Die Katze, die vor Tür zwölf wartete

Der Hausmeister Klaus schob seinen Besen über den nassen Asphalt, während die Straßenlaternen noch flackerten. Es war kurz nach sechs, und das Kratzen der Borsten weckte zuverlässig die ersten drei Stockwerke des Mietshauses. Der Geruch von feuchtem Laub und kaltem Stein hing in der Luft, obwohl der Kalender schon April zeigte.

Auf der untersten Stufe des Hauseingangs saß eine Katze. Dreifarbig, mager, mit verfilztem Fell. Ihre Rippen zeichneten sich selbst aus der Entfernung deutlich ab. Sie starrte Klaus mit großen grünen Augen an und öffnete lautlos das Maul, als würde sie miauen – doch es kam kein Ton.

Klaus hielt inne und lehnte den Besen an die Wand. Seine Knie knackten, als er in die Hocke ging. »Na, wo kommst du denn her?«

Die Katze blinzelte. Das stumme Miauen wiederholte sich.

Am nächsten Morgen war sie wieder da. Und am übernächsten. Klaus brachte eine flache Schale und Reste vom Abendessen mit. Die Katze fraß langsam, die Ohren angelegt, immer auf der Hut. Doch nach dem Fressen verschwand sie nicht. Stattdessen stieg sie die Treppe hinauf und legte sich vor die Tür von Wohnung zwölf. Nicht vor die dreizehnte, nicht vor die zehnte. Immer nur die Zwölf.

Am dritten Tag fiel es Klaus auf. Am fünften war er sicher, dass es kein Zufall mehr war.

Montagmorgen kam Frau Schröder mit einem Müllbeutel aus dem vierten Stock und blieb abrupt stehen. »Herr Baumann, haben Sie hier jetzt ein Katzenrestaurant eröffnet?« Ihre Stimme war scharf und das Parfüm so aufdringlich süß, dass es den Geruch von nassem Asphalt überdeckte.

»Ich füttere sie nur«, murmelte Klaus und fegte weiter.

»Das fängt ja gut an. Flöhe, Dreck, überall Haare. Unten wohnt eine Familie mit einem Kleinkind, haben Sie daran gedacht?«

Markus aus dem zweiten Stock lehnte rauchend am Treppengeländer, die Jogginghose ausgebeult. Er grinste. »Klausi, du wirst noch zum Katzenflüsterer. Vielleicht verrät sie dir ja die Lottozahlen.«

Klaus schwieg einen Moment. Dann sagte er leise, mehr zu sich selbst: »Diese Katze ist nicht ohne Grund hier.«

Frau Schröder schnaubte. Markus zog an seiner Zigarette und blies den Rauch langsam aus. »Philosoph«, brummte er und verschwand nach oben.

Die Katze lag vor Tür zwölf, die Pfoten unter den Körper gezogen, den Blick unverwandt auf die Türschwelle gerichtet. Stumm.

Hinter dieser Tür wohnte Frau Berger. Über siebzig, alleinstehend. Sie feierte nie Geburtstag, empfing nie Besuch und trug stets ein dunkelblaues Kopftuch über dem grauen Haar. Sonst sah Klaus sie jeden Morgen mit ihren wackligen Schritten zum Bäcker gehen, beide Hände am Geländer. Manchmal nickte sie ihm zu, manchmal nicht.

Er versuchte sich zu erinnern, wann er sie zuletzt gesehen hatte. Vor zwei Tagen? Oder länger.

Seit dem Tod seiner Frau vor vier Jahren ertappte Klaus sich oft dabei, wie er an fremden Türen lauschte. Vor Wohnung zwölf blieb er stehen. Die Farbe unter der Tür war bis aufs Holz abgeblättert. Dahinter herrschte Stille. Die Katze saß neben ihm und starrte auf das Schlüsselloch.

Am Mittwoch traf er Frau Schröder im Treppenhaus. »Wann haben Sie eigentlich Frau Berger zuletzt gesehen?«

»Wen? Ach, die aus der Zwölf. Keine Ahnung. Die igelt sich doch dauernd ein. Vielleicht ist sie verreist.«

»Sie hat keine Verwandten.«

Frau Schröder zuckte mit den Schultern. »Dann bleibt sie eben drinnen. Ist doch noch kalt.« Es war vierzehn Grad. Klaus widersprach nicht. Ihre Absätze klackerten davon, und das Parfüm verflüchtigte sich, als wäre es nie da gewesen.

Er kehrte zur Tür zurück und presste sein Ohr an den Spalt. Nichts. Oder doch?

Die Katze gab einen Laut von sich. Zum ersten Mal. Leise, heiser, als hätte ihre Kehle vergessen, wie das geht. Ein dünnes, hauchartiges Miau.

Klaus kniete sich hin und strich über ihren Rücken. Jede Rippe war zu zählen. Die Katze ließ das Schlüsselloch nicht aus den Augen.

Er klopfte morgens, abends, tagsüber. Niemand öffnete. Markus stand rauchend im Treppenhaus und sah zu. »Klaus, mach dich nicht verrückt. Alte Leute wollen manchmal einfach ihre Ruhe. Meine Oma hat sich mal einen Monat lang eingeschlossen, weil sie eine Serie geschaut hat.«

»Frau Berger hat keinen Fernseher.« Markus verstummte, brummelte etwas und verzog sich.

Am nächsten Tag wischte Klaus das Erdgeschoss, als von oben ein Geräusch durchs Treppenhaus brach. Kein Miauen. Etwas anderes. Der Lappen fiel ihm aus der Hand. Er rannte die Stufen hoch, immer zwei auf einmal.

Die Katze stand aufrecht vor Tür zwölf, jede Muskelfaser angespannt. Aus Wohnung dreizehn schob sich ein erschrockenes Gesicht durch den Türspalt.

»Was ist da los?«

»Rufen Sie den Notarzt«, sagte Klaus, ohne zu zögern. »Und die Feuerwehr. Die Tür muss auf.«

»Man kann doch nicht einfach so…«

»Jetzt. Sofort.«

Zwanzig Minuten später brach die Feuerwehr das Schloss auf. Stickige, verbrauchte Luft strömte ins Treppenhaus. Klaus trat als Erster ein.

Frau Berger lag im Flur zwischen Küche und Wohnzimmer. Ein Pantoffel stand ordentlich an der Wand, als hätte ihn jemand absichtlich dorthin gestellt. Glasscherben eines umgefallenen Wasserglases lagen daneben, und auf dem Linoleum zeichnete sich ein heller Fleck ab – das Wasser war längst verdunstet. In ihrem Wohnzimmer, gerade einmal anderthalb Meter von ihrer ausgestreckten Hand entfernt, stand das Telefon auf dem Beistelltisch. Anderthalb Meter. Unerreichbar.

Die Sanitäter sprachen später von einer Oberschenkelhalsfraktur und schwerer Dehydrierung. Noch ein Tag, hieß es, und es wäre zu spät gewesen.

Als sie sie auf der Trage nach unten brachten, war Frau Berger bei Bewusstsein. Aufgesprungene Lippen, trübe Augen, graue Haut. Aber ihr Blick wanderte nicht zu den Helfern oder zu den Nachbarn, die sich am Geländer drängten. Sie sah die Katze an, die wieder stumm auf der untersten Stufe kauerte.

»Klaus«, flüsterte sie. »Bitte… füttern Sie sie.«

Ihm schnürte sich die Kehle zu. Er nickte nur.

Die Türen des Krankenwagens schlossen sich, das Blaulicht tauchte den Hof in rotes Zucken und verschwand. Frau Schröder stand abseits, die Hand vor dem Mund. Markus saß auf der Bank, die Ellbogen auf die Knie gestützt.

Als Klaus am nächsten Morgen um sechs aus dem Haus trat, war die Schale vor dem Eingang gefüllt. Daneben stand ein zweiter Napf, aus grüner Plastik, eindeutig aus einer fremden Küche. Sauberes Wasser glänzte darin.

Er blickte zu den dunklen Fenstern hinauf. In keinem brannte Licht. Aber im fünften Stock quietschte leise das Oberlicht.

Keine zehn Minuten später kam Frau Schröder aus der Tür. Kein Make-up, die Winterjacke über dem Nachthemd. Sie blieb auf der Treppe stehen und sah zu, wie die Katze fraß. Einen Moment lang stand sie nur so da. Dann bückte sie sich, strich schnell und fast verstohlen über das verfilzte Fell, machte auf dem Absatz kehrt und ging zu den Mülltonnen, ohne sich umzusehen.

Markus kam später mit einer zusammengerollten Fleecedecke unterm Arm. »Klaus«, räusperte er sich. »Falls es nachts… na ja, frisch wird. Die ist alt, aber gewaschen.« Er legte sie auf die Stufe und verschwand, bevor Klaus antworten konnte.

Klaus breitete die Decke aus. Die Katze beschnupperte den Stoff, trat mit den Pfoten darauf herum, rollte sich ein und schloss die Augen. Es roch nach feuchtem Laub, nach Frühling – und noch nach etwas anderem, etwas Unausgesprochenem, das schwer in der Luft lag.

Drei Tage später rief das Krankenhaus an. Frau Berger sei stabil, aber die Operation stehe noch bevor. Ihre Genesung würde Wochen dauern, und danach, so hieß es, könne sie nicht mehr allein leben. Zu gefährlich. Man habe bereits Kontakt zum Sozialamt aufgenommen. Ein Pflegeheim sei die einzige Option.

Als Klaus davon im Treppenhaus erzählte, brach ein Tumult aus.

»Die können sie doch nicht einfach abschieben!« Frau Schröders Stimme überschlug sich fast. »Das ist ihr Zuhause!«

Markus nickte finster. »Meine Tante war in so einem Heim. Nach drei Monaten war sie tot. Nicht wegen der Pflege, sondern weil sie nicht mehr wollte.«

Die Katze saß auf ihrer Decke und beobachtete die Versammlung mit reglosen grünen Augen.

Es bildete sich ein loser Bund unter den Nachbarn. Frau Schröder, die sich plötzlich an ihre Ausbildung zur Altenpflegerin erinnerte, die sie vor zwanzig Jahren abgebrochen hatte. Markus, der früher Möbel geschleppt hatte und wusste, wie man Haltegriffe montiert. Klaus, der sowieso jeden Morgen um sechs aufstand. Und noch ein halbes Dutzend andere aus dem Haus, die Frau Berger kaum gekannt, aber die Geschichte der stummen Katze gehört hatten.

Sie organisierten einen Pflegedienst, der morgens und abends vorbeikam. Sie ließen Haltegriffe im Bad installieren, einen Treppenlift einbauen und ein Notrufsystem installieren, das direkt mit mehreren Telefonen im Haus verbunden war. Die Kosten teilten sie auf, jeder gab, was er konnte. Frau Schröder kochte vor, Markus übernahm die schweren Einkäufe, und Klaus versprach, jeden Tag bei ihr vorbeizuschauen.

Doch das Sozialamt lehnte den Plan zunächst ab. Zu riskant, zu unzuverlässig. Wer garantiere, dass die Nachbarn dauerhaft helfen würden? Wer übernehme die Verantwortung, wenn etwas schiefging?

Klaus saß an diesem Abend lange auf der Treppenstufe neben der Katze. »Sie hat uns gefunden«, murmelte er. »Und jetzt lassen sie uns im Stich.« Die Katze öffnete lautlos das Maul und legte ihren Kopf auf sein Knie.

Am nächsten Tag schrieb Klaus einen Brief an die Heimaufsicht. Frau Schröder tippte ihn am Computer, Markus sammelte Unterschriften. Sogar der Vermieter, ein abwesender Investor aus München, der sich sonst nie blicken ließ, unterschrieb nach einem langen Telefonat.

Die Entscheidung fiel an einem regnerischen Donnerstag. Frau Bergers Bett im Krankenhaus war umringt von Nachbarn, als der Bescheid kam: Die Rückkehr nach Hause wurde unter Auflagen genehmigt. Probezeit drei Monate.

Frau Berger weinte zum ersten Mal, seit Klaus sie kannte. Stille Tränen, die in die Falten ihres Gesichts liefen. »Die Katze«, flüsterte sie heiser. »Wie heißt sie eigentlich?«

Niemand hatte ihr je einen Namen gegeben.

Klaus blickte aus dem Fenster, durch das der Regen die Stadt in weiche Grautöne tauchte, und sagte: »Wir nennen sie Glück.«

Frau Berger lächelte. Es war ein brüchiges, zittriges Lächeln, aber es erreichte ihre Augen. »Das hat meine Mutter früher immer gesagt. Wenn eine dreifarbige Katze zu dir kommt, bringt sie Glück.«

Sechs Wochen später kehrte Frau Berger nach Hause zurück. Der Treppenlift summte leise, als sie in den ersten Stock fuhr. Die Wohnungstür, frisch gestrichen, stand offen. Auf der Türschwelle saß die Katze und öffnete lautlos das Maul.

Frau Berger beugte sich im Lift nach vorn, so weit die Gurte es zuließen. »Glück«, sagte sie. »Da bist du ja.«

Die Katze blinzelte. Dann sprang sie auf Frau Bergers Schoß und rollte sich dort zusammen, als hätte sie nie woanders gesessen.

Die Probezeit verging, und der Bund der Nachbarn hielt. An kalten Abenden brannte nun öfter mal Licht in einem Fenster des zweiten Stocks, und manchmal, wenn Klaus morgens um sechs den Besen über den Asphalt zog, hörte er Schritte und wusste, dass Frau Berger auf dem Weg zum Bäcker war. Der Treppenlift summte. Die Katze saß auf der untersten Stufe.

Eines Morgens, als Klaus die Futterschale füllte, entdeckte er einen Umschlag unter der Schale. Er öffnete ihn. Darin lag ein handgeschriebener Zettel, die Schrift zittrig, aber leserlich: *Sie hat mich nicht zufällig gefunden. Und Sie auch nicht. Danke.*

Klaus faltete den Zettel sorgfältig zusammen und steckte ihn in die Brusttasche seiner Jacke. Dann griff er nach seinem Besen. Das Kratzen der Borsten erfüllte den Hof, und irgendwo über ihm miaute eine Katze – oder bildete er es sich nur ein? Er blickte nach oben, aber die Fenster waren dunkel.

Nur das leise Quietschen eines Oberlichts war zu hören.

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Die Katze, die vor Tür zwölf wartete