Ich habe zwei Tage lang nicht geschlafen, bevor ich zu ihr gegangen bin. Nicht wegen des Kindes – das hatte sich gut eingerichtet, es trat mich nur noch nachts in die Rippen, wenn ich versuchte, auf der linken Seite zu liegen. Sondern wegen dieser Wohnung. Thomas hatte mir die Adresse dreimal diktiert, als wäre ich zu blöd, sie mir zu merken, und dann noch eine Sprachnachricht geschickt, in der er mit seiner weichen, ruhigen Stimme erklärte, dass ich einfach klingeln solle, seine Frau sei unter der Woche um diese Zeit nie da.
Ich stand also um kurz vor elf vor dem Haus in der Karl-Liebknecht-Straße, ein Altbau mit hohen Fenstern und abgetretenem Treppenhaus. Es roch nach Bohnerwachs und kaltem Rauch aus irgendeiner Wohnung. Mein Bauch spannte, das Kleid war zu eng geworden, obwohl es erst im vierten Monat war. Ich hatte noch schnell in einem Café in der Innenstadt ein Wasser gekauft, aber nicht getrunken. Es stand halb voll in meiner Handtasche, als ich die Klingel drückte.
Die Tür ging auf, und da stand sie. Martina. Ich hatte sie mir anders vorgestellt. Älter, müder, mit grauem Haaransatz und einer Schürze. Stattdessen: eine Frau Mitte fünfzig, die aussah wie eine Grundschullehrerin, die gerade ihren Schrebergarten umgegraben hat. Hände voll Erde, eine alte Strickjacke, die Haare locker hochgesteckt. Sie sah mich an, und ich wusste sofort, dass sie nicht überrascht war. Sie musterte mich, als hätte sie diesen Morgen bereits geprobt.
Ich sagte meinen Namen. Lara. Nicht mehr, nicht weniger. Und dass ich mit ihr reden müsse.
Sie trat beiseite und ließ mich rein. Kein Streit, kein Geschrei. Das war gut. Ich wollte das nicht vor den Nachbarn. Ich wollte überhaupt nicht, dass irgendjemand mitbekam, wie ich hier stand und um ein Leben bat, das mir versprochen worden war.
Die Wohnung war anders, als Thomas sie beschrieben hatte. Er hatte von einer großzügigen Altbauwohnung gesprochen, die viel zu schade sei für eine Frau allein. Aber was ich sah, war ein Zuhause, das man nicht einfach abgibt. Im Flur stand eine alte Kommode mit geschnitzten Beinen, darauf eine Schale mit Walnüssen. An der Wand hing ein gerahmtes Foto von zwei kleinen Mädchen im Sandkasten. Die Küche war klein, aber aufgeräumt, mit einem Vesperbrett aus Holz, das aussah, als hätte man es vor vierzig Jahren geschenkt bekommen.
Martina setzte sich mir gegenüber an den Küchentisch. Ich legte meine Handtasche auf den Schoß, weil ich nicht wusste, wohin damit. Durch das offene Fenster hörte man die Straßenbahn die Linie 14 vorbeiziehen, dieses metallische, ziehende Geräusch, das man in Leipzig überall hört, wenn die Fenster nicht dicht sind.
Ich wollte nicht weinen. Ich hatte mir vorgenommen, stark zu sein. Thomas brauchte eine Frau, die für ihn einsteht. Er hatte mir gesagt, dass Martina ihn seit Jahren erpresse, dass sie ihn nur noch in der Wohnung dulde, weil er die Reparaturen bezahlt habe. Dass sie ihm das Leben zur Hölle mache, wenn er nicht endlich eine Entscheidung treffe. Und ich, naiv genug, hatte geglaubt, ich würde mit einem Besuch alles lösen.
Ich redete also. Ich hörte mir selbst zu, wie ich von Quadratmetern sprach, von einem Kinderzimmer, von der Logik, dass eine Familie mehr Platz brauche als eine alleinstehende Frau. Ich sagte Dinge, die mir im Nachhinein wie fremde Sätze vorkamen. „Sie haben doch Ihr Häuschen im Grünen.“ Ich wusste von dem Garten, weil Thomas davon erzählt hatte, immer mit einem spöttischen Unterton. Ich wiederholte seine Worte, ohne sie je gesehen zu haben.
Martina nickte nur. Sie stritt nicht. Sie sah mich an, als würde sie auf etwas warten. Ich redete weiter, weil ich dachte, wenn ich lange genug rede, wird sie verstehen, dass es mir ernst ist.
Dann griff ich in die Schale auf dem Tisch. Es waren Haferkekse drin, selbst gebacken, mit groben Nüssen. Ich nahm mir den größten, weil ich nervös war und weil das Kind mir seit dem Morgen ein flaues Gefühl machte. Biss ab. Es schmeckte nach Butter und Zimt, und mitten im Kauen stieß ich auf etwas Hartes, ein Stück Nussschale oder so. Ich kaute weiter, wollte es herunterschlucken, aber es kratzte im Hals. Also nahm ich die Serviette, die da lag – weiß, steif, frisch gebügelt – und spuckte die Masse hinein. Es war mir egal. Ich war müde, ich war schwanger, und diese ganze Wohnung roch nach einer anderen Zeit, einem Leben, in dem ich nicht vorkam.
Da veränderte sich etwas in ihrem Gesicht. Nicht Wut. Eher eine Klarheit, als hätte sie gerade einen Entschluss gefasst, auf den sie seit Tagen gewartet hatte. Sie stand auf, ging zum Fenster, schloss es. Dann drehte sie sich zu mir um und legte eine blaue Mappe auf den Tisch. Dick, mit Registerreitern, die herausragten wie Zähne.
„Weißt du, Lara“, sagte sie, und ihre Stimme war so ruhig, dass mir der Atem kurz wegging, „Thomas hat dir nicht alles erzählt.“
Ich wollte lachen. Natürlich hat er mir alles erzählt. Er erzählt mir immer alles. So funktioniert das bei uns. Er kommt abends zu mir, legt seine Hand auf meinen Bauch und sagt: „Das schaffen wir, Schatz. Ich muss nur noch ein paar Dinge regeln.“ Und ich glaube ihm. Ich glaube ihm, weil er der einzige Mann ist, der mich je so gehalten hat, dass ich nicht das Gefühl hatte, mich verstecken zu müssen.
Martina öffnete die Mappe. Sie schob sie nicht zu mir, sie blätterte selbst darin, als wäre es eine Gerichtsakte und sie die Vorsitzende. Ich sah Papiere, Briefköpfe, Zahlen. Sie sprach von einer Insolvenz, von einer GmbH, die schon vor anderthalb Jahren abgewickelt wurde, von Krediten, die Thomas auf ihren Namen aufgenommen hatte, von Vollstreckungsbescheiden, die ihn seit Monaten verfolgten. „Er ist nicht zahlungsfähig, Lara. Er hat keinen Job. Er hat dir ein Leben versprochen, das es nicht gibt.“
Ich schüttelte den Kopf. Ich hörte die Worte, aber sie klangen wie eine Fremdsprache. Thomas war Logistikleiter. Er trug Anzug, fuhr einen Firmenwagen, überwies mir jeden Monat Geld für die Miete. Letzte Woche hatte er mir einen Gutschein für ein Babyfachgeschäft gekauft, zweihundert Euro, einfach so.
„Das stimmt nicht“, flüsterte ich.
Martina deutete auf die Papiere. „Lies selbst. Es ist alles da. Ich habe es gestern ausgedruckt. Das Häuschen im Grünen, von dem du geredet hast, gehört meiner Mutter. Das hier“, sie tippte mit dem Finger auf den Tisch, „gehört mir. Noch vor der Ehe geerbt. Thomas hat nie einen Quadratmeter besessen. Er hat nicht einmal einen Wohnsitz hier. Ich habe ihn vor Jahren bei meiner Cousine gemeldet, damit die Nebenkosten nicht in die Höhe schießen.“
Ich griff nach meiner Handtasche, zog sie an mich, als wäre sie ein Rettungsring. Meine Finger fanden die Wasserflasche, halb leer, warm. Ich drückte den Deckel auf und trank, nur um etwas zu tun. Das Wasser schmeckte nach nichts.
„Er hat mir die Kontoauszüge gezeigt“, sagte ich. „Er hat den Parkettboden bezahlt. Die neue Küche. Er hat Verträge unterschrieben.“
„Mit meinem Geld. Oder mit Krediten, die auf meinen Namen liefen. Das war alles noch vor der Pleite. Danach hat er sich einfach den nächsten Traum gesucht – und den nächsten Menschen, der ihn finanziert.“
Sie sagte das ohne Häme. Das war das Schlimmste. Keine Rache, kein Triumph. Nur eine Müdigkeit, die ich plötzlich in ihren Augen sah. Als hätte sie diesen Satz schon tausendmal gedacht und zum ersten Mal aussprechen können.
Ich spürte, wie mein Bauch hart wurde. Das Kind trat, aber es war nicht das. Es war diese Übelkeit, die ich seit dem Morgen unterdrückt hatte, die jetzt aufstieg. Ich presste die Hand auf den Mund. Martina legte ein Taschentuch neben die Mappe, ließ es einfach dort liegen.
Ich stand auf. Mein eigener Körper fühlte sich fremd an, zu schwer, zu langsam. Ich musste hier raus. Die Wände kamen näher, die geschnitzte Kommode, die Schale mit Walnüssen, das Foto der zwei Mädchen. Alles drehte sich.
„Seine Koffer stehen unten vor der Tür“, hörte ich Martina sagen. „Zwei Stück. Ich habe sie heute Morgen rausgestellt. Heute Abend kommt er zu dir. Aber er bringt keine Schlüssel mit, Lara. Nur Schulden.“
Ich erreichte den Flur. Meine Füße steckten in den falschen Schuhen, ich hatte sie noch nicht richtig zugebunden. Die Schnürsenkel lagen lose auf dem abgewetzten Läufer. Ich bückte mich nicht. Ich zog einfach die Tür auf und lief hinaus.
Die Treppe roch nach demselben Bohnerwachs, nach Flieder, der irgendwo im Hausflur in einer Vase stehen musste. Draußen regnete es diesen feinen Leipziger Niesel, der alles in eine graue Suppe taucht. Ich blieb vor dem Hauseingang stehen und atmete. Mein Bauch hob und senkte sich. Ich hörte die Straßenbahn um die Ecke quietschen, dieses hohe, schrille Geräusch, das in meinen Zähnen wehtat.
Ich holte mein Telefon heraus. Thomas hatte mir dreimal geschrieben. „Wie läuft es?“, „Hat sie dich reingelassen?“, „Ruf mich an, wenn du draußen bist.“ Ich drückte auf die Nachrichten, aber ich las sie nicht. Ich öffnete die Einstellungen und scrollte zu seinem Namen. Mein Daumen schwebte über dem Button. Ich zitterte. Die Kälte kroch durch mein Kleid, obwohl ich einen Mantel trug, den er mir letzten Winter gekauft hatte, als es so kalt war, dass die Elbe zufror.
„Was soll ich ihm sagen?“, fragte ich laut, ohne zu merken, dass ich mit mir selbst redete. Eine alte Frau mit einem Einkaufstrolley drehte sich nach mir um. Ich sah weg.
Dann drückte ich den Knopf. Kontakt gesperrt. Nur das. Kein Drama, kein langer Text. Nur ein dunkles Display, das nicht mehr vibrierte.
Ich ging zur Haltestelle. Die Bahn der Linie 14 fuhr ein, fast leer, diese alten Sitze mit dem blauen Bezug, die nach nassem Wetter rochen. Ich setzte mich ans Fenster und schaute nach draußen, wie die Straßen an mir vorbeizogen, das Völkerschlachtdenkmal in der Ferne, die Plattenbauten, die Naschmarktpassage. Ich fuhr bis nach Connewitz, stieg aus, kaufte mir einen Döner, den ich nicht essen wollte, und ließ ihn in der Tonne vor dem Einkaufszentrum verschwinden.
Am Abend saß ich in meiner Einzimmerwohnung in Reudnitz und packte die Sachen zusammen, die er bei mir liegen hatte. Zwei Hemden, ein Rasierer, ein Paar Turnschuhe, die er nie angezogen hatte. Ich legte alles in einen Stoffbeutel, den ich von meiner Mutter geerbt hatte, und stellte ihn vor die Tür. Dann ging ich ins Bad, setzte mich auf den Wannenrand und hielt mein Gesicht unter das kalte Wasser, bis meine Zähne klapperten.
Ich habe ihn nie wieder gesehen. Ich habe nie erfahren, ob er überhaupt gesucht hat. Ich habe nur eines Tages einen Brief von einer Anwaltskanzlei bekommen, in dem stand, dass er Unterhalt schulde. Ich habe den Brief in die blaue Papiertonne geworfen, zusammen mit der halb vollen Wasserflasche und der zerknüllten Serviette aus Martinas Küche.
Jetzt sitze ich hier, fünfundzwanzig, mit einem Kind, das in drei Wochen kommen soll, und einem Konto, das ich jeden Morgen mit angehaltenem Atem öffne. Aber es gibt etwas, das mich jeden Tag über die Runde trägt: Er zahlt nicht. Und ich verlange nichts.
Ich habe eine Nummer gelöscht, einen Beutel vor die Tür gestellt und einen Brief entsorgt. Mehr bleibt mir nicht. Aber manchmal, wenn das Baby tritt und ich die Hand auf meinen Bauch lege, denke ich an die Frau in der Altbauwohnung, an ihre ruhigen Hände, die die Mappe schlossen, und an das Taschentuch, das sie neben meine Hand legte – und ich weiß, dass irgendwo in dieser Stadt eine Frau lebt, die mich verstanden hat, ohne mich zu mögen.
Morgen früh um acht habe ich einen Termin im Klinikum. Die Ärztin sagt, das Kind sei gesund. Ich sage ihr nicht, dass ich nicht schlafe. Ich schreibe auf den Aufnahmebogen nur meinen Namen, meinen Geburtstag und meine Nummer. Und in die Zeile für den Vater mache ich einen Bindestrich.











