Achter Herzschlag

Der Arzt rief sieben Kinder aus. Ich zählte still mit. Sieben Herzschläge, sieben kleine Körper, die nacheinander das grelle Licht des Kreißsaals sahen. Ich stand am Monitor und wollte schon den Kittel ausziehen, die Schicht war vorbei, die Nacht verregnet, November in Leipzig. Dann fror die Bewegung des Oberarztes ein, halb über das CTG-Gerät gebeugt, und er murmelte: „Moment…“

Mein Name ist Johanna, ich bin Hebamme, seit zwanzig Jahren an der Uniklinik. Man denkt, man hat alles gesehen, aber an diesem 14. November vor acht Jahren, kurz vor Mitternacht, lernte ich, dass man eine Zahl nie zu früh auf die Kitteltasche schreiben sollte. Die Patientin, Sabine Winkler, neunundzwanzig, lag erschöpft, aber ihre Hände krallten sich noch in die Laken. Ihr Mann Markus stand bleich an der Wand, die Stirn glänzte unter der Neonleuchte. Wir hatten uns auf sieben Kinder vorbereitet, sieben Wärmebettchen standen im Nebenraum, sieben kleine Namensbändchen lagen schon bereit. Sieben war die Zahl, die das Ärzteteam seit Wochen durch die Kantine trug. Eine Sieben, mit Edding auf den Kaffeebecher von Dr. Hartmann geschrieben. „Die Sieben aus Zimmer 12“ nannten die Schwestern sie.

Um 23:40 kam der erste Schrei. Ein Junge. Dr. Hartmann sagte: „Eins.“ Ich reichte das Tuch, notierte die Zeit. Der zweite folgte zügig, ein Mädchen, leiser, aber da. „Zwei.“ Die Atmosphäre war beherrscht, routiniert, fast wie ein Uhrwerk, das man nur selten sieht. Beim dritten, vierten und fünften hörte ich, wie jemand „Unglaublich“ hauchte, aber ich hatte den Monitor im Auge. Die sechste und siebte Geburt kamen so dicht hintereinander, dass Hartmanns Stimme fast heiser wurde. „Sechs. – Sieben!“ Ein kurzer, kollektiver Seufzer im Raum, jemand wollte applaudieren, doch ich sah auf die kleine Kurve auf dem Bildschirm. Da zuckte, ganz rechts, halb verdeckt vom Schatten der Plazenta, eine winzige zusätzliche Zacke auf – gerade eben erst aufgetaucht, in diesem Moment, während alle noch auf das siebte Kind starrten. Dr. Hartmann wischte sich die Stirn, wandte sich schon halb um, die Schwester griff nach den Tüchern für den Nachwuchs, der Routinebetrieb setzte ein. Da hob ich die Hand.

Niemand hatte mich bemerkt, ich war die Hebamme mit der kleinsten Klappe der Klinik, aber ich hatte gelernt, dass man in einem Kreißsaal jede Unregelmäßigkeit sofort aussprechen muss, auch wenn man sich lächerlich macht. „Dr. Hartmann – auf dem CTG ist noch eine Aktion, schauen Sie, rechts außen. Das ist kein Artefakt.“ Er drehte sich um, seine Lippen wurden schmal. Dann rief er den Oberarzt, der gerade die winzigen Atemmasken für die sieben Bettchen prüfte. Binnen einer Minute standen vier Leute um den Monitor, der Saal war plötzlich wieder still, nur das leise Piepen der Geräte. Sabine hob den Kopf, sie hatte die Unruhe gespürt. „Was ist los?“, fragte sie, und ihre Stimme klang wie rohes Glas.

„Wir prüfen etwas“, sagte Hartmann, und zu mir gewandt, leise: „Sind Sie sicher?“ Ich legte den Finger auf den Ausschlag auf dem Bildschirm, die Kurve pulsierte noch, frisch, gerade erst entstanden. „Da, der achte Herzschlag. Eben noch nicht da, jetzt ist er da.“ Hartmann atmete tief ein, dann gab er die Anweisung: „Keiner geht. Wir eröffnen noch mal.“ Die sieben Kinder wurden rasch versorgt, sie lagen unter Wärmelampen und schrien und zappelten, aber das Team drehte sich wieder um, Instrumente klapperten, ein Ultraschallkopf wurde neu positioniert. Ich hielt die Hand von Sabine, die mittlerweile zitterte, und sagte: „Nur ein Moment, der Kleine hat sich versteckt. So was kommt vor, wenn's so eng ist.“ Sie presste meine Finger, Tränen liefen an ihren Schläfen. Zehn Minuten später ertönte der achte Schrei. Dünn, verhuscht, fast wie ein Kätzchen. Aber er war da.

Der Raum füllte sich mit einem Gemisch aus Erschöpfung und Euphorie. Sabine schluchzte, Markus sank auf einen Hocker und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Jemand brachte die achte Wärmebox, es gab keine vorbereitete Karte, also kritzelte eine Schwester den Namen auf ein Stück Pflaster: *Baby 8, m, 2680 g.* Ich stand da, mein Kittel war durchnässt, meine Beine schwer wie Beton, aber ich war froh, dass ich nicht längst an der Straßenbahnhaltestelle gestanden und in den Regen gestarrt hatte. Später, gegen drei Uhr früh, als alles ruhig war, ging ich noch einmal zu den Monitoren und ließ mir von der Technik einen Ausdruck der CTG-Aufzeichnung geben. Die achte Zacke war klein, aber unverkennbar. Ich faltete das Papier zusammen und schob es in die Brusttasche.

Die folgenden Wochen hinterließen in der Klinik Legenden. Acht Säuglinge auf der Neo-Intensiv, acht Inkubatoren, achtmal Muttermilchpumpen, achtmal Logopädie für Schluckreflexe. Ich lernte die Winklers gut kennen, fuhr öfter an den Wochenenden vorbei, einfach um zu sehen, ob die Schwestern noch lebten. Einmal, an einem Dienstag, stand ich mit Sabine auf dem Flur, während die Kinder schliefen. Sie erzählte, dass sie monatelang kaum gespürt hatte, dass Nummer acht überhaupt da war. „Er war so still. Ich dachte immer, der sei einfach nur schüchtern.“ Sie lachte kurz, dann sah sie auf ihre leeren Hände. „Was wäre, wenn…“ – „Nicht denken“, unterbrach ich sie. „Jetzt ist er da. Und er hat den stärksten Griff von allen, warten Sie's ab.“ Tatsächlich war das der stille Kleine, der später als Erster nach der Brust suchte und nie losließ.

Acht Jahre. So lange trägt man ein gefaltetes Stück Papier in einer Karteikasten-Schublade, ohne zu wissen, wozu. Vielleicht aus Aberglauben, vielleicht aus einem Rest von Verantwortung. Vor zwei Wochen, an einem kühlen Samstag im Oktober, sah ich sie wieder. Ich war im Clara-Zetkin-Park, nicht aus dienstlichen Gründen, ich trank meinen Kaffee aus dem Pappbecher und sah den Hunden der anderen zu. Dann hörte ich ein Lachen, viele kindliche Stimmen, eine Frau, die „Paul, lass die Äste, Paul!“ rief. Sabine. Die Haare kürzer, der Gang etwas schwerer, aber unverkennbar. Um sie herum wuselten acht Kinder, alle zwischen Drachen und Fahrrädern, alle mit denselben breiten Wangen. Markus fehlte, vielleicht auf Arbeit. Ich stand auf, ging in ihre Richtung, der Kaffee wackelte. Mein Herz klopfte, lächerlich. Als sie mich sah, blieb sie stehen, kniff die Augen zusammen. „Johanna! Die Hebamme!“ Sie kam sofort auf mich zu. Wir fielen uns kurz in die Arme, die Kinder musterten mich skeptisch, zwei von ihnen hatten Schlamm an den Hosen, ein drittes zerrte an einer Regenjacke. „Das ist die Frau, die mitgeholfen hat, als ihr geboren wurdet.“ Ein kleinerer Junge, der etwas abseits stand und eine Kastanie in der Faust hielt, sah ruhig hoch. Sabine legte ihm die Hand auf die Schulter. „Das ist der achte. Den habt ihr damals gar nicht auf dem Schirm gehabt, weißt du noch?“

Jetzt war der Moment. Ich griff in meine Jackentasche, in der das zusammengefaltete CTG-Blatt acht Jahre die Waschgänge der Kittel überlebt hatte. Die Ränder waren weich, der Thermopapier-Ton leicht vergilbt, aber die zackige Linie leuchtete. Ich hielt es Sabine hin. „Das hab ich nie weggeschmissen. Der Herzschlag von Ihrem Achten. Schauen Sie, das kleine Zappeln da rechts, genau da, wo er sich noch versteckt hat.“ Sabine nahm das Blatt, hielt es vors Licht. Die Kinder drängten sich heran, bis auf den Kastanienjungen. Sie las die Zeitangabe, das Datum, die schwachen Ausschläge. Tränen schossen ihr in die Augen, sie blinzelte sie weg. „Darf ich das behalten?“, fragte sie leise. „Natürlich“, sagte ich. „Es gehört ihm.“ Sie rief den Jungen zu sich: „Komm, zeig mal.“ Er kam zögernd, drückte sich an ihre Seite. Sabine hielt ihm das Blatt hin, deutete auf den achten Zacken. „Das bist du. Das warst du, bevor du geschrien hast.“ Der Junge nahm das Papier, drehte es in den kleinen Fingern, die Kastanie fiel ins Gras. Er sagte nichts, aber seine Mundwinkel zuckten, nicht zu einem Lächeln, eher zu einem stillen Erstaunen. Dann steckte er es in seine Hosentasche, so selbstverständlich, als wäre es ein Autogramm seines Lieblingsspielers.

Ich verabschiedete mich bald, der Wind nahm zu, die Parklaternen gingen an. Sabine fragte noch nach der alten Kollegin aus der Neo, wir tauschten Nummern. Auf dem Heimweg, in der überfüllten Tram, dachte ich an die Nacht zurück, an das Piepen der Geräte kurz vor Mitternacht, an Hartmanns „Moment“, das den ganzen Saal zum Stillstand gebracht hatte. Acht Jahre, dachte ich, eine lausige Zahl, und doch hatte sie sich heute wieder geschlossen, in einem Park, mit einer Kastanie im Gras. Ich stieg an der Haltestelle Bayerischer Bahnhof aus, kaufte mir eine Bratwurst und ließ extra viel Senf drauf.

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