Meine Schwester Bianca rief mich um Viertel nach sieben an einem Dienstag an, und ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte, weil sie sich meldete, bevor der zweite Ton durch war.
„Renate, hast du die Post schon geöffnet?"
Ich stand in der Küche meiner Wohnung in Augsburg, Lindenstraße, dritter Stock, und hatte gerade den Kaffee aufgesetzt. Vom Fenster aus sah ich den Nachbarshund, einen alten Dackel namens Theo, der Runde um Runde um den Kastanienbaum im Hof drehte, weil Herr Pöschl ihn wieder vergessen hatte anzuleinen.
„Welche Post?"
„Vom Notar. Wegen der Werkstatt."
Die Werkstatt – das war Papas Erbe. Eine kleine Kfz-Werkstatt in Kriegshaber, seit einunddreißig Jahren in Familienhand, seit vier Jahren offiziell auf meinen Namen eingetragen, weil ich nach dem Tod unseres Vaters die einzige war, die den Meisterbrief hatte. Mein Mann Tobias hatte die Buchhaltung übernommen. Ich die Kunden, die Angebote, die Reklamationen. Zusammen zwölf Jahre Ehe, drei davon mit der Werkstatt als gemeinsamem Lebensmittelpunkt.
Ich fand den Umschlag zwischen Werbeprospekten und der Stromrechnung. Absender: Notariat Dr. Wechsler, Augsburg. Ich las den ersten Satz zweimal, weil mein Kopf sich weigerte, den zweiten zuzulassen.
Tobias hatte die Werkstatt vor drei Monaten in eine GmbH überführt. Alleiniger Geschäftsführer und alleiniger Gesellschafter: er. Meine Unterschrift auf dem Übertragungsvertrag – vorhanden. Datiert auf einen Abend im Mai, an dem ich, wie ich mich genau erinnerte, mit Fieber im Bett gelegen hatte und Tobias mir Papiere zur „Unterschrift für die Krankenkasse" gebracht hatte.
Ich rief ihn nicht an. Ich fuhr zur Werkstatt.
Es war halb neun, die Rolltore standen offen, Herr Kunkel, unser Mechaniker seit acht Jahren, hantierte mit einem Golf auf der Hebebühne. Als er mich sah, wich sein Blick kurz zur Seite, bevor er „Morgen, Frau Brandt" murmelte – zu vorsichtig für einen normalen Dienstag.
Im Büro saß Tobias und tippte etwas in den Laptop, den früher wir beide benutzt hatten.
„Du hast unterschreiben lassen, während ich vierzig Fieber hatte."
Er legte die Hände flach auf den Tisch, eine Geste, die er immer machte, wenn er etwas vorbereitet hatte. „Renate, ich musste die Firma absichern. Wegen der Kredite. Als GmbH haftest du privat nicht mehr, das war für dich gedacht."
„Für mich gedacht, aber ohne mein Wissen unterschrieben."
„Du hättest es sowieso unterschrieben."
Das war der Satz, an dem ich später am meisten hängenblieb. Nicht die Lüge selbst, sondern diese Selbstverständlichkeit, mit der er meine Zustimmung schon für erledigt hielt, bevor er sie sich geholt hatte.
Ich ging nicht schreien. Ich ging zu Herrn Kunkel, der jetzt so tat, als würde er die Bremsscheibe des Golfs besonders gründlich prüfen, und fragte ihn leise, ob er wisse, seit wann Tobias allein die Bestellungen mache. „Seit Mai ungefähr", sagte er, ohne aufzusehen. „Dachte, das wüssten Sie."
Zu Hause packte ich nichts aus Wut. Ich setzte mich an den Küchentisch, wo noch die kalte Kaffeetasse stand, und rief Frau Dr. Seitz an, unsere langjährige Steuerberaterin, die mir vor Jahren schon einmal gesagt hatte: „Renate, lass dir bei Firmensachen nie nur eine Unterschrift zwischen Tür und Angel abnehmen." Ich hatte es damals überhört.
Die drei Wochen danach liefen anders ab, als Bianca es sich vorgestellt hatte. Sie erwartete Tränen, eine Aussprache, vielleicht eine Paartherapie. Ich rief stattdessen Herrn Dr. Wechsler persönlich an und bat um Einsicht in die Originalunterlagen. Die Unterschrift war meine – das ließ sich nicht bestreiten. Aber das Datum stimmte nicht mit dem überein, was auf dem Dokument stand, das er mir „zur Krankenkasse" hingelegt hatte. Zwei verschiedene Blätter, gleiche Unterschrift, unterschiedlicher Zweck. Frau Dr. Seitz nannte das später vor Gericht schlicht „Unterschriftenerschleichung unter Vorspiegelung falscher Tatsachen".
Die Verhandlung fand im Juli statt, im Amtsgericht Augsburg, ein Saal mit Neonlicht und einer Uhr, die fünf Minuten nachging. Tobias saß mit seinem Anwalt zwei Reihen vor mir, drehte sich nicht um. Als der Richter die Übertragung wegen arglistiger Täuschung für unwirksam erklärte, hörte ich hinter mir, wie jemand leise Luft holte – Bianca, die den ganzen Vormittag neben mir gesessen und nichts gesagt hatte.
Die Werkstatt ging zurück auf meinen Namen. Nicht auf „unseren" – auf meinen, wie es von Anfang an im Grundbuch und im Handelsregister gestanden hatte, bevor jemand dachte, er könne das im Vorbeigehen ändern.
Ich traf Tobias noch einmal, vier Wochen später, vor dem Notariat, wo ich die Scheidungsunterlagen abgab. Er stand am Empfang und wartete auf eine Kopie des Urteils.
„Du hättest mit mir reden können", sagte er.
„Du hast dich entschieden, nicht zu reden. Ich entscheide jetzt, was ich mit der Werkstatt mache."
Ich hatte in der Tasche einen Ordner: den neuen Gesellschaftsvertrag, den Frau Dr. Seitz aufgesetzt hatte. Alleinige Geschäftsführerin, ohne Prokura für Dritte, mit einer Klausel, die jede Übertragung an eine notarielle Zustimmung beider – nein, an meine alleinige Unterschrift band, geprüft von einer zweiten unabhängigen Kanzlei.
Herr Kunkel arbeitet noch immer bei mir, jeden Morgen um sieben, und macht mittlerweile die Bestellungen wieder mit mir zusammen, nicht allein. Der Golf von damals ist längst abgeholt worden. Theo, der Dackel, streunt noch immer um den Kastanienbaum in der Lindenstraße, mittlerweile mit Leine, weil Herr Pöschl es sich doch noch angewöhnt hat.
Tobias hat vor zwei Monaten versucht, mich wegen eines „ausstehenden Anteils" anzurufen. Ich habe nicht abgenommen. Die Werkstatt zahlt seit August keine Rechnung mehr auf sein Konto – ich habe die Vollmacht persönlich beim Notariat widerrufen, mit Unterschrift, diesmal in aller Ruhe gelesen, an einem Mittwochvormittag bei vollem Bewusstsein und ohne Fieber.











