Was die Tochter nicht wusste

Anneliese schälte Kartoffeln, als die Tür aufging. Nicht die Haustür – die ließ sie immer abgeschlossen, seit der letzte Nachbar ausgezogen war – sondern die Küchentür, die direkt in den Flur führte. Claudia stand da, Mantel bis zum Hals, Handtasche unter den Arm geklemmt, und roch nach dem Parfüm, das Anneliese schon seit zwanzig Jahren nicht mehr mochte.

„Mama, ich hab wenig Zeit. Der Notartermin ist Donnerstag um zehn.“

Anneliese legte das Messer auf das Holzbrett. Die Schale einer Kartoffel hing noch an einer Kante, ein dünner weißer Schnörkel. Sie sagte nichts, nur ihre Finger strichen die Schürze glatt, zweimal, als wäre dort ein Fleck, den nur sie sah.

„Du hörst mir ja gar nicht zu“, sagte Claudia und zog einen Stuhl heran, ohne gefragt zu werden. „Ich hab dir tausendmal gesagt: Allein in diesem Haus, mit deinem Rücken, das geht einfach nicht mehr. Und der Garten erst. Willst du dir noch den Oberschenkel brechen?“

Anneliese griff nach der nächsten Kartoffel. Ihre Hände waren ruhig, die Knöchel geschwollen vom Wetter, aber die Bewegung hatte den Rhythmus von jemandem, der das seit sechzig Jahren tut. In der Ecke der Küche tropfte der Wasserhahn. Den hatte sie noch nie reparieren lassen, weil das Geräusch sie an die alte Wohnung in Bautzen erinnerte, wo sie mit ihrer Mutter am selben Tisch gesessen hatte, mit demselben Tropfen.

„Donnerstag um zehn“, wiederholte Claudia. „Ich hole dich ab. Wir müssen beim Notar unterschreiben, dass das Haus auf mich überschrieben wird. Sonst musst du irgendwann ins Heim und dann ist nichts mehr übrig.“

„Ich geh nicht ins Heim.“

„Mama, du bist achtundsiebzig.“

„Ich weiß, wie alt ich bin. Ich hab die Geburtsurkunde neulich noch in der Schublade gefunden.“

Claudia seufzte. Es war ein Laut, den Anneliese kannte, seit ihre Tochter mit vierzehn ihre Hausaufgaben nicht machen wollte. „Es geht nicht darum, was du willst. Es geht darum, was vernünftig ist. Ich hab doch nur dein Bestes im Sinn.“

Da lag es. *Dein Bestes*. Anneliese stach mit dem Messer in eine Kartoffel, als wäre sie aus Ton. Ein kleines braunes Stück spritzte auf die Schürze. Sie wischte es nicht weg.

„Weißt du, Claudia, als ich zweiundzwanzig war, hat mein Vater mir gesagt, ich soll nicht zur Fabrik gehen. Frauen mit Kindern gehören nach Hause, hat er gesagt. Da hab ich mir mein erstes Fahrrad gekauft und bin jeden Morgen um halb sechs die sechs Kilometer nach Niederbobritzsch gefahren, bis der Bus kam. Bei Wind. Bei Regen. Bei allem.“

Claudia zog ihre Handtasche zurecht, als könnte sie den Monolog abklemmen. „Das war früher. Heute ist das anders.“

„Nein.“ Anneliese stand auf, eine Kartoffelschale fiel zu Boden, blieb liegen. „Heute ist gar nichts anders. Nur dass man mir jetzt mit achtundsiebzig weismachen will, ich hätte keine Ahnung, was ich will.“

Sie ging zum Herd, zündete die Flamme an. Das blaue Zischen übertönte einen Moment lang Claudias Antwort. Dann: „Ich hab eine Maklerin von der Volksbank bestellt. Sie kommt am Samstag, dann sehen wir, was das Haus wert ist. Ohne dich geht da nichts, glaub mir. Du unterschreibst entweder jetzt oder du landest in einer Einrichtung, wo du deine Kartoffeln nicht mehr selbst schälst.“

Das war kein Streit mehr, das war ein Ultimatum. Anneliese drehte den Gashahn zu. Das Feuer erlosch.

„Samstag, sagst du.“

Claudia nickte. Es war dieses Nicken, das Anneliese endgültig die Entscheidung brachte. Nicht Wut, nicht Enttäuschung – nur ein leises, fast freundliches Wissen. Sie hatte schon einmal vor einer Wand gestanden, in einem Keller in Dresden, 1976, als ihr Mann sagte, sie könne nicht ausziehen, weil sie kein eigenes Konto hatte. Am nächsten Morgen hatte sie bei der Sparkasse am Altmarkt ein Konto eröffnet. Mit einer Unterschrift, die der Banker zwei Minuten lang prüfte, weil er glaubte, die Frau vor ihm hätte sich verschrieben.

„Ich muss noch einkaufen“, sagte Anneliese und band die Schürze ab. „Die Tomaten brauchen auch Wasser. Es soll heiß werden.“

Claudia stand da, als hätte jemand den Stecker gezogen. „Morgen komme ich wieder. Bring deinen Personalausweis mit.“

„Tu das“, sagte Anneliese.

Sie öffnete die Kühlschranktür, nahm ein halbes Glas Senfgurken heraus, stellte es zurück. Als die Haustür ins Schloss fiel, atmete sie aus. Ein langer Atem, der durch die Nase ging und im Brustkorb drückte.

Am nächsten Morgen, noch vor acht, saß Anneliese im Bus nach Görlitz. Sie trug den dunkelblauen Rock, den sie zu Beerdigungen und zum Arzt anzog, und die flachen Schuhe mit dem Klettverschluss, die sie im Schuhhaus Wehner in der Innenstadt gekauft hatte, weil die Verkäuferin gesagt hatte, die seien „für Damen mit langem Arbeitstag“. Im Bus roch es nach nassem Regenmantel und dem billigen Rasierwasser des Fahrers. Anneliese hielt ihre Handtasche auf dem Schoß, als wäre sie aus Glas.

Das Notarbüro lag in einem Altbau, drei Stockwerke ohne Aufzug. Jede Stufe knarrte anders. Auf dem Treppenabsatz stand eine Gummipflanze, deren Blätter jemand mit Milch poliert hatte. Anneliese blieb davor stehen und zog ein Papier aus der Tasche: eine Abschrift ihres alten Testaments, das sie vor elf Jahren gemacht hatte, kurz nach Rüdiger. Damals hatte sie alles ihrer Tochter hinterlassen. Einmal, im Krankenhaus nach der Hüftoperation, hatte Claudia ihr in einem Moment der Schwäche gesagt: „Ich bin doch deine Tochter, irgendwann gehört es sowieso mir.“ Anneliese hatte die Decke bis zum Kinn hochgezogen und so getan, als schliefe sie.

Der Notar war ein Mann um die sechzig, mit einer Lesebrille, die er auf die Nasenspitze schob, als Anneliese eintrat. Er hieß Dr. Teichmann und roch nach Pfeifentabak, obwohl er nicht rauchte. „Frau Weißbach“, sagte er, „es ist lange her. Setzen Sie sich.“

Sie setzte sich nicht sofort. Sie stellte die Handtasche auf den Besucherstuhl, als müsste sie den Platz erst prüfen. Dann zog sie ein zusammengefaltetes Blatt heraus und legte es auf die Schreibtischplatte.

„Ich möchte mein Testament ändern.“

Dr. Teichmann zog die Brauen hoch, eine kleine Geste, die Anneliese reichte. „Was genau möchten Sie ändern?“

„Meine Tochter Claudia bekommt nichts. Alles geht an meine Enkelin Pia. Das Haus in Steinbach, das Sparbuch bei der Sparkasse Oberlausitz mit vierundzwanzigtausendeinhundertdreißig Euro, und die alte Nähmaschine von meiner Mutter. Pia wohnt in Leipzig und hat mir jeden Sonntag eine Postkarte geschickt, seit sie ausgezogen ist. Nicht eine Woche fehlt. Sogar aus dem Krankenhaus, als sie den Blinddarm raushatte, kam eine Karte mit einem Kleeblatt drauf. Claudia hat mir in den letzten fünf Jahren zweimal zum Geburtstag geschrieben. Einmal davon über WhatsApp.“

Der Notar hielt die Brille fest, als könnte sie sonst herunterfallen. „Sie wissen, was das bedeutet? Ihre Tochter könnte das Testament anfechten.“

„Soll sie. Ich hab die Briefe. Alle. Und die Karten. Und einen Ordner mit Unterlagen, die beweisen, dass ich die letzten elf Jahre selbst bezahlt habe: Grundsteuer, Schornsteinfeger, Heizöl. Sogar die Reparatur des Dachfensters, nachdem der Sturm 2021 den Ast draufgeworfen hat, hab ich von meiner Witwenrente gezahlt. Claudia hat keinen einzigen Cent dazugegeben. Sie hat nur geerbt, als Rüdiger ging. Da war sie schnell.“

Die Worte kamen ruhig, wie ein Wetterbericht. Anneliese spürte, wie ihr Puls im rechten Ohr klopfte, aber ihre Hände lagen flach auf dem Tisch, die Daumen nebeneinander, als gehörten sie nicht zu ihr.

Dr. Teichmann nahm die Lesebrille ab, faltete sie zusammen, legte sie in ein Etui. „Ich setze den Entwurf auf. Sie müssen ihn persönlich hier unterschreiben, mit Zeugen. Nächste Woche Dienstag, halb elf?“

„Geht.“ Anneliese stand auf. „Und, Herr Notar, sagen Sie bitte meiner Tochter nichts. Das geht nur mich und Pia etwas an.“

Im Treppenhaus, zwischen dem zweiten und ersten Stock, setzte sie sich einen Moment auf die Fensterbank. Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei, die Linie 2 nach Rauschwalde. Ein Mann mit Einkaufstrolley winkte einem Kind, das Kind winkte nicht zurück. Anneliese schaute auf ihre Hände, auf die kleinen braunen Flecken, die aussahen wie ein Landkartenausschnitt von einem Fluss, den sie nie bereist hatte. Eine alte Narbe am Zeigefinger, von einem gebrochenen Marmeladenglas, Sommer 1974. Sie rieb mit dem Daumen darüber, bis die Stelle warm wurde.

Am Dienstag unterschrieb sie. Der Zeuge war ein junger Mann aus dem Nachbarort, der bei der Freiwilligen Feuerwehr war und einen Ohrring trug. Er fragte, ob er den Kugelschreiber behalten dürfe. Anneliese sagte: „Wenn Sie mir dafür ein Glas Wasser bringen.“ Das brachte er, und er stellte es ihr auf einem Bierdeckel hin, auf dem stand: *Zum schiefen Turm – Bad Muskau*. Sie trank in drei Schlucken, dann fuhr sie mit dem Bus zurück.

Claudia kam am Samstag. Sie hatte die Maklerin dabei, eine Frau mit blonden Strähnen und einem Klemmbrett, die in der Küche stand und den Kachelofen mit dem Fingernagel abklopfte. Anneliese saß am Tisch, vor sich ein offener Ordner mit der Aufschrift *Testament*.

„Mama, was soll das?“ Claudia blieb im Türrahmen stehen. Ihr Blick fiel auf den Ordner, dann auf Annelieses Gesicht, dann zurück auf den Ordner. Sie kniff die Augen zusammen, wie jemand, der in eine Taschenlampe schaut.

„Ich hab nur noch eine Sache zu regeln“, sagte Anneliese und schob den Ordner ein Stück über den Tisch, sodass die erste Seite sichtbar wurde. Eine beglaubigte Kopie, mit Stempel und Unterschrift. Darüber, in großen Buchstaben: *Letztwillige Verfügung*.

Claudia trat zwei Schritte vor. Die Maklerin wich einen Schritt zurück, als hätte sie ein Tier gesehen. „Was hast du getan?“

„Was richtig ist.“ Anneliese stand auf, ging zum Fenster, drehte den Olivenbaum auf der Fensterbank zur Sonne. „Das Haus geht an Pia. Und das Sparbuch mit vierundzwanzigtausendeinhundertdreißig Euro. Und die Nähmaschine von Oma Helene. Du bekommst nichts. Nicht einen einzigen Schlüssel.“

Claudia lachte. Es war kein schönes Lachen, es brach ab wie ein Zweig unter zu viel Last. „Du spinnst. Du bist wirklich dement. Ich lass dich entmündigen. Ich hab doch nur dein Best—“

„Nein.“ Anneliese drehte sich um, die Gießkanne in der Hand. „Du hast dein Bestes gewollt. Ich hab meins.“

Die Maklerin murmelte etwas von einem Termin und verschwand zur Haustür. Man hörte ihre Absätze zweimal auf dem Holzboden, dann fiel die Tür ins Schloss. Claudia blieb. Ihre Hände zerknüllten die Folie eines Schokoriegels, die sie in der Manteltasche gefunden hatte.

„Ohne dich wäre ich längst in Spanien“, flüsterte Claudia.

„Dann buch dir ein Flugticket“, sagte Anneliese. „Ich bezahle es nicht. Und die Heizung auch nicht mehr. Die hat Pia letzte Woche selbst übernommen, als sie zu Besuch war. Sie hat den Schornsteinfeger bestellt, für den zweiundzwanzigsten. Um acht Uhr morgens. Der kommt, ob du willst oder nicht.“

Claudia drehte sich um und ging. Sie knallte die Tür nicht, das hatte Anneliese befürchtet, aber sie schloss sie so leise, dass man nur das leise Klicken des Riegels hörte. Als wäre sie nie da gewesen.

Anneliese setzte sich wieder an den Tisch. Sie faltete den Ordner zusammen, strich mit dem Handrücken über das grüne Papier, auf dem der Notar die Summe notiert hatte. Dann nahm sie den Bierdeckel, auf dem noch immer der Spruch stand, und legte ihn auf den Stapel mit den Postkarten von Pia. Ganz oben lag die letzte: ein Foto von der Baumwollspinnerei in Leipzig, auf der Rückseite ein Satz in Pias enger Schrift: *Oma, ich hab dir von der Firma Marmelade mitgebracht, die du so gern im Kaffee hattest. Komme am Wochenende.*

Anneliese stand auf, ging in den Garten, wo die Tomaten in der Nachmittagssonne hingen. Der Nachbar, ein alter Mann mit einem Heuschnupfen, hatte sein Radio ans offene Fenster gestellt. Aus dem Kasten kam, leise und mit einem Rauschen, als hätte jemand die Kassette hundertmal zu oft gespielt: „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens. Anneliese blieb zwischen den Tomatenreihen stehen, die Gießkanne in der Hand. Sie hatte dieses Lied zum ersten Mal 1978 gehört, auf einem Volksfest in Niesky, wo sie mit einer Freundin auf den Tischen getanzt hatte, bis der Wirt drohte, die Polizei zu rufen. Die Freundin hieß Ruth und war vor acht Jahren gestorben. Aber die Musik war noch da, genau wie die junge Frau, die sich damals an den Händen fasste, den Rock schwang, lachte, als gäbe es keinen Morgen.

Anneliese goss die Tomaten. Das Wasser glitzerte auf den Blättern. Sie musste nicht mehr tanzen. Es reichte zu wissen, dass sie es einmal getan hatte, und dass niemand ihr die Musik aus dem Herzen nehmen konnte.

Am nächsten Morgen, Punkt acht, klingelte der Schornsteinfeger. Anneliese öffnete, bot ihm einen Tee an, und er erzählte ihr von seinem neuen Sackkarren, den er in einem Baumarkt in Bautzen für neunundachtzig Euro gekauft hatte. Sie hörte zu, bis der Tee alle getrunken war.

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Was die Tochter nicht wusste