Der Zaun mit den Sonnenblumen

Ich bringe die Post seit einundzwanzig Jahren in Bad Oeynhausen aus, und man glaubt gar nicht, wie viel man von einer Straße lernt, wenn man sie jeden Tag zu Fuß abläuft. Man kennt die Hunde beim Namen, bevor man die Besitzer kennt. Man weiß, welche Mülltonne immer zu voll ist. Und man merkt sofort, wenn sich irgendwo etwas verändert.

In der Ulmenstraße, kurz vor der Kreuzung zur Bahnhofstraße, wohnt Frau Reinke. Renate Reinke, Mitte sechzig, pensionierte Sachbearbeiterin beim Finanzamt Minden. Ihr Garten war nie besonders. Ein Rasenstück, ein Gartenzwerg, der langsam die Farbe verlor, ein Fliederbusch, der jedes Jahr zu spät blühte. Nichts, worüber man ein Wort verlieren würde.

Im April vorigen Jahres habe ich sie zum ersten Mal am Zaun graben sehen. Ich hatte gerade ein Einschreiben für den Nachbarn, kam nicht dazu, ihn loszuwerden, und blieb kurz stehen.

„Was wird das denn, Frau Reinke?"

„Keine Ahnung, ehrlich gesagt." Sie klopfte die Erde von den Händen. „Auf der Tüte war ein Bild, das mir gefallen hat. Sonnenblumen."

„Sie haben noch nie welche gepflanzt?"

„Nie im Leben. Mal sehen, was passiert."

Ich dachte mir nichts weiter dabei. Im Mai lagen weiter Kataloge und Rechnungen in ihrem Briefkasten, im Juni auch, und irgendwann im Juli konnte ich den Zaun kaum noch sehen. Die Blüten standen mir fast auf Augenhöhe, und ich bin eins achtundachtzig.

Was ich dann beobachtet habe, war eigentlich mein Job gar nicht mehr. Aber man bleibt hängen.

Ein Mädchen, vielleicht acht, neun Jahre alt, kam jeden Nachmittag mit dem Fahrrad die Straße runter, bremste vor dem Zaun so scharf, dass die Reifen quietschten, und starrte nach oben. Einmal hörte ich sie zu ihrem Vater sagen: „Die sind größer als du, Papa." Der Mann hat gelacht und ein Foto gemacht, das Kind mitten zwischen den Stängeln, die Arme ausgebreitet wie bei einer Umarmung.

Ich habe damals gedacht: nette Geschichte, weiter im Text. An der nächsten Ecke wartete noch ein ganzer Postsack.

Aber die Sache nahm Fahrt auf. Herr Wittkamp von gegenüber, ein zurückhaltender Mann, der sonst höchstens mal grüßt, hängte einen Vogelfuttersilo an einen der Zaunpfähle. Zwei Tage später saßen die ersten Meisen drin. Ich habe das gesehen, weil ich morgens um Viertel nach acht immer diese Straße nehme, egal was in der Tasche ist.

Dann stand da plötzlich ein Eimer. Am Gartentor, mit einem Pappschild: „Bitte eine mitnehmen, wenn sie dich glücklich macht." Frische Sonnenblumen drin, jeden Samstag neu. Ich habe selbst zweimal eine mitgenommen für meine Frau, die sie dann in die alte Bembel-Vase auf dem Küchentisch gestellt hat, weil wir keine richtige Vase für so große Blumen besitzen.

Irgendwann kam noch ein zweiter Eimer dazu. Diesmal keine Blumen, sondern Samentütchen. Tomaten, Basilikum, Zinnien. Jemand aus der Straße hatte sie einfach dazugestellt, ohne Namen. Ich habe Frau Reinke einmal gefragt, wer das war.

„Keine Ahnung", hat sie gesagt und geschmunzelt. „Aber ich hab noch ein Schild dazugelegt: Samen nehmen. Freude pflanzen."

Zur Ehrlichkeit gehört: ich hatte im Sommer selbst Stress genug. Meine Route war wegen Personalmangels auf zwei Bezirke aufgeteilt, ich kam abends später heim als früher, und eigentlich hatte ich keine Zeit, mich um fremde Gärten zu kümmern. Aber wenn man an der Ulmenstraße vorbeikommt und die halbe Straße auf einmal gelbe Köpfe in der Sonne wiegt, bleibt man eben doch mal eine Minute stehen. Das kostet nichts.

Ende August gab es den Tag der offenen Gärten, den der Verein Grünes Bad Oeynhausen organisiert hatte. Ich war zufällig frei, meine Frau wollte hin, wir sind mitgelaufen. Rosengärten, ein Teich mit Seerosen bei den Brauns, ein Gemüsebeet, das aussah wie aus dem Katalog. Und dann Frau Reinkes Vorgarten, wo die Leute schon stehenblieben, bevor sie überhaupt durchs Tor waren.

Am Ende gab's Bändchen zu verteilen, keine echte Auszeichnung, nur zum Spaß gedacht. Buntester Garten. Bestes Gemüsebeet. Frau Reinkes Bändchen stand drauf: „Preis für das Lächeln der Nachbarschaft." Sie hat laut gelacht und gesagt, das gäbe es doch gar nicht als Kategorie. Die Organisatorin meinte nur, die hätten sie extra erfunden.

Im Oktober waren die Blüten dann durch. Die Stängel standen noch, braun und trocken, die Vögel pickten an den Samenständen. Das Mädchen mit dem Fahrrad kam noch mal vorbei, blieb stehen, wirkte enttäuscht.

„Sind weg."

„Für dieses Jahr."

„Kommen die wieder?"

„Bestimmt."

Frau Reinke hat dann, das habe ich später von Herrn Wittkamp gehört, die Samen selbst aus den vertrockneten Köpfen gepult und in kleine Papiertüten gesteckt. Auf jede hat sie einen Satz geschrieben: „Bis zum Frühling." Die Tüten lagen dann wieder in dem Eimer am Zaun. Bis zum Abend war keine mehr übrig.

Ich weiß das alles nur in Stücken, weil ich es nicht miterlebt, sondern eben nur jeden Tag ein bisschen davon mitgekriegt habe: eine Rechnung hier, ein Wort am Zaun da, ein Bändchen, ein Eimer. Aber im April dieses Jahres, als ich meine übliche Runde gelaufen bin, ist mir aufgefallen, dass nicht nur bei Frau Reinke etwas aus der Erde kam. Bei den Wittkamps auch. Bei den Brauns auch. Sogar auf dem Balkon der jungen Familie im dritten Stock der Nummer 14 standen Blumenkästen mit kleinen grünen Trieben.

Im Juli stand ich mit meiner vollen Tasche mitten auf der Ulmenstraße und musste kurz durchzählen, was ich da sah. Von der Kreuzung bis zum Ende der Straße, gelbe Köpfe an fast jedem zweiten Zaun. Herr Wittkamp kam gerade aus seinem Haus, sah sich die Straße rauf und runter an und schüttelte den Kopf.

„Wissen Sie was", sagte er zu mir, weil Frau Reinke gerade nicht draußen war, „ich glaube, die Blumen sind umgezogen."

Ich habe nur genickt und bin weitergegangen, weil um zehn noch drei Straßenzüge vor mir lagen. Aber bevor ich um die Ecke bog, habe ich mich noch mal umgedreht. Die ganze Straße stand gelb im Wind, und irgendwo mittendrin, kaum zu sehen zwischen den Stängeln, hörte ich Frau Reinke mit jemandem lachen. Ich hab nicht gehört, worüber.

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