Der Reißverschluss von Miriams Jacke machte ein Geräusch wie von einem Leichensack. Keine Ahnung, warum mir das durch den Kopf ging, während ich Kartoffeln schälte. Vielleicht, weil es so endgültig klang. Sie zog den Schal ab, stellte die Handtasche auf den Küchentisch und setzte sich mir gegenüber, ohne zu fragen.
Der Hund von nebenan, ein alter Schäferhund namens Boris, bellte dreimal. Dann wurde es still. Durch das gekippte Fenster roch es nach Holunder und nassem Asphalt. In Görlitz roch der Mai immer so.
„Ich habe einen Käufer für das Haus“, sagte sie.
Ich schälte weiter. Die Schale ringelte sich in einem dünnen Streifen über meine Finger. Im Topf auf dem Herd blubberte Wasser.
„Hast du gehört, Elisabeth? Ein Investor aus Dresden. Er zahlt 740.000. Wir könnten alles hinter uns lassen.“
Wir. Als ob ich je woanders hingewollt hätte.
„Das Haus ist nicht zu verkaufen“, sagte ich.
Sie legte einen Ordner auf den Tisch. Ein Notarvertrag, hellblauer Einband, wie die Schulhefte, die Daniel früher hatte. Ich sah nicht hinein.
„Es gehört dir nicht mehr“, sagte sie. „Daniel hat es dir überschrieben, aber er hat kein Testament gemacht. Ich bin die Alleinerbin. Du hast nur ein mündliches Versprechen, und das gilt vor Gericht nichts.“
Ich legte das Messer beiseite. Meine Hände waren ruhig, obwohl in meinem Magen etwas kalt wurde. Das Wasser kochte über. Der Deckel klapperte gegen den Topfrand.
Ich stand auf, schaltete die Platte ab. Dann drehte ich mich um.
„Daniel hat mir das Haus versprochen, als er noch gelebt hat. Und du weißt das.“
„Ich weiß, dass ich zwei Kinder habe, die studieren. Ich weiß, dass ich seit einem Jahr jeden Cent zweimal umdrehen muss. Du sitzt hier in deinem Garten und redest von Versprechen. Ich rede von der Wirklichkeit.“
Sie stand auf, ging zum Fenster. Ich sah ihren Rücken. Sie trug die Strickjacke, die Daniel ihr vor drei Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte. Grau, wie der Himmel über der Neiße an manchen Tagen.
„Der Garten ist voller Unkraut“, sagte sie. „Spitzwegerich. Den kannst du nicht einmal verkaufen.“
Ich setzte mich wieder, holte einen Bleistift und ein Stück Papier. Ich malte einen Kreis und schrieb eine Zahl hinein: 450.000.
„Was soll das?“, fragte sie und drehte sich um.
„Das ist der Preis, den das Institut für Pharmazeutische Biologie aus Jena für meine Spitzwegerich-Sorte geboten hat. Sieben Jahre habe ich die Pflanzen selektiert, immer die mit dem höchsten Aucubin-Gehalt. Die wollen die Rechte kaufen.“
Miriam kniff die Augen zusammen. Sie griff nach dem Papier, ich schob es beiseite.
„Du lügst.“
„Der Brief liegt in der Schublade unter dem Brotkasten. Lies selbst.“
Sie ging zur Anrichte, machte die Schublade auf. Ich hörte Papier rascheln. Als sie sich wieder setzte, war ihr Gesicht verändert. Nicht wütend, eher wie bei jemandem, der merkt, dass der Boden unter den Füßen dünner wird.
„Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“
„Weil du mich nicht gefragt hast. Du bist gekommen, um mir zu sagen, dass ich gehen soll.“
Sie schwieg. Das tat sie selten. Boris bellte noch einmal, als wäre er selbst überrascht.
„Dann verkaufen wir das Zeug“, sagte sie. „450.000 minus Steuern. Davon kaufe ich dir eine kleine Wohnung, den Rest behalte ich für die Kinder. Das Haus verkaufen wir trotzdem.“
„Nein.“
„Warum nicht? Du kannst doch nicht ewig hier wohnen. Der Garten ist Arbeit, und du wirst älter. Ich will nur das Beste für dich.“
Ich lachte. Es klang wie ein Husten.
„Das Beste für mich? Du willst mich in eine Zweizimmerwohnung am Stadtrand stecken, mein Haus verkaufen und meinen Garten zubetonieren. Das ist nicht das Beste. Das ist dein Plan.“
Sie legte den Brief auf den Tisch. Die Kanten waren zerknittert, weil sie ihn zu fest umklammert hatte.
„Dann gib mir die Hälfte vom Verkauf der Rechte. 225.000. Ich verzichte auf das Haus, solange du lebst. Aber danach gehört es mir.“
Ich dachte an Daniel. Wie er als Kind durch den Garten rannte und die Spitzwegerichblätter auf aufgeschlagene Knie klebte. Er nannte sie „Wundenkraut“. Er wusste, was sie wert waren.
„Ich gehe zum Notar“, sagte ich.
„Gut. Ich bringe die Papiere mit.“
„Nein. Ich gehe allein. Und ich werde etwas anderes unterschreiben.“
Sie sah mich an. Da war etwas in ihrem Gesicht, das ich nicht benennen konnte. Vielleicht Angst.
Am nächsten Morgen ging ich in die Stadt. Die Straßenbahn der Linie 1 quietschte in der Kurve am Postplatz. Ich trug meinen braunen Mantel, den ich seit zwanzig Jahren besitze. In der Tasche steckte ein Ordner mit allen Unterlagen: der Grundbuchauszug, der Brief des Instituts, Fotos von Daniels Kindheit. Der Notar, ein junger Mann namens Herr Lindemann, empfing mich in einem Büro mit hohen Decken und Stuckrosetten. Ich legte ihm meinen Plan vor.
„Ich möchte das Haus und den Garten auf eine Stiftung übertragen“, sagte ich. „Eine gemeinnützige Stiftung zum Erhalt alter Heilpflanzen. Der Spitzwegerich soll dort dokumentiert werden, für die Forschung. Ich behalte lebenslanges Wohnrecht. Nach meinem Tod übernimmt die Universität Jena die Pflege.“
Der Notar nahm seine Brille ab, setzte sie wieder auf. Er blätterte.
„Das ist ungewöhnlich, Frau Brenner. Aber machbar. Die Stiftung braucht einen Vorstand. Sie können das allein machen, aber ein Beirat wäre besser.“
„Ich schaffe das. Hauptsache, meine Schwiegertochter erbt nicht.“
Er notierte etwas. Dann nannte er die Kosten: 3.200 Euro für Gründung und Eintragung. Ich zog mein Scheckheft heraus. Ja, ich hatte noch ein Scheckheft. Das Konto lief auf meinen Namen, Daniel hatte es nie angefasst.
„Ich zahle bar“, sagte ich.
Am nächsten Tag, einem Freitag, kam Miriam wieder vorbei. Ich saß im Garten auf der Bank unter dem Apfelbaum. Der Spitzwegerich blühte, die unscheinbaren grünen Blütenstände, die niemand beachtet, aber die mehr Wirkstoff enthalten als jede andere Pflanze im Garten. Sie blieb am Zaun stehen.
„Du hast nicht unterschrieben“, sagte sie. „Der Notar hat angerufen. Er wollte wissen, ob du es dir anders überlegt hast.“
Ich stand auf. Meine Knie knackten. Ich ging zum Gartentor, holte einen Umschlag aus der Jackentasche und streckte ihn ihr entgegen.
„Was ist das?“
„10.000 Euro. Für die Kinder. Damit sie ihr Studium anfangen können. Aber du musst etwas dafür tun.“
Sie nahm den Umschlag nicht.
„Was?“
„Du musst heute Abend um sechs im Grundbuchamt stehen und zusehen, wie dein Name aus dem Register verschwindet. Das Haus gehört ab jetzt der Stiftung. Du erbst nichts. Weder das Haus noch den Garten noch die 450.000. Nichts.“
Ihr Gesicht wurde blass. Sie griff nach dem Zaun, als bräuchte sie Halt.
„Das kannst du nicht machen. Das ist auch Daniels Erbe.“
„Daniel hatte mein Versprechen. Du hattest es auch. Du hast es weggeworfen, weil du nur noch den Immobilienwert gesehen hast. Der Spitzwegerich ist kein Unkraut. Er ist mein Lebenswerk. Und er bleibt.“
Ich legte den Umschlag auf den Zaunpfosten. Dann ging ich zurück zur Bank. Boris kam an den Zaun und wedelte mit dem Schwanz. Er kannte mich besser als die meisten Menschen.
Ich hörte, wie Miriam das Gartentor aufstieß. Sie ging nicht zur Straße, sondern um das Haus herum, vermutlich zu ihrem Auto. Die Tür schlug zu. Der Motor heulte auf. Dann nichts mehr. Nur die Bienen im Spitzwegerich.
Am Abend, kurz nach sechs, bekam ich eine SMS von einer unbekannten Nummer: „Du hast gewonnen. Ich hoffe, du erstickst an deinem Unkraut.“
Ich schrieb nicht zurück. Ich ging in die Küche, nahm den hellblauen Notarordner, den Miriam auf den Tisch gelegt hatte, und warf ihn in den Papiermüll. Den Umschlag mit den 10.000 Euro legte ich in die Schublade unter dem Brotkasten. Ich wusste, Miriam würde am nächsten Tag wiederkommen, um ihn zu holen. Sie brauchte das Geld für die Kinder. Und ich brauchte den Garten.
Der Spitzwegerich blieb.












