Der Kater mit der schiefen Schnauze

Meine Schwester Katja steht im Tierheim vor einem halbtauben Kater mit zwölf Jahren auf dem Buckel, und ich soll jetzt so tun, als wäre das eine gute Idee. Ich bin Lena, dreiundvierzig, Steuerfachangestellte in Freiburg, und wenn es um Katja geht, bin ich immer diejenige, die hinterher aufräumt. Nicht böse gemeint – ich liebe meine Schwester. Aber seit der Scheidung von Thomas ist sie wie ausgewechselt. Früher hatte sie einen Plan für alles: Urlaub, Rente, welche Marmelade zu welchem Brötchen. Jetzt sitzt sie abends allein in ihrer Wohnung in der Sedanstraße, die Rollläden schon um sechs unten, und starrt in ihr Telefon, ohne es wirklich zu sehen.

An dem Tag im Tierheim war ich eigentlich nur als Fahrerin mitgekommen. Katja hatte mir wochenlang in den Ohren gelegen: Ein Kätzchen für die Enkel. Etwas Flauschiges, Verspieltes, mit großen Augen. „Damit die Kinder öfter kommen“, hatte sie gesagt, und ich dachte: Na bitte, endlich ein Projekt. Etwas, das sie aus diesem Loch holt.

Das Tierheim in der Rimsinger Straße riecht nach Desinfektionsmittel und nassem Fell. Eine junge Freiwillige mit Dutt führte uns an den Käfigen vorbei. Graue Kätzchen, getigerte, eins mit einem weißen Fleck auf der Nase. Winzige Pfoten, die durch das Gitter griffen. Genau das, was Katja sich vorgestellt hatte. Ich sah schon förmlich, wie sie den Kleinen in eine karierte Decke wickelte und Tee kochte, während die Enkel auf dem Teppich lachten.

Doch Katja blieb vor dem letzten Käfig stehen. Da hockte er: schwarz-weiß, dürr, mit einer Schnauze, die aussah, als hätte jemand versucht, ein altes Foto zu glätten und dabei die Symmetrie ruiniert. Ein Ohr war nach innen geknickt, die Zunge hing ihm aus dem Maul – nicht süß, sondern einfach nur schief. Um den Hals trug er eine winzige Fliege, rot, völlig verrutscht.

„Das ist Siggi“, sagte die Tierpflegerin leise. „Er ist zwölf. Wurde zweimal adoptiert und wieder zurückgebracht. Die Leute sagen, er sei… seltsam. Er starrt zu viel. Außerdem braucht er Spezialfutter, und seine Zähne sind eine Baustelle. Wir wissen nicht, wie lange er noch hat. Vielleicht ein Jahr. Vielleicht zwei.“

Katja hockte sich vor den Käfig und flüsterte: „Na, Professor? Dich hat man wohl auch abgeschrieben, was?“

Mir wurde flau im Magen. Nicht wegen des Katers. Wegen dieses Tons in ihrer Stimme. Dieser Ton kam mir bekannt vor – so hatte sie vor zwei Jahren über sich selbst gesprochen, als Thomas mit der Neunundzwanzigjährigen aus dem Yogastudio durchgebrannt war. „Tauschmodell jünger“, hatte Katja damals gesagt und ihr Weinglas so fest gehalten, dass die Knöchel weiß wurden. Alle hatten sie bemitleidet. „Du findest schon noch jemanden“, hieß es ständig. „Du bist doch eine starke Frau.“ Aber was ich sah, war eine Frau, die nicht mehr aus dem Briefkasten holte, weil da nur Rechnungen und kein einziger handgeschriebener Zettel lagen.

Noch im selben Nachmittag trug Katja den blauen Transportkorb zum Auto. Siggi darin, regungslos, mit seinem schiefen Blick, der irgendwie aufmerksamer wirkte als die meisten Menschen in meiner Steuerkanzlei kurz vor Feierabend.

Abends fuhr ich zu ihr, brachte Windbeutel vom Bäcker mit. Ich wollte noch einmal in Ruhe mit ihr reden, Schwester zu Schwester. Aber als ich in die Wohnung kam, saß Katja auf dem Sofa, vor sich einen Stapel Papierkram. Die Scheidungspapiere. Der Vergleich, die Rentenpunkte, das Schreiben vom Amtsgericht Freiburg – all das lag da seit Monaten, unangetastet wie ein Mahnmal.

Und dann kam Siggi. Er schlich aus dem Korb, musterte den Raum mit der Würde eines Notars, der gleich eine Urkunde verliest, und setzte sich mitten auf die oberste Seite. Genau auf den Absatz, wo „Eheaufhebung“ stand. Dann sah er mich an. Direkt, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Katja“, sagte ich und zeigte auf die staubigen Papiere. „Das Ding ist uralt, krank und läuft vermutlich auf Reserve. Du hast dir ein Problem auf vier Pfoten geholt. Einen Kater aus der Resterampe.“

Sie zuckte nicht einmal zusammen. „Er heißt Siggi“, sagte sie. „Und er bleibt.“ Sie beugte sich vor und kratzte ihn hinter dem schiefen Ohr. Das Geräusch von Papier unter Katzenpfoten war das Einzige im Raum. Siggi schnurrte nicht. Er schloss nur langsam die Augen, so als ob alles in Ordnung wäre.

Ich fuhr nach Hause mit einem flauen Gefühl. Nicht wegen des Katers, verdammt. Sondern weil ich wusste, dass sie sich in ihm selbst sah. Und dass mein kluger Ratschlag sie nur weiter von mir wegtreiben würde.

In den Wochen danach hörte ich wenig von ihr. Das war ungewöhnlich, sonst rief sie jeden zweiten Abend an. Ich dachte schon, sie schmollt. Dann, an einem Donnerstag, stand ich wieder vor ihrer Tür. Ich hatte einen Prospekt dabei: ein privates Tierheim in Kirchzarten suchte Pflegestellen für junge Katzen. Die Idee war, dass sie Siggi einfach dorthin geben und stattdessen zwei muntere Junge holen könnte. Praktisch, sauber, ein Neuanfang. Ich hatte mir die Sätze im Auto noch zurechtgelegt.

Katja öffnete die Tür, und hinter ihr sah ich Siggi auf dem Fensterbrett sitzen. Neben ihm eine kleine Aluschale mit 25-Cent-Stücken und einem handgeschriebenen Zettel: „Für Siggis Zahn-OP. Jedes Trinkgeld hilft.“ Ich starrte das Schild an. „Trinkgeld? Wofür?“

„Er sitzt einfach da und sieht weise aus“, sagte Katja. „Die Leute von gegenüber, aus der Pizzeria, kommen in der Pause vorbei und gucken ihn an. Manche schmeißen Geld rein. Die meinen, er bringt Glück. Letzte Woche hat der Pizzabäcker gesagt, seit er jeden Morgen kurz zu Siggi rüberschaut, hat er sich nicht einmal mehr den Teig verbrannt.“ Sie lachte. Es war das erste Mal seit der Scheidung, dass ich dieses Lachen hörte. Nicht bitter, nicht ironisch – einfach nur frei.

Mein Prospekt für das Tierheim blieb in meiner Handtasche. Ich setzte mich an ihren Küchentisch, und Siggi kam zu mir rüber. Er rieb seinen schiefen Kopf an meinem Handgelenk, und ich roch Katjas altes Lavendelparfüm, das sie ihm offenbar irgendwo ins Fell getupft hatte. „Du riechst ja wie Oma Erna“, murmelte ich. Katja grinste. „Findet er gut. Wirkt beruhigend, sagt der Tierarzt. Speziell bei seinen Alpträumen.“ Alpträume. Ein Kater, der nachts wach liegt. So einen muss man auch erst mal finden.

Drei Wochen später war der ganze Stolz in Siggis Zahnlosigkeit aufgebraucht. Katja rief mich an, die Stimme gepresst. „Er hat Schmerzen. Die OP kostet 780 Euro, und das ist nur die Voruntersuchung. Danach kommen Medikamente fürs Zahnfleisch, Spezialfutter, vielleicht ein Diätplan. Ach, Lena…“ Sie schluckte. „Ich hab die Kohle nicht. Mein Dispo ist ausgereizt. Thomas hat die letzte Nachzahlung für die Steuer nicht überwiesen.“ Sie sprach schnell und leise, als schämte sie sich für jedes Wort. „Ich weiß, das ist verrückt. Aber Siggi ist das Einzige, was mich morgens aufstehen lässt. Er setzt sich auf meine Brust und starrt mich an, bis ich die Augen aufmache, und dann tropft er mit seiner dummen Zunge auf mein Kissen. Ohne ihn…“ Sie brach ab.

Da war er wieder, dieser Ton. Nur diesmal war es keine Kapitulation, sondern Kampf. Sie wollte diesen schiefen, alten Kater nicht verlieren. Ich hörte im Hintergrund, wie etwas auf den Boden plumpste – vermutlich Siggi, der vom Fensterbrett gesprungen war.

Am nächsten Morgen stand ich um halb acht vor meiner Bank. Ich hob 780 Euro ab. In bar. Ich, die Schwester mit der ewigen Checkliste, die Nachfahrerin, die immer die Bodenhaftung behielt. Ich fuhr zu Katjas Wohnung, legte das Geld in den kleinen Blechbehälter auf dem Fensterbrett, neben die 25-Cent-Stücke, und schob den Zettel so hin, dass Katja ihn sofort sah, wenn sie aus der Küche kam: *Für Siggis OP. Keine Widerrede, Professor.*

Die Operation dauerte fünf Stunden. Ich saß mit Katja im Wartezimmer der Tierklinik in der Basler Straße, trank Automatenkaffee aus dem Pappbecher und las zum dritten Mal dieselbe Überschrift im „Badischen Tagblatt“. Katjas Hand zitterte leicht auf der Armlehne. Als der Tierarzt herauskam und sagte: „Er hat es gut überstanden, aber wir müssen in den nächsten zwei Tagen beobachten, ob das Zahnfleisch sich entzündet“, sackte Katja in sich zusammen wie ein leerer Luftballon, und dann weinte sie. Nicht leise, sondern mit Schluchzern, die sie seit zwei Jahren irgendwo tief in sich vergraben hatte. Ich hielt sie einfach nur fest.

Zwei Wochen später. Ein Samstag. Ich war wieder bei ihr, diesmal mit einer Flasche Weißburgunder. Siggi saß auf dem Sofa, immer noch schief, immer noch die Zunge draußen, aber das Zahnfleisch war verheilt, und er hatte sogar ein paar Gramm zugenommen. Katja strahlte. „Er frisst wie ein Weltmeister. Und stell dir vor: Gestern war der kleine Junge von unten hier, der Elias, der Angst vor Tieren hat. Siggi hat ihn einfach angestarrt, bis Elias gekichert hat. Dann hat Siggi geniest, und Elias hat sich vor Lachen auf den Boden geschmissen. Die Mutter meinte, das sei das erste Mal seit dem Umzug, dass er so gelacht hat.“ Sie nahm einen Schluck Wein. „Weißt du, Lena… du hattest recht. Damals, als du meintest, ich hätte ein Problem geholt. Aber es war das beste Problem, das mir je passiert ist. Siggi wartet nicht darauf, dass ich wieder perfekt funktioniere. Der ist selbst nicht perfekt. Wir passen zusammen, genau so, wie wir sind. Kaputt, aber gemütlich.“

Ich saß da, drehte das Weinglas in der Hand und spürte, wie sich etwas in mir löste. Jahrelang hatte ich gedacht, meine Aufgabe sei es, Katja zu reparieren. Ihre Ehe, ihre Finanzen, ihre Entscheidungen. Sie vor Fehlern zu schützen. Aber dieser Kater mit seiner krummen Visage hatte ihr etwas gegeben, das ich nicht geben konnte: Er fragte nicht nach dem, was sie einmal war. Er fragte nicht nach Thomas und nach dem Haus in Wiehre und nach der verlorenen Jugend. Er saß einfach nur da, mitten auf den Scheidungspapieren, und war da.

Bevor ich ging, trat ich ans Fensterbrett. Der Blechbehälter war noch da, jetzt mit einem neuen Zettel beklebt: „Siggis Rentenkasse“. Daneben lagen ein paar Münzen und ein einzelner Fünf-Euro-Schein vom Pizzamann. Ich steckte drei Euro dazu, einfach so, und sah den Kater an. Er lag auf dem Sofa, die Pfoten über Katjas Knie gelegt, und blinzelte mich an. Kein triumphierender Blick. Eher der eines alten Kollegen, der schon immer wusste, dass die Vernünftigen irgendwann weich werden.

Die Tür fiel ins Schloss. Unten auf der Straße roch es nach nassem Laub und Pizzateig. Ich blieb einen Moment stehen und dachte an den Tag im Tierheim, an mein eigenes Gesicht, das ich im Fenster der Zoohandlung gespiegelt sah – verkniffen, ungläubig, besorgt. Jetzt spürte ich etwas anderes. So etwas wie Respekt. Nicht für mich. Für Katja und ihren verdrehten, weisen kleinen Professor.

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