Ich kam zu spät zu Helgas Geburtstag. Die S3 hatte Verspätung, und als ich das Restaurant an der Elbe betrat, stand Helga schon mit dem Mikrofon in der Hand. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Ich drückte mich an die Wand und hoffte, niemand bemerkte mich.
Helga trug ein perlgraues Kostüm, das bestimmt vierhundert Euro gekostet hatte. Ihre Frisur saß wie lackiert. Neben ihr am Tisch saß Lena, die Frau ihres Sohnes Thomas. Lena hatte ein schwarzes Kleid an, das ihr gut stand, aber ihre Haltung war angespannt, die Schultern hochgezogen.
„Und nun zu meinen Schwiegertöchtern“, sagte Helga ins Mikrofon. „Julia ist ein Geschenk des Himmels. Schlank, sportlich, zwei Kinder, und sieht immer noch aus wie ein Model. Thomas hat leider nicht so viel Glück gehabt.“
Ein paar Gäste lachten verlegen. Ich sah, wie Lena ihr Weinglas fester umklammerte. Ihre Finger wurden weiß an den Knöcheln.
„Unsere Lena ist ja eher der gemütliche Typ“, fuhr Helga fort. „Aber wir arbeiten dran. Vielleicht klappt es ja noch mit dem Abnehmen. Und Nachwuchs ist auch noch keiner in Sicht, obwohl Thomas sich das so wünscht.“
Thomas starrte auf seinen Teller. Er tat nichts.
Lena stand auf. Ihr Stuhl scharrte über den Boden. Sie sagte nichts, legte die Serviette neben den Teller und ging Richtung Ausgang. Ihr Gang war ruhig, aber ich kannte sie gut genug, um zu sehen, dass ihre Hände zitterten.
Ich kannte die beiden, seit Thomas und Lena vor fünf Jahren zusammengekommen waren. Thomas ist mein Cousin. Helga, seine Mutter, wohnt in Eimsbüttel, in einer Altbauwohnung mit Stuckdecken und dem Geruch von altem Holz und Bohnerwachs. Lena kam aus dem Ruhrgebiet, arbeitete als Buchhalterin bei einer Spedition im Hafen. Sie war keine dünne Frau, aber auch nicht dick. Sie hatte ein offenes Gesicht und lachte gern.
Beim ersten Familienessen, damals noch als Freundin von Thomas, musterte Helga sie von oben bis unten und sagte: „Na, die hat ja ordentlich was auf den Rippen. Thomas, du stehst doch sonst auf sportliche Frauen?“
Thomas murmelte irgendetwas von „Lena ist genau richtig“. Aber es klang wie eine Entschuldigung.
Danach hörte ich bei jedem Besuch dieselben Sätze. Helga verglich Lena mit Julia, der Frau von Thomas’ jüngerem Bruder. Julia war tatsächlich schlank, sportlich, immer freundlich. Das machte es nicht besser.
„Julia geht fünfmal die Woche ins Fitnessstudio.“
„Julia hat schon das zweite Kind und sieht aus wie vor der Schwangerschaft.“
„Julia kocht jeden Abend frisch. Bei euch gibt es wohl oft Tiefkühlpizza?“
Lena lächelte dann, aber es war so ein Lächeln, bei dem die Augen nicht mitmachen.
Irgendwann fing Lena an, sich zu verändern. Sie aß nur noch Salat, wenn wir zusammen essen waren. Sie bestellte sich Wasser statt Wein. Beim Grillen im Sommer nahm sie kein Stück Fleisch, nur gegrilltes Gemüse. Einmal hörte ich, wie sie zu Thomas sagte: „Ich hab jetzt acht Kilo runter. Vielleicht reicht das ja.“ Thomas antwortete: „Du musst dich nicht für meine Mutter quälen.“ Aber er sagte es leise, fast beiläufig, und am nächsten Sonntag saß er wieder bei Helga am Tisch und schwieg, während Helga Lena den Kartoffelsalat wegnahm.
An diesem Abend im Restaurant, nach Helgas Rede, folgte ich Lena nach draußen. Nicht sofort, aber nach ein paar Minuten, unter dem Vorwand, frische Luft zu brauchen. Sie stand an der Ufermauer und starrte aufs Wasser. Ein Containerschiff zog vorbei, die Lichter spiegelten sich in der Elbe. Ein Hund bellte irgendwo am Fischmarkt.
„Alles okay?“, fragte ich.
Sie drehte sich nicht um. „Ich kann das nicht mehr. Fünf Jahre. Fünf Jahre höre ich mir an, dass ich nicht gut genug bin. Nicht dünn genug, nicht sportlich genug, nicht fruchtbar genug. Und er sagt nie was. Nie.“
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich war nur die Cousine. Ich hielt ihr meine Jacke hin, weil sie fror. Sie nahm sie nicht.
„Ich fahr nach Hause“, sagte sie. „Sag Thomas, er soll sich ein Taxi nehmen.“
Dann ging sie die Treppe zur Straße hoch. Ihre Absätze klackten auf dem Pflaster. Ich blieb stehen und sah ihr nach, bis sie in ein Taxi stieg.
Thomas kam zehn Minuten später. „Wo ist Lena?“, fragte er.
„Weg“, sagte ich. „Sie hat gesagt, du sollst dir ein Taxi nehmen.“
Er seufzte. „Meine Mutter meint es nicht so. Sie ist halt so direkt.“
Ich hatte plötzlich keine Lust mehr, mit ihm zu reden. „Thomas, deine Mutter hat sie vor dreißig Leuten gedemütigt. Und du hast keinen Ton gesagt. Das ist nicht direkt. Das ist fies.“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich rede mit ihr.“
Ich weiß nicht, ob er das getan hat. Helga rief Lena am nächsten Tag an und entschuldigte sich. Ich weiß das, weil Thomas es mir erzählte. „Sie hat gesagt, es war nicht böse gemeint. Lena hat es akzeptiert.“ Aber als ich Lena das nächste Mal sah, wirkte sie anders. Nicht mehr dünn, sondern müde. Sie hatte zugenommen, wieder ihr altes Gewicht, aber ihre Augen waren wacher. Als ob sie aufgehört hätte, sich zu verstecken.
Ein halbes Jahr später lud Helga zum Familienessen in ihre Wohnung ein. Es war ein Sonntag im November, draußen regnete es. In der Diele brannte eine Lampe nicht, und im Treppenhaus roch es nach nassem Schirm und Kohlsuppe aus einer Nachbarwohnung. Ich kam als Dritte, nach Julia und ihrem Mann. Helga trug eine Schürze und rührte in einem Topf. Lena und Thomas kamen zusammen, etwas später. Lena trug eine Jeans und einen dicken Pullover. Kein schwarzes Kleid, keine Absätze.
Beim Essen war es ruhig. Helga redete über Julias dritte Schwangerschaft. „Stell dir vor, schon wieder! Diesmal wird es bestimmt ein Mädchen. Julia, du bist so tapfer.“
Lena aß ihren Eintopf und sagte nichts. Aber sie wirkte nicht mehr klein. Sie saß aufrecht, die Ellbogen nicht auf dem Tisch.
Nach dem Essen, als Helga gerade den Kaffee servierte, legte Lena einen Schlüssel auf den Tisch. Es war ein alter, abgenutzter Schlüssel mit einem roten Plastikring.
„Das ist dein Schlüssel zu unserer Wohnung“, sagte sie ruhig. „Er passt nicht mehr. Wir haben gestern ein neues Schloss eingebaut. Die Rechnung über 89 Euro habe ich bezahlt.“
Helga hielt den Kaffeelöffel in der Hand und guckte auf den Schlüssel. „Was soll das?“, fragte sie.
„Das heißt, du kannst nicht mehr einfach reinkommen, wenn du Lust hast“, sagte Lena. „Kein Kontrollieren mehr, kein Kühlschranköffnen, kein ‚Ich wollte nur mal schauen, ob es sauber ist‘. Thomas und ich haben entschieden, dass unsere Wohnung wieder unsere Wohnung ist.“
Thomas nickte. Er saß neben Lena und legte seine Hand auf ihre. Er nickte nur, aber es war deutlich.
Helga wurde rot im Gesicht. „Das ist ja unerhört! Ich bin deine Mutter! Ich habe ein Recht zu sehen, wie mein Sohn lebt!“
„Du hast kein Recht, in mein Zuhause einzudringen“, sagte Lena. „Der Schlüssel gehört dir nicht mehr. Du kannst ihn behalten, als Andenken. Aber er öffnet nichts mehr.“
Helga griff nach dem Schlüssel und warf ihn in ihre Handtasche. „Dann komm ich eben nicht mehr zu Besuch“, fauchte sie.
„Das habe ich auch nicht gesagt“, antwortete Lena. „Du kannst gern kommen, wenn wir dich einladen. Aber nicht unangemeldet, und nicht mit deinem eigenen Schlüssel.“
Es wurde still im Raum. Julia schaute betreten auf ihren Kuchen. Thomas’ Vater räusperte sich. Draußen hupte ein Auto.
Lena stand auf. „Danke für das Essen, Helga. Es war lecker. Wir müssen jetzt los, morgen ist Montag.“
Thomas stand auch auf. Er nahm seine Jacke vom Haken. Bevor sie gingen, drehte sich Lena noch einmal um und sagte: „Ach, und wegen der Kinder: Wir bekommen keine. Thomas hat sich vor zwei Jahren sterilisieren lassen. Das wusstest du nicht, oder? Jetzt weißt du es.“
Ich hörte, wie Helga scharf Luft holte. Ihr Gesicht wurde weiß. Sie griff nach der Tischkante, als müsste sie sich festhalten.
Lena und Thomas gingen. Die Tür fiel ins Schloss. Das Geräusch hallte im Treppenhaus nach.
Ich blieb noch eine halbe Stunde, weil ich nicht unhöflich sein wollte. Helga redete die ganze Zeit über „diese undankbare Person“. Julia versuchte zu beschwichtigen. Ich trank meinen Kaffee und dachte an den Schlüssel, der jetzt nutzlos in Helgas Handtasche lag.
Zwei Wochen später ging ich zufällig an der Wohnung von Thomas und Lena in der Osterstraße vorbei. Es war kurz nach sechs abends. Vor der Haustür stand Helga. Sie hatte ihren alten Schlüssel in der Hand und steckte ihn ins Schloss. Dreimal versuchte sie es. Der Schlüssel ließ sich nicht drehen.
Sie rüttelte an der Tür. Dann trat sie einen Schritt zurück und guckte nach oben zu den Fenstern. In der Wohnung brannte Licht. Hinter der Gardine bewegte sich etwas.
Helga klingelte. Niemand machte auf.
Sie klingelte noch einmal, länger. Dann nahm sie ihr Handy und tippte etwas. Ich konnte nicht hören, was sie sagte, aber ich sah, wie sie die Lippen bewegte und dabei mit der freien Hand gestikulierte.
Dann steckte sie das Handy weg, warf noch einen letzten, langen Blick auf die Tür und ging die Straße hinunter. Der Schlüssel baumelte an ihrem Schlüsselbund.
Ich stand auf der anderen Straßenseite, vor dem Kiosk mit den Fischbrötchen. Der Besitzer, Herr Öztürk, wischte die Theke ab und summte ein türkisches Lied. Er hatte nichts mitbekommen.
Ich kaufte mir eine Tüte gebrannte Mandeln, obwohl ich gar keinen Hunger hatte. Dann lief ich zur U-Bahn. Die U3 Richtung Schlump war fast leer. Ich setzte mich ans Fenster und sah die Lichter von Eimsbüttel vorbeiziehen. Der Regen trommelte gegen die Scheibe.
Ich wusste nicht, ob ich Lena bewundern oder bemitleiden sollte. Aber eins war klar: Helga hatte ihren Schlüssel verloren. Nicht den aus Metall – den zu einer anderen Frau. Und Lena hatte endlich die Tür abgeschlossen. Mit einem neuen Schloss, das 89 Euro gekostet hatte.
Das war ein guter Preis, fand ich.











