Wenn es an Makrina regnet

Die Wetter-App auf Kathrins Handy zeigte eine Wolke, die aussah wie ein zerrissener Vorhang. Neunzehnter Juli. In der alten Küche in Regensburg roch es nach Essig und kaltem Kaffee. Kathrin schob den Teller mit dem Apfelstrudel zur Seite, den sie seit dem Frühstück nicht angerührt hatte. Draußen, über der Donau, wurde der Himmel gelb. Wie immer, wenn ein Gewitter kam.

Ihre Schwester Stefanie Berger stand am Tisch und breitete Unterlagen aus. Ein Notarvertrag. Ein Exposé von einem Makler aus München. Ein Kugelschreiber, der schon einmal auf den Boden gefallen war und jetzt einen Sprung im Gehäuse hatte.

„Du musst nur noch unterschreiben", sagte Stefanie. „Die Käufer aus Nürnberg zahlen sechshundertzwanzig."

Kathrin schwieg. Sie sah zu dem Fenster, an dem der Kater des Nachbarn saß – ein fetter roter Kater, der Max hieß und jeden Morgen um sieben auf dem Sims erschien, als gehörte das Haus ihm. Er hatte sich umgedreht, als spürte er das Wetter.

„Das alte Ding ist doch nur eine Belastung", sagte Stefanie. Sie strich mit dem Daumen über den Rand des Exposés, bis das Papier sich wellte. „Du weißt, wie es bei mir steht. Der Anwalt hat vorletzte Woche geschrieben, dass ich Markus bis September auszahlen muss, sonst geht das Haus in Kelheim komplett an ihn. Ich brauche meinen Anteil jetzt, nicht in zehn Jahren, wenn dir mal danach ist, hier auszuziehen."

„Du hättest fragen können, statt gleich den Notar zu bestellen."

„Ich habe gefragt. Dreimal. Du hast nie geantwortet, du hast nur ‚lass mir Zeit' geschrieben." Stefanie klopfte mit dem Kugelschreiber auf den Vertrag. „Mir bleibt keine Zeit mehr."

Der Regen kam ohne Vorwarnung. Erst drei Tropfen auf die Fensterbank, dann ein Trommeln, das den Geruch von nassem Blech durch das gekippte Fenster drückte. Kathrin atmete aus. Sie stand auf und schloss das Fenster, der Kater sprang auf den Hof.

„Großmutter hat immer gesagt: Wenn es an Makrina regnet, bleibt das Haus bei denen, die es lieben", sagte Kathrin.

Stefanie zog eine Augenbraue hoch. „Oma hat viel gesagt. Das ändert nichts an meiner Situation."

„Trotzdem."

Kathrin holte ihr Handy aus der Schürzentasche. Die Schürze hatte ein Loch an der Seite, durch das man den Bund ihrer Jeans sehen konnte. Sie wischte über das Display, tippte die Banking-App an. Ihr Daumen lag auf dem Sensor. Dann hielt sie inne.

„Wenn ich dir jetzt Geld gebe", sagte Kathrin, „unterschreibst du dann, dass das Haus bleibt, wie es ist? Kein Verkauf, kein Makler, keine Käufer aus Nürnberg?"

Stefanie sah sie an, dann auf den Vertrag, dann wieder auf Kathrin. „Du hast so viel gar nicht."

„Papa hatte eine Rücklage. Für einen Fall wie diesen, hat er gesagt, als er mir das Konto überschrieben hat. Ich wollte es nicht anrühren. Aber lieber das als das Haus."

Sie tippte fertig. Auf Stefanies Handy, das auf dem Tisch lag, vibrierte es. Das Glas war beschlagen von ihrer Handfläche. Eine Nachricht der Bank: „Eingang: 245.000,00 EUR von Kathrin Berger."

Stefanie starrte auf den Betrag, rührte sich nicht. „Warum hat er dir das gegeben und mir nichts gesagt?"

„Weil er wusste, dass du es sofort verplant hättest. Ich sollte es aufheben, für den Tag, an dem du wirklich in Not bist. Heute ist der Tag."

„Das ist nicht fair. Du redest, als hättest du mich gerettet. Als wäre ich das Kind, das man mit Taschengeld ruhigstellt." Stefanies Stimme kippte, dünner am Ende des Satzes. „Er hat dir immer mehr zugetraut. Das Haus, das Konto, alles. Und ich stehe da und muss betteln."

„Du musst nicht betteln. Ich gebe es dir. Aber das Haus bleibt."

Stefanie nahm den Notarvertrag vom Tisch, faltete ihn einmal, dann noch einmal, drückte ihn zusammen, bis die Kanten sich bogen. „Gut. Dann bleibt es eben. Aber glaub nicht, dass das zwischen uns wieder alles gutmacht."

„Das erwarte ich auch nicht."

Der Kater Max kam durch die Katzenklappe zurück und rieb seinen Kopf an Kathrins Knöchel. Draußen rauschte der Regen auf die Glyzinie im Hof. Ein Ast schlug gegen das Küchenfenster.

Stefanie stand da, den zerknüllten Vertrag noch in der Hand. Ihre Finger krümmten sich um die Handtasche – weinrotes Leder, neu, aus einer Boutique in der Regensburger Altstadt, die sie sich eigentlich nicht hatte leisten können. Beim Hochheben kippte sie die Tasche, ein Lippenstift rollte unter den Tisch und blieb neben einem Staubballen liegen. Stefanie bückte sich nicht danach. Sie zog den Hausschlüssel vom Schlüsselbund – der Anhänger, ein kleines Emaille-Herz, war abgeplatzt – und legte ihn auf die Holzkommode neben der Tür.

„Ich lasse den Schlüssel trotzdem hier", sagte sie. „Falls ich ihn nie wieder brauche."

„Du kannst ihn behalten."

„Nein." Sie ließ ihn liegen. Dann ging sie. Die Tür fiel hinter ihr zu, fast höflich.

Kathrin setzte sich wieder. Sie zog den Teller mit dem Strudel zu sich heran. Er war kalt, der Zucker hatte sich aufgelöst und war zu einer glänzenden Kruste geworden. Sie nahm die Gabel und aß ein Stück. Der Regen hörte nicht auf. Er würde den ganzen Tag anhalten, genau wie die Großmutter es gesagt hatte. Siebenundzwanzig Jahre war das Haus jetzt in der Familie. Jetzt würde es noch ein paar mehr werden.

Auf dem Fenstersims lag ein vertrocknetes Blatt der Glyzinie, das der Wind hereingeweht hatte. Sie ließ es liegen und legte den Schlüssel mit dem abgeplatzten Emaille-Herz in die Schublade, zu den anderen Dingen, die sie aufbewahrte, ohne zu wissen, wofür.

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