Dana Wegener stand seit halb zwölf barfuß auf den Fliesen ihrer Küche in Pankow, dasselbe Blatt Papier seit vierzig Minuten in der Hand. Die Klimaanlage ratterte im Dachboden wie ein Metalleimer, der eine Treppe hinunterpoltert. Durch das gekippte Fenster über der Spüle drang das Klacken des Rasensprengers vom Nachbargrundstück und der Geruch verkohlter Bratwürste vom Grill drei Häuser weiter. Das Papier stammte von der Sparkasse. Sie hatte es an diesem Nachmittag in Rays Transporter gefunden, hinter der Sonnenblende, während sie eigentlich nach dem Fahrzeugschein gesucht hatte. Mahnbescheid, stand da in Buchstaben, dick wie eine Schlagzeile. Das Reihenhaus in der Buchholzer Straße. Das mit den blauen Fensterläden, die sie selbst vor vier Jahren am Tag der Deutschen Einheit gestrichen hatte.
Sie hatte das Blatt viermal gelesen, auf der Fahrt von der Gesamtschule in Weißensee, wo sie seit zwölf Jahren als Schulsozialarbeiterin arbeitete. Jedes Mal, wenn sie bei der fälligen Summe ankam – 4.180 Euro, überfällig –, trat sie das Gaspedal etwas fester durch. Der Golf ruckte auf der Berliner Allee vorwärts, ein Kaffeebecher kippte im Halter um.
Ray kam um Viertel vor acht herein, roch nach Motoröl und Zwiebelringkrümeln im Bart. Er hängte den Schlüssel an den Haken neben der Hintertür. Seine Stiefel hinterließen rötliche Lehmspuren auf der Fußmatte.
„Hey", sagte er. „Sorry, ich bin spät dran."
Dana legte das Blatt auf die Arbeitsplatte, genau zwischen das Schneidebrett und die Keramikschale, in der sie Kleingeld sammelten. Auf der Schale klebte ein Streifen Tesafilm mit der Aufschrift „Babyfonds", in ihrer eigenen Handschrift. Sie hatte das vor sechs Jahren dorthin geklebt, damals, als die Schale noch alle paar Wochen mit Münzen voller wurde.
„Sag's mir jetzt", sagte sie.
Rays Hand blieb an der Kühlschranktür. Nicht überrascht. Nicht verwirrt. Er sah aus wie ein Mann, der diese Szene seit Monaten unter der Dusche geprobt hatte.
„Was soll ich dir sagen?", fragte er, doch am Ende sackte seine Stimme ab. Er wusste es bereits.
Sie wiederholte sich nicht. Sie stand nur da, barfuß, das blaue Licht des Handydisplays spiegelte sich neben ihr auf der Arbeitsplatte. Auf dem Display war ein Screenshot ihres Kinderwunschsparkontos zu sehen – 21.400 Euro –, das, was Ray ihr im März gezeigt hatte, als sie nach dem nächsten Termin in der Kinderwunschklinik gefragt hatte. Sie hatte den echten Kontostand an diesem Morgen im Computerraum der Schule geprüft, unter dem Vorwand, ihre Gehaltsüberweisung kontrollieren zu müssen. Vierundfünfzig Euro. Sie hatte die Zahl auf einen Zettel geschrieben und in die Tasche ihres Pullovers gesteckt, spürte jetzt die Ecke des Papiers gegen ihre Rippen.
Ray öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Er ging an ihr vorbei zum Flurschrank, hob den Kleiderhaken mit zwei Fingern an und schwang die Tür auf. Vom obersten Fach zog er eine schwarze Sporttasche herunter. Der Reißverschluss stand offen. Papiere fielen auf den Küchentisch – Kreditunterlagen, eine Bürgschaftserklärung mit seiner Unterschrift unten drauf, Kontoauszüge, der Zwilling des Mahnbescheids, der jetzt gefaltet in ihrer Handtasche lag. Ray musste sich selbst eine Kopie ausgedruckt haben, als das erste Mahnschreiben kam, Monate bevor er eine davon hinter die Sonnenblende stopfte, um es ihr nicht erklären zu müssen.
„Kevin kam im Herbst zu mir", sagte Ray. „Sein Garten- und Landschaftsbaubetrieb stand kurz vor der Pleite. Die Bank wollte ihm ohne Bürgen nichts geben, und ich habe das Haus verpfändet. Dann bat er mich im Januar um einen Überbrückungskredit obendrauf, bar, um die Löhne bis zum Frühjahr zu zahlen. Ich sagte, ich hätte das nicht einfach so rumliegen. Er meinte, nimm das Kinderwunschgeld, ich zahl's zurück, bevor ihr's braucht. Ich habe im Februar 21.400 Euro abgehoben. 4.180 davon habe ich direkt an die Sparkasse überwiesen, um mit der Rate klarzukommen, weil Kevin schon mit dem Maschinenkredit im Rückstand war und ich Angst hatte, die Bank würde sich das Haus holen. Den Rest – den hat Kevin genommen. Er sagte, er würde bis Juni überweisen."
„Und wo sind die vierundfünfzig Euro?"
„Das ist übrig, nachdem die Rate weg war. Ich wollte das Geld zurücklegen, bevor du's merkst."
Sie nahm den ausgedruckten Screenshot vom Stapel – 21.400 Euro, dasselbe Bild, das er ihr im März auf dem Handy gezeigt hatte, jetzt auf Papier, die Ecken schon leicht gewellt vom Liegen in der Tasche. „Du trägst eine Kopie deiner eigenen Lüge mit dir rum?"
Rays Kiefer arbeitete. „Ich hab sie aufbewahrt, damit ich weiß, welche Zahl ich dir schulde. Damit ich nicht vergesse, wie viel ich zurücklegen muss."
„Das machst du also?", sagte sie. „Mir gefälschte Screenshots zeigen, damit ich denke, unser Babygeld liegt noch da?"
„Ich hab Zeit gekauft. Kevin hat geschworen, er zahlt bis Juni zurück."
„Es ist August", sagte sie.
Der Kühlschrank summte. Der Rasensprenger des Nachbarn klickte weiter. Irgendwo die Straße runter bellte zweimal ein Hund.
Dana schrie nicht. Sie griff nach der Babyfonds-Schale auf der Arbeitsplatte, drehte sie einmal in den Händen, die Münzen darin rutschten mit einem trockenen, kleinen Geräusch gegen die Keramik, und stellte sie fester ab, als sie beabsichtigt hatte. Ein Zehn-Cent-Stück rollte über den Rand und drehte sich auf der Arbeitsplatte, bevor es flach liegen blieb. Sie ließ es liegen.
Sie nahm den Mahnbescheid aus ihrer Handtasche, faltete ihn auseinander, legte ihn neben Rays Exemplar auf den Tisch, sodass beide nebeneinanderlagen, identisch. Dann ging sie zum kleinen Schreibtisch in der Ecke neben der Speisekammer. Die obere Schublade klemmte – das tat sie immer im August, wenn das Holz aufquoll –, also riss sie einmal, zweimal daran. Der Messinggriff brach in ihrer Hand ab. Sie legte ihn auf den Schreibtisch.
Aus der Schublade nahm sie die Heiratsurkunde. Elf Jahre. Sie drehte sie einmal um, dann legte sie sie oben auf den Stapel Kreditunterlagen.
Ray trat auf sie zu. „Dana—"
Sie klappte ihren Laptop auf. Der Bildschirm leuchtete auf, fragte nach dem Passwort. Sie tippte es mit zwei Fingern ein, so wie sie es tat, wenn sie am Ende des Halbjahres Zeugnisnoten eingab. Sie loggte sich in ihr eigenes Konto ein – das ihr Schulgehalt hielt, das Ray nie angerührt hatte, 1.080 Euro an Überweisungen, die sie seit dem Frühjahr still angespart hatte, nach einem Bauchgefühl, das sie nicht benennen konnte. Sie starrte einen Moment auf den Kontostand, klappte dann den Laptop zu, ohne einen Cent zu bewegen. Es war ihr Geld. Es blieb ihr Geld.
„Lass das", sagte Ray, obwohl sie nichts getan hatte, das er hätte stoppen müssen.
Sie nahm den Autoschlüssel von der Arbeitsplatte – der Golf, auf ihren Namen zugelassen – und legte ihn kurz wieder hin, nur lange genug, um stattdessen die Babyfonds-Schale zu nehmen. Sie hielt sie mit einem Arm gegen ihren Bauch gedrückt, so wie man etwas trägt, das überlaufen könnte, und trug sie zur Arbeitsplatte neben der Tür, wo ihr Koffer schon stand.
„Der Wagen läuft auf meinen Namen", sagte sie. „Ich nehme ihn mit. Und das hier auch." Sie nickte zur Schale. „Die bleibt nicht in dieser Küche stehen und sammelt Münzen für ein Haus, das du fast verloren hättest."
„Wann kommst du wieder?"
„Ich fahre zu Tante Karin nach Potsdam. Ich hab sie schon auf der Heimfahrt angerufen." Sie nahm den kleinen Koffer, der seit sechs Uhr neben der Haustür gestanden hatte, gleich neben Rays Arbeitsstiefeln. „Donnerstag. Bis Donnerstag zeigst du mir eine Umschuldungsvereinbarung, einen Tilgungsplan, irgendetwas Schriftliches von der Sparkasse. Und du rufst Kevin an und lässt dir schriftlich geben, was er dir schuldet, weil ich wissen will, ob wir jemals einen Cent von dem Geld wiedersehen. Wenn du bis Donnerstag nicht beides hast, reiche ich die Trennung ein. Und ich erzähle dem Richter, wie du 21.400 Euro aus unserem Kinderwunschfonds genommen und dir selbst einen gefälschten Screenshot ausgedruckt hast, damit du mir nicht in die Augen sehen und die Wahrheit sagen musstest."
Rays Mund bewegte sich, aber kein Ton kam heraus. Er blickte vom Papierstapel zum Schlüssel zu ihrem Gesicht.
Dana ging zur Tür, die Schale gegen die Hüfte gestemmt, der Koffergriff kalt in der anderen Hand. Die Fliegengittertür schlug hinter ihr zu. Von der Auffahrt aus hörte sie Ray einmal ihren Namen von der Veranda rufen. Sie antwortete nicht. Sie setzte die Schale vorsichtig auf den Beifahrersitz, klemmte den Koffer auf die Rückbank, schloss den Golf auf, startete den Motor und fuhr rückwärts an der großen Kastanie vorbei, an den blauen Fensterläden vorbei, am Briefkasten mit „Wegener" in weißen Buchstaben. Der Rasensprenger des Nachbarn klickte über den trockenen Rasen.
Auf dem Beifahrersitz, neben der Schale, vibrierte ihr Handy. Eine Nachricht von Ray: „Bitte komm zurück…"
Sie antwortete nicht. Sie bog links in die Berliner Allee ein, und die Straßenlaternen zogen in gleichmäßigen, gelben Streifen über die Windschutzscheibe. Neben ihr rutschten die Münzen in der Schale bei jedem Bremsen, ein kleines metallisches Geräusch, das den Wagen jedes Mal erfüllte, wenn sie an sechs Jahre Kleingeld dachte und an eine Zahl, die einmal 21.400 Euro bedeutet hatte. Der Ring steckte noch an ihrem Finger. Was sie damit tun sollte, hatte sie noch nicht entschieden.












