Ich heiße Inge, bin vierundsiebzig, und wohne seit zweiunddreißig Jahren in der Seestraße, direkt gegenüber dem Grundstück von Marlies und Rüdiger. Ich bin die mit dem Dackel. Waldi bellt jeden Wagen an, der vorbeifährt, und in den Wochen vor dem letzten Sonntag hat er öfter gebellt als in einem ganzen Jahr. Das lag an dem silbernen Mercedes, der immer wieder unsere Straße rauf und runter kroch. Ich hätte es mir denken können.
Am Samstagmorgen, es muss so um neun gewesen sein, war ich im Vorgarten und habe meine Astern gegossen. Da hörte ich die schwere Metallpforte gegenüber klirren. Rüdigers Opel stand vor dem Grundstück, der Kofferraum war offen. Ich sah, wie er sich über irgendetwas beugte, dann knallte der Kofferraum zu. Marlies stand auf der Veranda, das Geschirrtuch noch in der Hand. Rüdiger stieg ein, ließ den Motor an. Aus dem Fenster rief er noch etwas zurück – ich konnte es nicht verstehen, aber es klang nicht freundlich. Der Opel zog an, verschwand Richtung Woltersdorfer Weg. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht.
Am Nachmittag hörte ich seltsame Geräusche. Ein Schrauben, ein Klappern von Metall. Als ob jemand an der Pforte arbeitete. Ich trat an mein Küchenfenster, aber die hohe Wand aus Wellblech versperrte die Sicht auf den Hof. Ich sah nur, wie Marlies mehrmals zwischen Haus und Schuppen hin und her ging. Sie trug Gummistiefel, die viel zu groß für sie wirkten.
Am Abend bellte Waldi wieder.
Am Sonntagmorgen zog ich gegen acht den Rolladen hoch und dachte erst, ich sehe nicht richtig.
Der gesamte Zaun – das Grundstück liegt an der Seestraße, genau vierzig Meter Wellblech entlang dem Gehweg – war voller Kleidungsstücke. Hemden hingen an einer Wäscheleine, die zwischen den Zaunpfosten gespannt war. Sakkos, Hosen, Jacken. Darunter standen Gummistiefel in einer Reihe, daneben Angelruten, die an den Zaun gelehnt waren. Ein großer Werkzeugkasten stand auf dem Gehweg. Es sah aus wie ein Flohmarkt, nur ordentlicher. Als hätte jemand den Inhalt eines ganzen Kleiderschranks nach Größe und Farbe sortiert und öffentlich aufgehängt.
Ich kenne Rüdigers Sachen. Ich habe ihn über die Jahre in diesen Hemden gesehen, in der beigen Jacke, in den grünen Gummistiefeln, wenn er sonntags zu seinem Angeber-SUV stolzierte. Jetzt hingen sie da, bewegten sich sacht im Wind, als wäre nichts dabei.
Ich goss mir eine Tasse Tee ein, setzte mich ans Fenster und wartete. Waldi legte sich zu meinen Füßen.
Gegen zwölf kam der Opel. Dahinter der silberne Mercedes, den ich aus den letzten Wochen kannte. Die beiden Wagen stoppten vor dem Grundstück. Türen schlugen zu. Ich hörte Rüdigers Stimme sofort – die kannte ich auch. Er war laut, immer, auch wenn er nur über das Wetter sprach. Aber diesmal war es etwas anderes.
„Marlies! Marlies, mach auf! Was soll der Scheiß?“
Ich stand auf und trat ans offene Fenster.
Rüdiger rüttelte an der Pforte. Der Mann aus dem Mercedes stand ein paar Schritte dahinter, verschränkte die Arme, trat von einem Fuß auf den anderen. Er wirkte nicht überrascht. Eher unangenehm berührt. Als hätte er schon länger das Gefühl, dass diese Besichtigung kein gutes Ende nimmt.
„Marlies! Ich weiß, dass du da bist! Mach auf!“
Drinnen im Hof bewegte sich etwas. Ich sah, wie Marlies zur Pforte ging. Sie trug dieselbe Strickjacke wie am Vortag, allerdings nicht die Gummistiefel, sondern ihre festen Straßenschuhe. In der Hand trug sie eine gelbe Plastikmappe. Ich kannte diese Mappe. Ich hatte sie schon einmal gesehen.
Das war Mitte September gewesen. Rüdiger stand vor meinem Zaun und fragte, ob ich einen guten Makler kennte. Er spiele mit dem Gedanken, das Grundstück zu verkaufen. „Nur so eine Überlegung“, sagte er. Seine Hände hatte er in den Hosentaschen, das Gewicht verlagert, so ein Verkäufergesicht. Ich nannte ihm den Namen von Hartmut Krüger, der für die Sparkasse die Immobilien macht. Vierzehn Tage später tauchte der silberne Mercedes in unserer Straße auf.
Jetzt drückte Marlies die gelbe Mappe durch die Lücke unter der Pforte hindurch. Die Mappe schlitterte über den Asphalt und blieb direkt vor Rüdigers Schuhen liegen. Ich konnte die Kante sehen – die Ecke war eingerissen, die war nicht mehr neu.
„Marlies?“ Rüdigers Stimme kippte. Er bückte sich, hob die Mappe auf. Die Seiten raschelten, als er sie aufschlug.
Ich erkannte, was es war. Ein Vertragsentwurf. Ich wusste es, ohne ein Wort gehört zu haben.
„Das ist nur… das sind nur Vorüberlegungen“, stammelte Rüdiger. Er drehte sich zu dem Mann aus dem Mercedes um, als suche er Unterstützung. Der trat einen Schritt zurück und schaute auf sein Handy.
Dann Marlies' Stimme. Ruhig, ohne Schärfe. „Ich lüfte nur deine Sachen, Rüdiger. So wie du es dir gewünscht hast.“
Sie drehte sich um und ging zurück zur Veranda. Ich sah, wie sie sich an den Tisch setzte, eine Thermoskanne aufschraubte und sich eingoss. Als wäre der Mann vor ihrer Tür nicht ihr Ehemann, sondern ein Vertreter, der zu spät gekommen ist.
Der Mercedes-Fahrer räusperte sich. „Wissen Sie, Rüdiger“, sagte er, „ich glaube, ich fahre lieber. Klären Sie das erst mal zu Hause.“
Ich hörte die Autotür, den Motor. Der Mercedes wendete vor meinem Rosenbeet und fuhr davon.
Rüdiger stand noch eine Weile da. Dann begann er, die Hemden von der Leine zu nehmen. Er trug sie über dem Arm, warf sie auf die Rückbank des Opel. Die Angelruten klemmte er in den Kofferraum. Die Gummistiefel stopfte er in einen Sack. Er arbeitete ohne ein Wort. Ab und zu fluchte er vor sich hin. Waldi knurrte unter meinem Tisch.
Ich sah, dass er allein nicht alles schaffte. Der Werkzeugkasten war zu schwer. Er ließ ihn stehen, stieg ein, fuhr davon. Der Kasten blieb am Zaun zurück, daneben eine einzelne Baseballkappe, die vom Wind von der Leine geweht worden war.
Am Nachmittag, als es ruhig geworden war – nicht die Art Ruhe, die man fürchtet, sondern einfach Ruhe –, holte ich den Apfelkuchen aus der Speisekammer, den ich am Vortag gebacken hatte. Ich schnitt zwei dicke Stücke ab, wickelte sie in Pergamentpapier und legte sie in einen kleinen Korb. Dann zog ich meine Jacke an, nahm den Korb und ging über die Straße.
Ich lehnte den Korb an die Pforte. Klopfte nicht. Sagte nichts. Nur der Korb stand da, mit den zwei Stücken Kuchen und einem Zettel, auf den ich geschrieben hatte: „Für die Lüfterin. Inge.“
Als ich zurück in mein Haus ging, knurrte Waldi nicht mehr. Er wedelte.
Ich habe aus meinem Küchenfenster gesehen, wie Marlies am späten Abend die Pforte aufmachte. Sie nahm den Korb, las den Zettel. Sie schaute einmal zu meinem Haus herüber. Ich hob die Hand. Sie hob auch die Hand. Dann ging sie zurück in den Hof, die Pforte blieb offen.
Am Montagmorgen stand der Korb wieder vor meiner Tür. Leer. Mit einem frisch gebackenen Brot drin und einem Zettel: „Ich lüfte noch. Danke. Marlies.“
Ich habe das Brot zum Frühstück gegessen. Es war noch warm.
Rüdiger habe ich seitdem nicht mehr gesehen. Der Werkzeugkasten stand noch zwei Tage an der Straße. Dann war er weg.
Marlies und ich trinken jetzt manchmal zusammen Tee. Gestern hat sie mir erzählt, dass Rüdiger schon eine Anzahlung von vierzigtausend Euro kassiert hatte. Für das Grundstück, das sie vor zweiundzwanzig Jahren mit dem Erbe ihrer Großmutter bezahlt hatten. „Er hat es auf seinen Namen eintragen lassen“, sagte sie. „Damals habe ich gedacht, das sei einfacher. Wegen der Steuern.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich war dumm.“
Ich habe dazu nichts gesagt. Nur den Tee nachgeschenkt.
Sie arbeitet jetzt viel an ihrer alten Nähmaschine – ich höre das regelmäßige Klackern bis über die Straße. Manchmal sitzen wir einfach da, Waldi liegt zwischen uns auf dem Boden und schläft.
Am Zaun hängt eine leere Wäscheleine. Vierzig Meter. Marlies sagt, sie lässt sie dort. Zum Lüften.











