Tobias war am Anfang warm, aufmerksam, ein bisschen orientierungslos vielleicht, aber gut. Nach der Hochzeit hielt sich das Ganze noch irgendwie. Dann wurde die Werkstatt geschlossen, in der er als Kfz-Mechaniker gearbeitet hatte. Er sagte, das sei nur vorübergehend. Nur ein, zwei Monate. Dann wurden es sechs. Dann ein Jahr.

Am Anfang stand ich vollkommen hinter ihm. Ich setzte mich neben ihn aufs Sofa und sagte: „Wir schaffen das. Wirklich. Das ist nur eine schwierige Phase." Er umarmte mich, sein Gesicht an meinem Hals vergraben, manchmal weinte er sogar. Es tat mir leid um ihn. Wirklich sehr.

Nur fraß diese schwierige Phase mit der Zeit alles auf. Ich übernahm immer mehr Schichten in der Praxis. Dann kam noch ein Wochenendjob im Getränkemarkt dazu, Regale einräumen. Die Rechnungen zahlten sich nicht von allein. Der Kredit fürs Auto, die Miete, Medikamente für seine Mutter, die ständigen Reparaturen am Wagen. Tobias suchte angeblich Arbeit, aber es endete immer damit, dass „die nicht zurückgerufen haben", „das nichts für ihn war", „das Geld zu mies war".

Dann kam seine Verschlossenheit dazu. Schlaflosigkeit. Nervosität. Er war beleidigt wegen jeder Kleinigkeit. Ich hatte Angst, zu laut zu sprechen, Angst, zu fragen, Angst, nach Hause zu kommen und schon an der Tür zu erraten, welche Laune heute herrschte.

„Setz mich nicht unter Druck", zischte er dann. „Denkst du, ich will das?"

Also hörte ich auf, ihn zu drängen. Und fing an, alles allein zu schultern. Für ihn und für mich. Ich stand um fünf Uhr auf. Machte Brote. Wäsche. Einkäufe. Rannte zur Arbeit. Kam zurück, kochte Linsensuppe oder Kartoffeln mit Ei, weil das billiger war. Abends setzte ich mich noch an die Haushaltstabelle und rechnete, ob es bis zum Monatsende reichte. Manchmal fehlten dreißig Euro, manchmal hundertfünfzig. Ich verkaufte den Schmuck meiner Großmutter, um die Rate für den Kredit zu decken. Niemandem hab ich davon erzählt.

Das Schlimmste war nicht mal die Erschöpfung. Das Schlimmste war, dass ich verschwand. Ich hörte auf, Leute anzurufen. Hörte auf, mich zu schminken. Kaufte mir nichts mehr außer Tampons und Shampoo im Angebot. Als eine Kollegin mal sagte: „Mensch, Katrin, du lachst ja gar nicht mehr" – da traf mich das wie eine Bloßstellung, als hätte sie mich bei etwas sehr Intimem erwischt.

Und dann fand ich die Nachrichten.

Es war keine Affäre im klassischen Sinn. Vielleicht tat es deswegen noch mehr weh. Auf Tobias' altem Handy, das ich für den Second-Hand-Laden herrichten wollte, poppten Chats mit seiner Schwester Nadine auf.

„Sag Katrin bloß nichts, sonst macht die wieder ein Drama."

„Wenn die mich nicht so unter Druck setzen würde, käme ich viel besser klar."

„Die spielt gern die Leidende."

Ich saß auf dem Boden im Flur, zwischen den Schuhen, und las das mehrmals. Die Leidende. Ich. Eine Frau, die sich seit zwei Jahren keine ordentlichen Schuhe gekauft hatte, weil man ihm doch „Zeit lassen" musste.

Als er nach Hause kam, hielt ich das Handy in der Hand.

„Bin ich also das Problem?", fragte ich.

Er sah mich an und wusste sofort Bescheid. „Hast du in meinen Sachen rumgeschnüffelt?"

Bis heute erinnere ich mich an diesen Moment. Er entschuldigte sich nicht. Schämte sich nicht. Er war wütend, weil ich die Wahrheit gesehen hatte.

„Rumgeschnüffelt? Tobias, ich finanziere diese Wohnung!"

„Ach ja, und das hältst du mir vor. Wie immer!"

„Weil ich keine Kraft mehr habe!"

„Dann geh doch ins Hotel, wenn's dir so schlecht geht!", warf er hin.

Danach war es so still, dass die Ohren wehtaten. Er stand in der Küchentür, das Gesicht gerötet, und ich sah uns plötzlich von außen. Kein Ehepaar. Keine Partnerschaft. Nur eine Frau, die ertrinkt, und ein Mann, der sich an ihren Schultern festklammert, um selbst nicht unterzugehen.

In dieser Nacht schloss ich die Schlafzimmertür ab, zum ersten Mal seit unserer Hochzeit. Der Schlüssel lag danach eine Woche lang in meiner Jackentasche, ich nahm ihn jeden Morgen mit zur Arbeit, als könnte er mir jemand stehlen.

Eine Woche lief ich wie ferngesteuert herum. In der Praxis vertauschte ich Rezeptmengen bei einer Bestellung, und die Praxisleiterin schickte mich in den Pausenraum.

„Katrin, du machst dich gerade kaputt", sagte sie. „Jemandem helfen darf nicht aussehen wie langsam sterben."

Da fing ich an zu weinen wie ein Kind. Zwischen den Kartons mit Verbandsmaterial und Einweghandschuhen.

Ich zog zu meiner Tante nach Recklinghausen. Nur für eine Weile, redete ich mir ein. Einen Koffer nahm ich mit, die Unterlagen und einen Pullover. Tobias hielt mich nicht mal zurück. Er schrieb am Abend nur: „Wenn's dir wieder besser geht, komm zurück, dann reden wir normal."

Wenn's dir wieder besser geht. Als hätte ich eine Grippe und kein ausgebranntes Herz.

Bei meiner Tante gab es einen Kanarienvogel, der jeden Morgen um sechs anfing zu singen, egal wie ich geschlafen hatte. Die ersten Tage hätte ich ihm am liebsten den Käfig zugehängt. Nach drei Wochen wachte ich vor ihm auf und wartete darauf.

Vier Monate vergingen. Ich nahm ab. Fing an zu schlafen. Hörte mein eigenes Lachen wieder und war selbst überrascht davon. Den Ärger trage ich noch in mir, ich hatte ihn ja geliebt. Vielleicht liebe ich noch ein bisschen diese alte Version von ihm, die von vor Jahren. Aber ich weiß inzwischen: Liebe ohne Grenzen kann einem Menschen die Haut abziehen.

Nadine, seine Schwester, meldete sich im Mai bei mir. Wollte wissen, ob ich „endlich vernünftig" werde. Ich hab ihr nicht geantwortet. Stattdessen rief ich einen Anwalt in Bochum an, den mir eine Kollegin empfohlen hatte, und vereinbarte einen Termin für die Scheidung.

Zwei Wochen später saß ich seinem Anwalt und ihm selbst gegenüber, an einem Konferenztisch mit Blick auf den Parkplatz. Vor mir lag eine Mappe mit Kontoauszügen der letzten drei Jahre, die ich mir bei der Bank hatte ausdrucken lassen. Tobias trug sein gutes Hemd, das er sich extra für den Termin gebügelt hatte, das sah man.

„Ich habe die Kreditrate für den Wagen seit sechsunddreißig Monaten allein bezahlt", sagte ich und schob die Unterlagen über den Tisch. „Achtzehntausendvierhundert Euro. Das Auto steht auf meinen Namen, weil ich es finanziert habe. Es geht mit mir."

Tobias öffnete den Mund, aber sein Anwalt legte ihm kurz die Hand auf den Arm.

„Die Wohnung war gemietet, der Vertrag lief auf mich. Ich habe ihn zum Monatsende gekündigt und eine eigene Einzimmerwohnung in Bochum-Weitmar gefunden. Er kann bei seiner Mutter wohnen, bis er etwas Eigenes hat."

„Katrin", sagte er leise, „das ist nicht nötig, wir könnten doch—"

„Ich hab einen Termin um vier", unterbrach ich ihn und stand auf. Meine Hände zitterten nicht mehr. Ich steckte die Mappe zurück in die Tasche, reichte dem Anwalt die Hand, nicht ihm, und ging.

Vor der Tür wartete Nadine im Flur, die Arme verschränkt. „Du machst ihn fertig", sagte sie.

„Nein", sagte ich. „Ich hör auf, für etwas zu bezahlen, wofür ich nie bezahlen sollte."

Ich ging zur Treppe, ohne mich umzudrehen. Draußen roch es nach Regen und nach den Pommes vom Imbiss an der Ecke, derselben Ecke, an der ich vor fünf Jahren mit Tobias mein erstes Date hatte. Ich blieb kurz stehen, dann ging ich weiter zu meinem Auto.

Ich stieg ein, warf die Mappe auf den Beifahrersitz und steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Durch die geöffnete Scheibe zog der Geruch von nassem Asphalt und Fritteusenfett herein, vermischt mit dem alten Duft nach Leder aus den Sitzen. Im Rückspiegel sah ich Nadine noch immer in der Tür stehen, kleiner werdend, dann bog ich um die Ecke. Das Radio sprang mit dem Motor an, irgendein Song, den ich nicht kannte. Ich ließ ihn laufen und fuhr los, die Scheibenwischer im gleichmäßigen Takt gegen den Regen.

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