Ich habe zwölf Jahre lang Handschriften restauriert, bevor ich in Rente ging. Byzantinische Pergamente, koptische Fragmente, ein paar Seiten aus einem Evangeliar, das angeblich aus Kiew stammte. Man sitzt da mit der Lupe und denkt, man kennt die Geschichte schon. Dann findet man eine Randnotiz, die niemand übersetzt hat, und alles verschiebt sich ein Stück.
So war es auch mit ihr. Mit der Frau, über die ich eigentlich nur einen Vermerk auf einem Kirchenkalender restaurieren sollte, und über die ich am Ende drei Monate lang in der Bibliothek nachgelesen habe, bis meine Kollegin fragte, ob ich noch an dem Auftrag arbeite oder inzwischen ein Buch schreibe.
Sie hieß Anna. Geboren im Purpurgemach des Kaiserpalastes von Konstantinopel, was im 10. Jahrhundert kein hübsches Detail war, sondern ein Rechtsstatus. Nur Kinder, die geboren wurden, nachdem der Vater bereits Kaiser war, durften sich "porphyrogenneta" nennen — im Purpur geboren. Es gab in jener Zeit vielleicht eine Handvoll solcher Menschen in ganz Europa. Könige aus dem Westen hatten um ihre Hand angehalten. Man hatte ihnen abgesagt. Eine Purpurgeborene verheiratete man nicht ins Ausland — das war, als würde man heute eine Staatsreliquie verkaufen.
Ich saß mit den Restaurierungshandschuhen an dem Fragment und dachte: wie zwingt man ein Kaiserreich, seine eigenen Regeln zu brechen?
Die Antwort stand, in Bruchstücken, in den Chroniken, die ich neben der Arbeit wälzte. Ein Fürst aus einer Stadt namens Kyjiw, weit im Norden, hatte dem Kaiser Basileios II. geholfen, einen Aufstand niederzuschlagen — mit mehreren tausend Kriegern. Als Gegenleistung wollte er die Prinzessin. Konstantinopel zögerte, verschleppte, schwieg. Der Fürst — Wolodymyr hieß er — nahm sich, was man ihm verweigerte: Er eroberte Cherson, eine der wichtigsten Festungen des Reiches auf der Krim. Danach gab es keine Verhandlung mehr. Es gab nur noch eine Bedingung, die Konstantinopel stellte, und die der Fürst offenbar erfüllte, bevor die Hochzeit stattfand.
Ich habe damals einen Kollegen gefragt, einen Historiker aus Köln, der an einer Ausstellung über ostkirchliche Kunst mitarbeitete. Er sagte mir am Telefon, halb amüsiert: Wissen Sie, was mich an der Geschichte am meisten interessiert? Nicht die Prinzessin. Die Fracht.
Er meinte damit: Anna kam nicht allein. Mit ihr reisten Priester, Bauleute, Ikonenmaler, Bibliothekare. Ein ganzer Apparat von Wissen und Handwerk, verpackt in ein paar Schiffen, die über das Schwarze Meer und dann flussaufwärts nach Kyjiw zogen. Und mit diesem Apparat begann etwas, das man später die steinerne Wende nannte: Die ersten gemauerten Kirchen der Stadt entstanden, die Chronikschreibung setzte ein, eine höfische Kultur, die sich an Konstantinopel orientierte statt an den nordischen Nachbarn.
Ich weiß noch, wie ich am Restaurierungstisch saß, an einem Nachmittag im März, das Licht fiel schräg durchs Atelierfenster, draußen fuhr die Straßenbahn quietschend um die Kurve, und ich dachte: das ist der Teil der Geschichte, der in keinem Schulbuch steht. Nicht die Schlacht. Der Umzug einer Bibliothek.
Es gibt einen Punkt in der Chronik, an dem Anna fast verschwindet. Die Quellen erwähnen sie kaum noch nach der Hochzeit. Männer schrieben die Annalen, und Männer schrieben über Männer. Ein Bischof wird erwähnt, ein Kirchenbau, ein Feldzug — die Frau, die das alles mitgebracht hatte, taucht nur noch als Randfigur auf. Das hat mich damals fast wütender gemacht als jede beschädigte Seite, die ich je restauriert habe.
Ich fand schließlich einen Hinweis, mehr eine Fußnote als einen Beleg, dass Anna 1011 starb und in der Zehnten-Kirche beigesetzt wurde — dem ersten Steinbau der Stadt, den man auch ihretwegen errichtet hatte. Wolodymyr folgte ihr wenige Jahre später ins selbe Grab. Die Kirche selbst existiert längst nicht mehr; sie wurde Jahrhunderte später zerstört. Man weiß bis heute nicht genau, wo die Gräber lagen.
Meine Kollegin, die mich damals fragte, ob ich ein Buch schreibe, hat mir am Ende einen Kaffee gebracht und sich neben mich gesetzt. Sie fragte, warum mich das so beschäftigt, eine tote Prinzessin aus dem 10. Jahrhundert. Ich sagte ihr: weil wir uns an den Mann erinnern, der eine Stadt hat taufen lassen, und die Frau vergessen, die ihm die Bücher, die Handwerker und die Vorlagen dafür mitgebracht hat. Fürsten führen Kriege. Aber jemand muss die Ikonenmaler auch noch heil über die Dnjepr-Stromschnellen bringen.
Ich habe das Fragment am Ende fertig restauriert, die Ränder gesichert, die Tinte stabilisiert, es ging zurück ins Archiv, katalogisiert unter einer Nummer, die ich längst vergessen habe. Aber ich habe mir eine Kopie der Seite machen lassen, auf der ihr Name stand, klein, in einer Aufzählung von Wohltäterinnen einer Kirche. Sie hängt bei mir zu Hause, gerahmt, neben der Küchentür. Meine Enkelin hat mich letztes Jahr gefragt, wer das ist. Ich habe ihr gesagt: eine Prinzessin, die keine Schlacht gewonnen hat. Sie hat etwas Größeres mitgebracht.











