Ich fahre seit sechzehn Jahren Streifenwagen für den Ordnungsdienst in Bocholt, und man glaubt gar nicht, wie viel man von der Beifahrerseite aus mitbekommt, wenn man nur langsam genug an einer Straße vorbeirollt. Diese Geschichte hat mit einem Anruf wegen "ruhestörendem Lärm" angefangen, an einem Donnerstagabend im Juni, und geendet hat sie mit etwas, das ich seitdem nicht vergessen habe.
Der Anruf kam gegen halb zehn. Nachbarn hatten sich über Geschrei aus der Kfz-Werkstatt in der Industriestraße beschwert, direkt neben dem Aldi, wo sonst um die Zeit nur noch die Leuchtreklame brennt. Mein Kollege Timo saß am Steuer, ich hatte Spätdienst und eigentlich schon mit dem Feierabend-Döner beim Türken um die Ecke gerechnet. Stattdessen standen wir zehn Minuten später vor einem Rolltor, das nur zur Hälfte offen war, und drinnen brannte eine einzelne Neonröhre über der Hebebühne.
Die Frau, die dort auf einem umgedrehten Ölkanister saß, hieß Renate Brockmann, das habe ich später aus dem Protokoll. Sechzig, vielleicht zweiundsechzig, in einer Strickjacke, die eindeutig nicht für eine Werkstatt gemacht war. Ihr gegenüber, mit dem Rücken zu einem Aktenordner-Stapel auf der Werkbank, stand ein Mann Ende dreißig im blauen Blaumann mit dem Namen "Kevin" auf der Brust gestickt. Ihr Schwiegersohn, wie sich herausstellte. Die Werkstatt hatte ihr verstorbener Mann aufgebaut, vierunddreißig Jahre lang selbst geschraubt, bis er vor drei Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war. Kevin hatte danach übernommen, offiziell als Geschäftsführer, weil Frau Brockmann selbst nie einen Meisterbrief gemacht hatte.
Ich habe nicht alles verstanden, was da geschrien wurde, aber ein Satz von ihm ist mir geblieben: "Das steht jetzt auf meinem Namen, Renate, das war schon vor zwei Jahren so beschlossen, das kannst du nicht mehr rückgängig machen." Und sie, mit einer Stimme, die eigentlich zu ruhig war für die Situation: "Beschlossen habt ihr das, nicht ich."
Timo hat die Personalien aufgenommen, ich habe draußen gestanden und eine Zigarette geraucht, was ich sonst nie mache im Dienst, aber der Abend war so einer. Über der Auffahrt hing noch das alte Werkstattschild, "Brockmann & Sohn – Kfz-Meisterbetrieb seit 1991", die Farbe schon abblätternd, und ich dachte, dieser Sohn im Namen war wohl nie gemeint gewesen, sondern eher eine Hoffnung von damals.
Wir haben die Sache aufgenommen als häuslichen Streit ohne Anzeige, keine Körperverletzung, nichts, was wir hätten weiterverfolgen müssen. Frau Brockmann wollte nichts anzeigen. Sie ist noch eine Weile sitzen geblieben, während Kevin das Rolltor zugezogen hat und mit seinem Astra wegfuhr, Reifen quietschend auf dem nassen Asphalt, es hatte kurz vorher geregnet.
Ich hätte die Sache vergessen, ehrlich gesagt, wenn ich nicht knapp fünf Wochen später noch einmal in derselben Straße gewesen wäre, wegen eines eingeschlagenen Autofensters beim Getränkemarkt gegenüber. Das Werkstattschild war weg. Neu montiert stand da "Rossmann Automotive", in einer Schriftart, die aussah, als hätte jemand sie sich selbst am Computer zusammengeklickt.
Ich bin, während Timo mit dem Geschädigten sprach, rüber und habe kurz durch die Scheibe geschaut. Kevin war drin, allein, an einem BMW mit aufgebockter Front. Von Frau Brockmann keine Spur.
Was ich erst später erfahren habe, und zwar von der Kollegin am Empfang beim Notariat Wessels, mit der ich manchmal beim Bäcker in der Schlange stehe: Renate Brockmann war nicht einfach verschwunden. Sie hatte sich, noch in derselben Woche wie unser Einsatz, einen Termin bei einem Fachanwalt für Gesellschaftsrecht geben lassen. Denn was Kevin ihr an dem Abend so triumphierend vorgehalten hatte, "das steht auf meinem Namen", war eben nicht ganz die Wahrheit. Die Werkstatt als Immobilie, das Grundstück mit der Halle, gehörte nach wie vor ihr allein, eingetragen im Grundbuch seit dem Tod ihres Mannes. Nur das operative Geschäft, die GmbH, hatte Kevin vor zwei Jahren als Geschäftsführer übernommen, mit ihrer Unterschrift, die sie, wie sie dem Notar gesagt haben soll, "aus lauter Erschöpfung" geleistet hatte, ein halbes Jahr nach der Beerdigung, als sie noch gar nicht klar denken konnte.
Der Mietvertrag zwischen ihr als Eigentümerin und der GmbH lief noch bis Jahresende, mietfrei, eine stillschweigende Regelung unter Familie, nie schriftlich fixiert gewesen bis zu diesem Punkt. Das hatte sie geändert. Der Anwalt hat ihr geraten, das Ganze auf eine ordentliche vertragliche Basis zu stellen, mit Kündigungsfrist und allem Drum und Dran, wie es sich für fremde Dritte gehört.
Ich weiß das alles, weil ich Anfang August noch einmal in der Werkstatt vorbeigekommen bin, rein privat, weil mein eigener Auspuff klapperte und der Rossmann-Laden nun mal um die Ecke lag. Ich habe Frau Brockmann selbst dort angetroffen, nicht in der Werkstatthalle, sondern im kleinen Büroraum daneben, mit Aktenordner und einem Laptop, auf dem ein Kontoauszug offen war. Sie hat mich nicht gleich erkannt in Zivil, aber als ich sagte, ich sei der Beamte von dem Abend im Juni gewesen, hat sie kurz die Hand auf die Tischplatte gelegt und gesagt: "Ach, Sie waren das."
Sie hat mir erzählt, was in den fünf Wochen passiert war, so nüchtern, als würde sie über einen Ölwechsel sprechen. Sie hatte die Kündigung des Mietverhältnisses fristgerecht zum 30. September ausgesprochen, eingeschrieben, mit Rückschein, den sie mir sogar noch aus der Mappe gezogen und gezeigt hat, Kevins Unterschrift auf dem gelben Zettel als Empfangsbestätigung. Die GmbH musste die Halle räumen. Das Grundstück würde sie neu verpachten, an einen jungen Kfz-Meister aus Rhede, der sich gerade selbstständig machen wollte und ihr über die Handwerkskammer empfohlen worden war, achthundertfünfzig Euro Kaltmiete im Monat, mit ordentlichem Vertrag, zehn Jahre Laufzeit, Verlängerungsoption.
Kevin war, als ihm das klar wurde, noch einmal in der Werkstatt aufgetaucht, das hat sie mir erzählt, diesmal ohne Geschrei, eher bittend. Er habe gesagt, seine Frau, Frau Brockmanns Tochter, sei schwanger, das dritte Kind, und ohne die Werkstatt wisse er nicht, wovon er die Familie ernähren solle. Frau Brockmann hat mir gesagt, sie habe ihm geantwortet, dass er das hätte bedenken sollen, bevor er ihr im vergangenen Jahr das Geschäftskonto praktisch leergeräumt und ihr für die eigene Rente ganze eintausendzweihundert Euro monatlich als "Gewinnbeteiligung" überwiesen hatte, während er selbst einen neuen BMW X3 geleast hatte.
Was mich am meisten beeindruckt hat an dem Nachmittag: Sie hat weder geweint noch getriumphiert. Sie hat mir den Kontoauszug auf dem Laptop gezeigt, weil ich gefragt hatte, wie das jetzt mit der Miete laufe, und dann den Deckel zugeklappt, als sei das Thema für sie erledigt. An der Wand über dem Schreibtisch hing noch ein altes Foto, ihr Mann vor der frisch gestrichenen Halle, 1991, mit einem Schäferhund neben sich, der, wie sie beiläufig erwähnte, Rudi geheißen hatte und die ganze Werkstatt für die Kunden bewacht hatte, bis er mit vierzehn Jahren gestorben war. Diese Details erzählt einem sonst niemand, aber sie hat es einfach so erwähnt, während sie den Kontoauszug wegklickte.
Ich habe meinen Auspuff dann doch woanders reparieren lassen, ehrlich gesagt, weil ich nicht wusste, ob es sich gehört, ausgerechnet dort Kunde zu werden. Aber im September, als ich noch einmal zufällig durch die Industriestraße gefahren bin, stand da ein neues Schild an der Halle: "KFZ Terhorst – Meisterbetrieb". Das Rolltor war ganz offen, drinnen zwei Hebebühnen in Betrieb, Radio lief, irgendein Popsender. Von Rossmann Automotive keine Spur mehr, kein Astra auf dem Hof.
Frau Brockmann habe ich seitdem nicht wiedergesehen. Aber die Kollegin vom Notariat hat mir noch erzählt, dass sie sich mit dem ersten Pachtscheck tatsächlich etwas gegönnt hat, eine Reise nach Norderney, wo sie mit ihrem Mann vor Jahrzehnten die Flitterwochen verbracht hatte. Auf der Rückseite der Postkarte, die sie dem Notariat als Dankeschön geschickt hat, stand nur ein Satz: "Das Grundstück gehört mir, und das reicht mir jetzt."












