Der Kaffee in der Cafeteria des Städtischen Klinikums Dresden war lauwarm. Daniel, der junge Pfleger von Station 4, saß mir gegenüber und rührte in seinem Becher, obwohl er gar keinen Zucker genommen hatte.
„Miriam, ich versteh dich nicht", sagte er. „Weihnachten. Deine Mutter sitzt allein in der Neustadt. Warum rufst du nicht einfach an? Sei doch die Größere. Familie ist Familie."
Ich schob den Kaffeelöffel beiseite. Draußen fuhr die Straßenbahnlinie 3 vorbei, die Bremsen quietschten. „Weißt du, was die Größere bei mir bedeutet hat?", fragte ich. „Dass ich zahle. Immer, wenn Helga anruft und sagt, sie habe kein Geld für Strom. Dass ich den Dauerauftrag erhöhe, wenn sie weint. Dass ich das Sparbuch meiner Tochter anzapfe, weil meine Mutter am Automaten in der Spielhalle an der Bautzner Straße steht."
Daniel zuckte mit den Schultern. „Ach, das bisschen Geld. Du verdienst doch nicht schlecht."
Ich stand auf und nahm meinen Teller mit dem halben Brötchen. „Das bisschen Geld waren 15.000 Euro. Lenis Schulgeld. Und du warst derjenige, der Helga erzählt hat, ich hätte einen Notgroschen."
Daniels Gesicht wurde rot. „Sie hat gefragt, ob es dir finanziell gutgeht. Ich wollte nur nett sein."
„Nett", wiederholte ich. „Du hast meiner Mutter erzählt, wie viel auf meinem Konto liegt. Ab heute reden wir beruflich, sonst nichts." Ich ließ den Teller aufs Tablett fallen und ging.
Letzten November war ich in der Wohnung meiner Mutter in der Neustadt. Die Wohnung hatte mein Großvater ihr überschrieben, bevor er starb, mit der Bedingung, dass Helga dort wohnen darf, solange sie lebt. Auf dem Papier stand mein Name als Eigentümerin, aber das Wohnrecht war ihres, unantastbar, solange sie nicht auszog. Die Fenster waren von innen angelaufen, es roch nach kaltem Rauch und Kohl. Helga saß im Sessel, vor sich eine Tasse mit angetrocknetem Kaffee. Ich stand am Küchentisch und hielt den Kontoauszug in der Hand. Die Zahlen tanzten vor meinen Augen. 15.000 Euro, abgehoben am Automaten in der Spielothek, in drei Raten, immer nachts.
„Helga, wofür waren die 15.000?"
Sie schaute nicht auf. „Ich hatte Schulden. Du hast doch genug. Du bist Krankenschwester, du kriegst jeden Monat dein Gehalt. Und außerdem: Du schuldest mir was. Ich habe dich großgezogen, als dein Vater abgehauen ist."
Ich umklammerte die Spüle, das kalte Porzellan. „Das war nicht mein Gehalt. Das war Lenis Sparbuch. Ich habe zehn Jahre lang jeden Monat 50 Euro für ihre Schule weggelegt."
Helga lachte auf. „Die Kleine braucht kein Geld. Die hat dich. Und wenn du nicht so geizig wärst, hättest du mir mehr gegeben."
Mir wurde übel. Ich ging zur Tür. „Ich komme nicht wieder."
Helga schrie hinterher: „Dann bist du genauso undankbar wie dein Vater!"
Ich zog die Tür hinter mir zu. Das Schloss klickte. Auf dem Treppenabsatz blieb ich stehen und wartete, bis mein Atem wieder ruhig war. Dann ging ich die Stufen hinunter. Unten im Hausflur lag ein Prospekt von der Volksbank. Ich trat drauf und ging zur Straßenbahn.
Am nächsten Morgen war ich bei der Sparkasse. Ich widerrief die Kontovollmacht. Die Beraterin tippte, druckte, stempelte. „So, das war's. Ihre Mutter hat keinen Zugriff mehr." Ich nahm die Bestätigung und steckte sie in meine Jackentasche.
Beim Notar dauerte es länger als geplant. Der Notar blätterte in der alten Schenkungsurkunde meines Großvaters und runzelte die Stirn. „Das Wohnrecht Ihrer Mutter ist im Grundbuch eingetragen. Um es zu löschen, brauchen wir entweder ihre Zustimmung oder einen triftigen Grund – Zweckentfremdung, Eigenbedarf, oder eine strafbare Handlung gegen die Eigentümerin." Ich legte den Kontoauszug auf den Tisch. Er las ihn zweimal. „Das reicht", sagte er schließlich. „Aber es wird zwei Wochen dauern, bis das Grundbuchamt es bearbeitet. Vorher können Sie sie nicht rechtssicher hinausbitten."
Ich fuhr trotzdem zur Polizei.
Der Beamte hielt den Stift über das Formular. „Wollen Sie wirklich Anzeige gegen Ihre Mutter erstatten?"
„Ja. Sie hat 15.000 Euro von meinem Konto genommen, ohne zu fragen. Das ist kein Familiending, das ist Diebstahl."
„Sind Sie sicher, dass es Ihr Konto war und nicht ein gemeinsames?", fragte er und blätterte in seinen Unterlagen. „Bei Angehörigen prüfen wir das genau, das kann sich hinziehen."
„Es war das Sparbuch meiner Tochter. Ich habe die Kontoauszüge dabei."
Er nickte, kopierte die Unterlagen, tippte lange. Ich unterschrieb erst, als er mir versicherte, dass die Anzeige tatsächlich aufgenommen würde. Als ich rausging, regnete es. Die Lichter der Straßenbahn spiegelten sich auf dem nassen Asphalt.
Abends saß ich in meiner Küche in der Südvorstadt. Leni malte am Tisch ein Bild von einem Haus mit einem großen Baum. Mein Handy klingelte. Der Name „Helga" leuchtete auf. Ich drückte weg. Sie rief dreimal an, dann schrieb sie eine SMS: „Du wirst bereuen. Ich erzähle allen, was für eine Tochter du bist." Ich löschte die Nachricht und blockierte die Nummer.
Leni schaute hoch. „Wer war das?"
„Jemand, der einen Fehler gemacht hat. Komm, wir schneiden Sterne aus."
Leni holte die Schere. Ich nahm ein Blatt Papier. Wir schnitten einen Stern aus. Leni hielt ihn hoch. „Fertig!"
„Sehr schön. Kleben wir ihn ans Fenster."
Ich ging zum Fenster. Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei. Ich drückte den Stern an die Scheibe.
Zwei Wochen später rief der Notar an: Die Grundbuchänderung war durch, das Wohnrecht gelöscht. Ich hatte in der Zwischenzeit die Wohnung in Prohlis besichtigt, ein Zimmer, 32 Quadratmeter, im Erdgeschoss, mit Blick auf einen kleinen Innenhof. Ich zahlte die Kaution und die ersten sechs Monate Miete im Voraus – nicht aus Mitleid, sondern weil ich wusste, dass eine Frau ohne Obdach vor meiner Tür stehen würde, wenn ich es nicht tat, und das wollte ich Leni nicht zumuten.
Ich fuhr in die Neustadt. Ich hatte den Schlüssel noch. Ich schloss auf, Helga war nicht da. Ich stellte einen Karton auf den Küchentisch und packte ihre Sachen: die Kaffeetasse, die Pillendose, den Aschenbecher mit den Kippen. Ich trug den Karton in den Keller und schloss die Kellertür ab.
Dann rief ich den Schlüsseldienst an. Der Mann kam erst am Nachmittag, eine Stunde später als vereinbart, weil ein anderer Auftrag ihn aufgehalten hatte. Er baute das Schloss aus, setzte ein neues ein. Ich bezahlte bar: 89 Euro.
Ich schrieb einen Zettel: „Hier wohnst du nicht mehr. Die Wohnung war nie deine, sie gehört mir, seit Opa gestorben ist. Ich habe dir eine neue besorgt und sechs Monate Miete bezahlt: Prohlis, Seniorenweg 4, ein Zimmer, 32 Quadratmeter. Deine Sachen stehen im Keller. Danach musst du selbst schauen. Ich hoffe, du findest Hilfe. Ich bin nicht mehr zuständig."
Ich legte den Zettel auf den Küchentisch, zwischen die Krümel. Dann schloss ich die Tür ab und ging zur Familie, die schon eine Weile im Flur gewartet hatte, weil ich mich verspätet hatte. Die Mutter hielt ein Kleinkind im Arm, der Vater trug einen Karton.
„Wir dachten schon, es klappt heute nicht mehr", sagte die Mutter, halb lachend, halb erleichtert.
„Tut mir leid, es hat länger gedauert als gedacht. Die Wohnung ist warm, nur das Bad ist klein." Ich gab ihr den Schlüssel.
„Danke."
Ich ging die Treppe hinunter. Die Stufen knarrten. Vor dem Haus blieb ich stehen. Aus der Bäckerei an der Ecke kam der Geruch von frischen Brötchen. Ich kaufte zwei. Eins aß ich auf dem Weg zur Haltestelle.
Zwei Tage später stand Helga vor meiner Tür in der Südvorstadt. Ich hörte ihre Stimme durch die Gegensprechanlage: „Mach auf, du Miststück! Du hast mir mein Zuhause verkauft!"
Ich drückte die Taste. „Verkauft habe ich nichts, Helga. Ich habe dir eine Wohnung in Prohlis besorgt, sechs Monate bezahlt. Die Wohnung in der Neustadt war nie deine, sie gehörte mir, seit Opa gestorben ist. Du hattest nur ein Wohnrecht, und das hast du verspielt, als du 15.000 Euro von Lenis Sparbuch genommen hast. Die Polizei hat die Anzeige aufgenommen, du wirst eine Vorladung bekommen. Wenn du Hilfe willst, ruf die Suchtberatung an. Aber nicht mich."
Ich ließ die Taste los. Helga schrie weiter. Die Nachbarin machte ihre Tür auf und fragte: „Ist alles in Ordnung?"
Helga schluchzte: „Meine Tochter hat mich rausgeworfen."
Die Nachbarin sagte: „Das muss einen Grund haben."
Helga stampfte auf. Ich lehnte mich an die Wand und atmete tief. Ich hörte, wie sie die Treppe runterging. Dann war es ruhig.
Ich ging zu Leni ins Zimmer. Sie hatte das Bild von dem Haus mit dem großen Baum fertig gemalt. Ich nahm den Umschlag, auf dem „Lenis Zukunft" stand, legte die Kopie der Grundbuchänderung und die Bestätigung der Anzeige hinein. Ich klebte ihn zu und legte ihn in die Schublade, wo die Geburtsurkunde liegt.
Leni fragte: „Mama, warum weinst du nicht?"
„Ich weine nicht. Willst du noch einen Stern?"
„Ja. Einen roten."
Ich holte den Klebestift und klebte den ersten Stern ans Fenster. Dann setzten wir uns nebeneinander und schnitten den roten aus. Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei. Die Lichter tanzten auf dem nassen Asphalt.











